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ein Augenblick heiliger Begeisterung überzeugend dem mann vortragen, in dessen Augen es nichts der Schonung Würdiges mehr gab.

Auf dem Wege zur wohnung des Juden bemerkte ich einen steinalten Greis, der mit Hilfe seines Krükkenstabes und eines ebenfalls schon bejahrten, aber doch noch rüstigen Mannes, in dem ich auf den ersten blick den lustigen Klapperbein erkannte, vor mir her ging. Es war der greise Castellan vom Kreuzberge. Eifrig unterhielt er sich mit Ephraim, und der Klang der stimme verriet mir, dass dieser Ankömmling derselbe sei, welcher in einem der Gemächer des Amerikaners um Aufnahme nachgesucht hatte.

Ich mag wohl gestehen, ohne deshalb für charakterschwach zu gelten, dass der Anblick und die Begegnung dieses ehrwürdigen Greises in der Stimmung, die eben mein ganzes Wesen erfüllte, etwas sehr Beruhigendes für mich hatte. Heiter grüssend trat ich zu dem Castellan und schüttelte ihm auf derbe deutsche Weise die Hand. Der heiter-rüstige Greis erkannte mich sogleich wieder und war erfreut, mir nochmals zu begegnen. Da er zu den wenigen Glücklichen gehörte, die in einem langen Leben nicht den Glauben an die Güte der Menschheit und das Vertrauen zu jedem Einzelnen verloren haben, so erfuhr ich nach wenig einleitenden Worten, dass er regelmässig alle Jahre zur Carnevalsfeier die alte Stadt besuche. Einmal in's Reden gekommen, erzählte er von den Festlichkeiten früherer Jahre und, wie er in der Zeit der ungeschwächten Kraft oft selbst mit teil genommen habe an den ergötzlichen Torheiten.

"Jetzt ist das Alles anders geworden," fuhr er fort. "Seit die Unzufriedenheit als Modeartikel im Leben mit feil geboten wird, denken die Leute gar nicht mehr so recht von ganzem Herzen an die pure, sich überstürzende Lustigkeit. Sie schwatzen ein Langes und Breites von Absichten und Zwecken, die Gott weiss, welche grosse Dinge, hervorbringen sollen, während die Fastnacht nun doch einmal bloss für's ehrliche Lustigsein da ist. Ich bin ein Mann von Glauben, der ganz und gar das lustige Leben nicht missen will, aber diese Kopfhängerei auf der einen Seite, und die frivole Düsterheit auf der andern, die heute zu Tage aller Orten sich misbilligend begegnet und stösst; die mein lieber Herr, ist von grossem Uebel!"

"Bei den ersten beiden Weinküpern, Noah und Bachus!" rief Klapperbein aus, "Du hast recht, alter Kumpan. Beten und Singen ist gut und ein gar schönes Ding um ein armes Herz, aber Absicht darf man keine dabei haben. Ich bete just, wenn mir's ankommt. Das ist bei mir, wie der Hunger. Verspüre ich Leerheit, so muss ich drauf denken, wie ich ihr abhelfen kann. Und in diesem Punkte hat die Seele oder das liebe Gewissen eine erstaunliche Aehnlichkeit mit dem Magen."

"Es sind nun wohl schon zehn Jahre her," fuhr der Castellan fort, "dass mich die grosse Narretei nicht mehr recht erfreuen will. Ich könnte nun freilich wegbleiben, alt genug war' ich ohnehin, indess, was man so ein siebenzig Jahre und darüber unter den seltsamsten Lebens- und Weltereignissen mitgemacht hat, dabei muss ein ehrlicher Kerl aushalten so lange es nur möglich ist. Erfreue ich mich nicht mehr an dem Spectakel, den Zwecke leiten, so macht es mir doch Spass, wie der Schalks- und Koboldsgeist solcher Tage, der im Spasse versteckt liegt, den grossen, klugen Weisheitshelden die übermütigsten Rübchen schabt. Und das bleibt niemals aus und wird auch Heuer nicht fehlen."

"Möglich wäre es doch," erwiderte ich, "denn die Anordnung der diesmaligen Festlichkeiten liegt in den Händen des ernstaftesten Mannes –"

"Desto besser, desto besser!" sprach lächelnd der Castellan und stiess wiederholt mit seinem Krückenstabe auf's Pflaster. "Grade den Ernstaftesten wächst der Fuchsschwanz am Rockkragen fest, und je höhere Zwecke diese Grosshändler der Weltgeschichte verfolgen, desto sicherer kann man auf die Nichterreichung derselben bauen."

"Mir ist's all eins', meinte Klapperbein, wenn's nur auch eine Rammelei dabei gibt; und dafür, denke' ich, ist diesmal gesorgt."

"Wie so?" fragte ich.

"Curiose Frage, das! Es ist ja die ganze Hetze der Frommen rings aus der unendlichen Nachbarschaft hergekommen, um einmal zu sehen, wie die 'Gottlosen ihren Sabbat' feiern, und wenn die Böcke mit ihrem Widerspiel zusammentrafen, da hab' ich immer gesehen, dass es an ein ergötzliches Hörnerwetzen ging."

Etwas Aehnliches hatte ich bereits gehört und zwar mit dem Beisatze, man habe absichtlich eine Art Einladung an die strengen Sittenprediger ergehen lassen. Jetzt trug dies nicht wenig bei, mich noch heftiger als früher zu beunruhigen. Ich knüpfte Bardeloh's hingeworfene Worte mit Mardochai's laut ausgesprochenen Verwünschungen zusammen, gedachte des nur zur Hälfte gesehenen Apparats und tausend anderer Dinge. Davon aber gegen die beiden Alten etwas zu äussern, hielt ich für indiskret und unklug.

"Wie geht's denn meinem Novizen?" fragte der Castellan. "Ich möchte den armen Narren doch lebensgern noch einmal sehen; mein Herz hängt ordentlich an ihm. Und sollte er früher sterben als ich, so mag sein trübselig reicher Bruder nur immerhin sein Wort halten."

"Ich erzählte dem Greise, was ich etwa sagen zu dürfen glaubte, ohne ihn gar zu sehr zu betrüben. 'Gut,' erwiderte der Castellan, und da, wie Sie mir sagten, auch