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ihres Spiels die hinreissende Anmut ihrer unschuldigen Grazie zu flechten, ruhte das schöne Mädchen, aber bleich. Ihr Auge war, obgleich es offen stand, gebrochen. Um ihren Hals hing fest die silberglänzende Talis geschlungen. – Es konnte Niemand in Zweifel bleiben über das, was sich hier zugetragen hatte. – Mich lähmte Zorn und Entsetzen, Mardochai stand mit gekreuzten Armen regungslos, ohne zu wanken, keine Wimper zuckend. Er löste seinen weissen Talar, der an der Wand hing, und sanft, wie der Schleier der Versöhnung, sank er herab auf sein lebloses Kind.

Da erst regte es sich im dunklen Hintergrunde unter der maskirten Büste, die mir jüngst Mardochai bei so ergreifenden Gesprächen gezeigt hatte, und Casimir's verwüstetes Gesicht ward erkennbar. Mit zweideutigem Lächeln erhob er sich langsam, kniete auf den Divan neben die Jüdin, und sprach, seine Hand ausstreckend gegen den Juden:

"Mardochai, wir sind fertig mit einander. Als Du vor zehn Jahren mich veranlasstest, das Tabernakel zu plündern, tat ich's, weil's mir gefiel, als ein raffinirter Witz, seitdem ich aber von Dir selber hörte, dass Du den ganzen Spectakel angestiftet habest, um Deinen Zorn abzukühlen, da stieg mir die poetische Raserei meines Herzens in's Gehirn. Ich dachte nach, wie eben ein Mensch, wie ich zu denken vermag, den allerhand satanische Spitzfindigkeiten in die Livree eines lüderlichen Commödianten gekleidet haben, und fand, dass es doch sehr burschikos sei, liesse sich ein gewitzigter Christ von einem Juden ungestraft die Ohren reiben. Ich hab's nicht vertragen, wie Du siehst."

Trotzig riss der furchtbare Rächer der vor Jahren verübten Gotteslästerung die Talis von der Jüdin. "Sieh," rief er und entfaltete sie vor Mardochai's Augen, "jetzt bin ich fertig, ich weiss, wofür ich lebte, denn ich habe einen sehr klugen Juden doch noch überlistet. Morgen schick' ich einen Eilboten in den Himmel. Sein Ordner soll ein Langohr in der Welten Tagebuch brechen, damit der Tag dieser Wiedervergeltung nicht vergessen werde in seinem Reiche!"

Mit diesen Worten schwang er hoch die schimmernde Talis, um sie Mardochai in's Gesicht zu schleudern. Zufall oder Gottes ewige Gerechtigkeit liessen es aber geschehen, dass sie sich im Schwunge um die Büste schlang, die über der Ottomane stand. Die Gewalt des Schwunges riss diese herab und donnernd stürzte der marmorne Block nieder auf den Unglücklichen. Die Maske aber löste sich ab, und die Hülle, auf welche mit Meisterhand die Züge des Erlösers gemalt waren, fiel leis, wie ein versöhnender Kuss, auf den Busen Sara's, während die marmor'ne Statue – M a r d o c h a i ' s e i g e n e s B i l d darstellendCasimir's Brust zerschmetterte.

Lautlos brach der Dichter zusammen, die Talis zitterte, eine schillernde Schlange, um Hand und Haupt des Unglücklichen. Da erhob sich Mardochai, dessen feste Ruhe ihn keinen Augenblick verlassen hatte. Ich lag über Sara's bleichen Busen gebeugt und suchte mit dem heissesten Schmerzenskusse das Leben wieder in die weissblauen Lippen des schuldlosen Opfers zu hauchen.

"Casimir," sprach Mardochai, "wenn Du sterben willst, lass mich's wissen. Ich will Dir einen Priester schicken." "Gleichmut," schrie er im Ton tiefster Seelenpein und wildester Verzweiflung, "Gleichmut mag Deine beichte hören. Doch ich tröste mich, setzte er ruhiger hinzu, war's doch m e i n Ebenbild, das ihn zerschmetterte."

"O, ich sterbe noch nicht," stotterte Casimir röchelnd. "Den Triumph sollst Du nicht haben. Hat mein Witz Dich gepritscht, soll mein Tod auch die Messglock lauten zu Deiner Sterbestunde. Beim Fluch meiner civilisirten Sünden, zerzaust sollst Du werden, wie ein Frosch!" –

Die Kräfte des Sterbenden wichen. Ich wälzte die schwere Büste vollends ab von seiner Brust. Sie war tief eingedrückt, Blut quoll aus seinem mund. "Gottin derHölle," murmelte er zwischen den Zähnen, "will sehenwie weitichrichtigporträtirthabe. – – GottGott!" – – Sein Haupt sank zurück, ein krampfhafter Frost schüttelte alle Nerven, wie ein Windstoss die Wipfel der Bäume, die hohe Stirn berührte mit kaltem Finger der TodCasimir verschied. – Wenige Minuten vorher hatte sich Friedrich auf den Tisch des Zimmers gesetzt; er fing an mit den Füssen zu baumeln und spielte unter lustigem lachen die Melodie: "O du lieber Augustin" etc. Mardochai erschrack. "Auf dem Kreuzberge," sagte er dumpf vor sich hin, "ward das Ding auch getanzt. – Gott ist doch mächtiger als ein Mensch!"

Ich hatte unterdessen die Maske von Sara's lebloser Gestalt gehoben. Mardochai verbarg sie sorgfältig und versuchte seine Tochter durch stärkende Essenzen zu beleben. Allein um ihr Auge floss nicht mehr der Tau des neuen Lebenstages, sie war verschieden.

"Was gibt es?" fragte Mardochai, ein Geräusch beachtend, das sich im Zimmer erhob. Ich wandte mich mit flüchtigem blick um; – zur Tür herein trat ein Zug von Knaben, Körbchen um die Schultern tragend, jeder einen Beutel in der Hand. Ich hatte genug gesehen. Es waren die betriebsamen Handelsleute am Dome. Sie wollten Rechenschaft