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sind denn diese Kleinodien in die hände gefallen?" sprach der Amerikaner. "Jener Knabe nannte sich Benjamin, sein Aussehen kam mir asiatisch vor."

Jetzt erst fielen auch mir die umherlaufenden Knaben auf. Mein Auge suchte finstern Blickes in der wogenden Menschenmenge, ich sah Niemanden der Verkäufer, nur unablässig traf der schnarrend singende Ton des "Kauft, kauft, meine gnädigen Herrschaften!" mein betäubtes Ohr. Gedankenlos, wie man Altgewöhntes meist hinzunehmen pflegt, hatte ich die schachernden Knaben an mir vorübergehen lassen. Ich war zu tief in die nichtssagende zivilisation verstrickt, um in einem so grellen Auswuchse irgend etwas Anstössiges zu entdecken. Jetzt aber angeregt und gleichsam neu gekräftigt durch die gesunde Frische einer jungfräulichen natur, fühlte ich plötzlich mit einer erschütternden Wehmut den ganzen Schmerz einer verloren gegangenen Welt rein menschlicher Unschuld. Aber es gesellte sich auch noch ein tiefergreifendes Weh dazu. Ich gedachte meiner Unterredung mit Mardochai, meines Gespräches mit der holden Sara, und erblickte in den handeltreibenden Knaben nicht mehr die blosse industrielle Betriebsamkeit der Zeit und der Hebräer, sondern eine eigentümlich sich gestaltende Rache. Und als wolle der Himmel mich bestärken in der Qual meines Gedankens, entdeckte ich in demselben Augenblicke, wo sich der Zug der geschmückten jungen Christen nahte, die hohe Gestalt des Juden hinter der gaffenden Menge umherschleichen. Mehr als grell stach sein feiner, schwarzseidener Talar gegen den Glanz der Freude ab, womit Jung und Alt sich umgeben hatte. Ein langer Zug von Priestern, in dem schimmernden Schmuck der kirchlichen Festgewänder, nahte dem Dome. In ihrer Mitte der Erzbischoff unter dem rotsammtnen Baldachin, den Krummstab in der Hand. Die Glocken läuteten, feierlicher Gesang erscholl, umdampft von Weihrauchdüften trug der heilige Mann die von Edelsteinen strahlende Monstranz in den Dom. "Kauft, kauft, schöne Herrschaften, kauft, kauft!" rief es mitten in den feierlichen Gesang der Chöre, die dunkellockigen Buben mit den pfiffigen Gesichtern hüpften wie Kobolde an dem zug der jungen Christen vorüber, die ausgerufenen Kleinodien darreichend zum Verkaufe.

Vor meinen Blicken liefen die Gegenstände durcheinander. Mir erschien der ganze feierliche Aufzug wie ein grosses Schattenspiel, von unsichtbaren Händen geleitet. fest drückte ich Burton's Arm an meine Brust. "Was ist Ihnen?" fragte er mich. "Dort," stammelte ich zitternd, zähneknirschend, und deutete nach dem Hintergrunde. "Was wollen Sie? Ich sehe doch nur Menschen, geistlos gaffend, sich freuend des lebhaften Gedränges."

"Kauft, kauft" hallte es abermals in der Ferne.

Im Gedränge war Bardeloh mit den Seinigen von unserer Seite gerissen worden, die Menge stiess uns der Domtür zu, ich wandte mich nochmals um. Wie ein gespenstischer Schatten wandelte langsam und stolzen Schrittes Mardochai mit dem ernsten, weissen Antlitz über den Domplatz. Ihm nach liefen die schachernden Knaben, den Vorübergehenden noch immer ihre Formel zurufend. –

Gebückt wie Sclaven, schlichen sich meine Gedanken an das Licht des Tages. Die Musik schwirrte gleich pfeifenden Geisselhieben um mich und grub blutige Spuren in mein zitterndes Herz. Der Weihrauchdampf verwandelte sich in eine erstickende Sandwolke, die vom Samum ausgewirbelt den Sonnenstrahl vom Himmel raubt, um mit ihm die lechzende Seele der armen Menschheit noch furchtbarem Qualen hinzugeben. Eindruckslos blieb für mich die hehre Feier. Ich war weit hinweggeführt von dem Orte, wo ich stand; ich lag an der Stelle, wo einst die Burg von Zion ihre schimmernden Säulen emporhob und kühlte meine brennenden Glieder in dem Staube, geheiligt von Blut und Tränen eines Erlösers und eines hinsterbenden Volkes. –

Die Handlung war zu Ende, der Strom der Zuschauer stiess uns zur Tür. Am Ausgange trafen wir durch Zufall wieder auf Bardeloh, Rosalie und Felix. Der Amerikaner redete den verschlossenen Mann freundlich an und nahm den herbeispringenden Knaben bei der Hand. "Ein solches kirchliches Schauspiel," hob er an, "hat mächtig viel Bestechendes für die Menge. Ich fühle, wie ein nur irgend schwärmerisches Gemüt glücklich sein kann im Katolicismus. Dieser Pomp überrascht, bewältigt und zwingt das Gemüt nicht zur Andacht, sondern zu einer Verzükkung, die ungefähr denselben Erfolg hat."

"Es gehört Phantasie dazu," sagte Bardeloh trokken. "Früher war ich jedesmal von einer solchen Handlung entzückt, schon seit langen Jahren aber lässt sie mich kalt und erweckt sogar ein Gefühl des Widerwillens."

"Mir gefällt der flunkernde Schmuck," sagte Felix. "Denn es ist doch gar zu hübsch, von einem so schön gekleideten mann, wie dem Bischoff, erst mit dem Weihwedel besprengt zu werden und dann irgend einen lieblichen Namen zu erhalten, von dem man doch weiss, woher er gekommen ist. Wann werde ich denn gefirmelt, Vater?"

"Uebermorgen."

"So bald? Wie soll denn das zugehen?"

"Erwart's in Geduld, so bist Du nicht davon überrascht."

"Mutter," sagte Felix, "ich halte mich zu Dir. Bleibst Du bei mir, dann mag meinetalb ich und Alles um mich her gefirmelt werden." –

Ich fühlte mich zu aufgeregt, um einer Einladung Rosalien's, den Tee bei ihr zu nehmen, folgen zu können. Burton sagte zu, ich empfahl mich an der Tür und ging an den Rhein hinab. Es lag mir viel daran, den Juden noch heute zu sprechen. Ich hatte so viel auf dem Herzen und doch so wenig Worte dafür! Was mich bewegte, konnte nur