1838_Willkomm_134_127.txt

Bardeloh mit zu schaffen hat beim Carneval, so komme ich in sein Haus, und dann halte ich mich an Sie. Meinen Bonifacius muss ich sehen."

An der brücke schieden wir. Der pfiffige Klapperbein steckte mir beim Weggehen ein Briefchen zu und flüsterte mir in's Ohr, dass, ginge sein liebes fräulein wirklich ausser Landes, er allein nicht im land bleiben werde. Der Brief kam aus Düsseldorf. Ich steckte ihn zu mir und beeilte mich, den Juden aufzusuchen, voll seltsam stürmischer Gedanken und süss beglückender Herzensregungen. Es dunkelte schon sehr stark, als ich an seine wohnung kam. Friedrich sass auf einem Steine vor der Tür mit der Geige auf dem Schooss. Den Kopf hatte er in beide hände gestützt, den blick zur Erde gesenkt. Er schien zu schlafen, da er mein Räuspern durchaus nicht beachtete. Ich stiess ihn an und fragte, was er hier treibe.

"Ei tausend," erwiderte er mit wichtiger Miene, "sehen Sie mir's denn nicht an, dass ich ein stiller Wächter bin?"

"Hast Du mich nicht gehört?"

"Fühlen und hören ist bei mir all' eins."

"Was bewachst Du denn?"

"Narr und Närrchen."

"Ist Mardochai zu haus?"

"Ich will des Teufels werden, wenn er drinnen ist, und das wäre mehr als ein rechtschaffener Christ werden soll, denn jetzt bin ich noch durch und durch des Gottes."

"Nun so steh' auf, Friedrich, und lass mich hinein."

"Das läuft gegen Controlle und Parole. Ei tausend, kennst Du denn meine Parole?"

"Freilich kenne ich sie, Du hast mir sie ja gesagt. 'Die Geige führt die Narrheit spazieren.' Nicht wahr ich habe ein gutes Gedächtniss?"

"O ja," versetzte der Blödsinnige, "heute aber trägt meine Parole eine poetische Narrenjacke, sie heisst: 'tolle Hunde beissen Unschuldige und werden geil, wenn die Lerchen im Himmel zwitschern.' Gefällt Dir der Spruch?"

"Der Spruch ist gut, der ihn erfunden hat, aber gefährlich."

"Das will ich meinen," lachte Friedrich, "denn vor einer halben Stunde gab's ein lustiges lachen da drin. Als ich noch Junggeselle war, hörte ich den Ton gern. All' meine lustigen Lieder gingen aus diesem Tone. Es war der Jungferntonjetzt aber spiel' ich Alles aus dem Strohwittwertone, und der ist recht lappig und ohne alle Sprung- und Schwungkraft. Es ist ein gewallachter Ton."

"Friedrich," rief ich dem blöden Geiger laut und erschrocken zu, indem ich ihn, der noch immer ruhig vor der tür sass, heftiger schüttelte, "Friedrich, wer ist im haus?"

"Mein Himmel, wer denn sonst, als Täubchen und Täubrich."

"Hast Du Casimir gesehen?"

"So lustbetrunken, wie noch nie."

Die Häuser wankten vor meinen Augen. Mit mächtiger Faust zerrte ich Friedrichen von der Tür hinweg und wollte sie öffnen. Sie war verschlossen. Voll Angst und Wut schlug ich erfolglos mit beiden Fäusten dagegen; Friedrich stimmte, vergnüglich lachend, seine Geige. Ich bat ihn, er solle mir helfen die Tür einschlagen. "Das bedarf's nicht," erwiderte er, "Fromme sind unangreifliche Naturen. Aber warte nur, meine Geige soll die Mauern Jericho's schon umstülpen, wie eine Schlafmütze."

In diesem Augenblicke erschien Mardochai. Kalt und ruhig fragte er, weshalb ich einen solchen Lärm an seiner Tür mache? Ich bat ihn, schleunigst zu öffnen, ein blick auf meine Mienen, in denen Angst und Erwartung des Entsetzens mit scharfen Krallen, wie Nachtvögel an die Gitter eines erleuchteten Fensters, sich festgeklammert hatten, bewog ihn meiner Bitte zu willfahren.

"Aber, lieber Sigismund, was fällt Ihnen denn ein?"

"Die Rache," schrie ich, "die Rache, Mardochai, nimmt Rache an der Rache!"

Diese jedem Andern unverständliche Redeweise galvanisirte die Hand des Juden. Klirrend flog der Schlüssel in's Schloss, die Tür auf Wir traten in die dunklen, von Wohlgerüchen durchdufteten Gänge. Friedrich folgte, bald laut auflachend, bald ein paar Accorde mit grellen Bogenzügen der Violine entlokkend. Es war das Schluchzen der Erwartung, das aufröchelte in bitterer Angst, während das Auge gebrochen zurücksank in seine Höhle.

Ich rüttelte an der Tür des Zimmers und fand auch dieses verschlossen. "Seltsam," sagte Mardochai, mit bebender stimme, "was bedeutet dies?" Ohne Antwort zu geben, rief ich laut: Sara, Sara! – Mir war es, als vernähme ich ein leises Seufzen, erdrückt von einem dumpfen Hohnlachen.

"Ja immer ruft," sagte Friedrich, "das wird aber nicht gleich Antwort geben."

Wir traten in's Zimmer. Eine einzige trüb brennende Lampe beleuchtete mit unstätem Flackern die Gegenstände. Es war Alles still, wie in einer Todtenhalle. Der laute Ruf: "Sara," bebte zu gleicher Zeit von meinen und Mardochai's Lippen. Hinter dem Vorhange, der die Nische verhüllte, schien sich etwas zu regen, Mardochai zündete schnell ein paar Kerzen an, ich riss den Vorhang aus einander und blieb erschrokken regungslos stehen.

Auf derselben Ottomane, die vor wenig Monden Sara zum reizenden Ruhekissen diente, um in die Zauber