ablegen und dem grossen Rächer, der Gott in sein Amt zu greifen gedachte, den Gewinn einhändigen. Mardochai winkte den Buben, sich zu entfernen. Zum ersten Male trat eine Träne – ich glaube, der Neue – in sein Auge, er zerriss sein Kleid und verhüllte schluchzend an dem zerbrochenen Körper der geliebten Tochter niederstürzend, sein Angesicht. So kniet die Schuld an dem Opfer, das ihrer eigenen Sühne fällt! –
So furchtbar, Raimund, endigte dieser Tag. Wie ein Taumelnder schlich ich zurück nach Bardeloh's wohnung. Hell glänzte, als die erhabene Stirn der Welt, durch deren majestätische Wölbung die Sternbilder als des Gedankens unauslöschliche Flammen leuchteten, der Himmel über mir. Aber ich hatte kein Auge für diese stille Pracht des schaffenden Gottes, für das Schwanken und Schwärmen, Funkeln und Sprühen dieser Ideen einer weltumfassenden Zukunft. Mein Herz war gebrochen vom Gewicht des Augenblicks. –
Der Amerikaner unterhielt sich noch lebhaft mit Rosalie. Auch Bardeloh tat sich Gewalt an und sprach teilnehmender, als sonst. Mein Eintritt, noch mehr mein Aussehen, brachte eine grosse Störung hervor. Von hundert fragen bestürmt rief ich meinen Gastfreund und Burton in Richard's Warte und teilte ihnen mit wenigen Worten das Vorgefallene mit. Der Amerikaner wich entsetzt zurück, Bardeloh sagte bloss: "Schade! Warum konnte der Mensch nicht noch zwei Tage länger leben? Und Mardochai?" setzte er fragend hinzu. Ich erzählte das Notwendigste.
"Nun, wenn Er nur lebt," erwiderte, von Neuem auflebend der mir Unbegreifliche. "Dann ist ja nichts verloren! Dass Casimir untergehen würde auf irgend solch eine Weise, habe ich mir längst gedacht. – Lebt Sara noch, meine Nichte?"
Eine bestimmte Antwort hierauf konnte ich nicht geben. "Armes Kind, ärmer noch als deine Mutter!" fuhr Richard fort, für sich sprechend. "So strebt doch Alles zu einer gerechten Versöhnung hin, selbst durch Frevel und Verbrechen. Diese Welt ist ein wunderlicher Guckkasten! – Ich gebe meine Schwester dem Juden, weil sie ihn liebte, Mardochai gebraucht sie, wie ein Möbel, die Lust der Rache schon in sich tragend, und das Kind dieser liebenden Rache muss wieder der Rache zum Opfer gebracht werden! Das ist seltsam, sehr seltsam! – Man könnte zweifelhaft werden. – Doch nein! Nein! Nein! rief er laut aus, und die stimme sogleich wieder abdämpfend zu leisem Gemurmel, setzte er hinzu: 'Es liegt ja Alles bloss an unsern verdorbenen Zuständen. Darum vorwärts! Ohne Zaudern, sicher, fest, dem Ziele entgegen! Dieser Granitblock bedarf furchtbarer Hebel, wenn er in Schwung geraten soll.' –
Bald darauf wünschte uns Bardeloh eine gute Nacht, ich begleitete Burton noch eine Strecke, der mich ermahnte, Alles zur Abreise bereit zu halten.
Als ich zurückkam, hörte ich den Mönch wieder einmal singen, doch nicht brünstig, eher mit grossem Wohlbehagen. –"
18.
An Raimund.
Köln, den 6. Februar.
heute Morgen sah ich Casimirs hinterlassene Papiere durch, die ich unordentlich durch einander geworfen auf seinem Zimmer fand. Das Meiste ist bedeutungslos, wenigstens für die Welt, ein so wichtiger Beitrag es auch sein würde zur geheimen geschichte der menschlichen Seele. Nur zwei Papiere haben Wert für mich; in dem einen findet sich das fertige Manuscript seiner Tragödie mit umgekehrten Lettern " B e s u c h G o t t e s i n d e r H ö l l e . " Das andere entielt einen Brief an mich, den Casimir in einer Ahnung seines baldigen Todes geschrieben haben muss. Aus ihm erklärt sich genau die entsetzliche Katastrophe. Eingeweiht in den Lebensabriss, der nun bald hinter mir liegt, teile ich Dir dieses letzte Testament des unglücklichsten und doch auch begabtesten Sohnes unseres an Widersprüchen überreichen Zeitalters unverkürzt mit.
Casimir an Sigismund.
"Du hast mir geantwortet, wie ich es wünschte, und ich bewundere dabei nur Deine capriciöse Ehrlichkeit. 'Ein Hundstoller,' hast Du mir gesagt, 'tobt, beisst und zerreisst, was ihm vor die Zähne kommt.' Brav gesprochen! Du sollst Dich an meinem Gebiss ergötzen. Sollten mir zufällig dabei die giftigen Hauer ausfallen, oder fromme Zuckungen der nervenschwachen Erde einen kleinen Spectakel im Weltall improvisiren, so nimm's nicht übel, dass ich den frechen Gedanken einen frechen Ausdruck gebe auf dem gewalkten Leichentuche, dessen grauester Zipfel den weisesten Kopfteil Europa's bedeckt.
Ich habe Deine Unterredung mit Mardochai, meinem früheren Bundes-, Studien- und Sündengenossen angehört, nicht aus Neugier – denn ich erliege dieser Schwäche nicht, weil ich allmächtig genug bin, um ihr zu trotzen – sondern durch Zufall. Ich ward höflich, gesittet, wie Du's nennst, und fand dabei, was sich aus jeder Zurückhaltung und Rücksichtnahme ergibt, die Pöbelhaftigkeit der Gesinnung. Mein Ohr hörte, dass Mardochai aus Liebe zu seinem Stamme recht pfiffig gehandelt habe mit dem Symbolischen in unserm Bekenntnisse. Ich strich mir eine anziehende Ohrfeige, aus Verdruss über meine Dummheit. Ich war ein gehörnter Siegfried, aus jenem Affentanz vor der Kapelle die vermaledeite Gesinnung des Juden nicht herauszuschmecken. Das verdross mich als Mensch, als Christ und als Poet. Rache muss sein, heisst mein Wahlspruch, und je raffinirter desto süsser. Der Jude hat uns wahrlich keine Limonade eingeschenkt, warum sollte man ihm eingemachte Apfelsinen bieten? Nein! Fluch wider Fluch! Gift