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die mir schon oft gramvolle Tage bereitet haben.

unterdessen nahte sich die Mittagszeit. Auf Burtons Einladung speiste ich mit ihm, ächt amerikanisch, indem ich mir nur von Amerika erzählen liess. Es gewährt mir dies einen unbeschreiblichen Genuss. Burton ist begeistert, wenn Amerika's Glück in schönen Bildern vor dem hellen Spiegel seines Gedächtnisses vorüberwandelt. Der entschlossene, praktische Mann wird Dichter, ohne es zu wissen. Sein Geist baut Welten auf, die er wohl schwerlich selbst ahnt, und grade in dieser Unwillkürlichkeit liegt ein hoher Reiz, ein Genuss, der namentlich einen Europäer bezaubern muss. –

Zum nahen Carneval finden sich bereits viele Fremde aus der Umgegend ein. Mancher kommt wohl auch, um dem kirchlichen Feste beizuwohnen. Schon seit einigen Tagen war die Anzahl der Fremden bedeutend gestiegen, heute wollte es gar nicht mehr aufhören. Die dem Rheine nahe gelegenen Hotels sind überfüllt. Dennoch sperrt man zusammen, so Viele sich irgend unterbringen lassen und jeder gibt gern nach, wenn es möglich ist. Noch sass ich mit Burton zu Tisch, als der Kellner den Amerikaner fragte: ob er wohl eine kleine kammer auf einige Tage entbehren könne? Ein sehr ehrwürdiger Greis, der alljährlich um diese Zeit hier einspreche, sei eben angekommen und nirgends wolle sich ein Plätzchen für ihn finden. Burton war es zufrieden, dankend entfernte sich der Kellner und bald darauf hörten wir den neuen Ankömmling im Nebenzimmer sprechen. Die stimme schien mir sehr bekannt, doch wusste ich nicht, wo ich ihm früher begegnet sein mochte und vergass über den Erzählungen des Amerikaners auch schnell wieder den momentanen Eindruck.

Abends.

Frühzeitig schon drängte sich eine zahlreiche Menschenmenge in die Nähe des Domes. Individuen von allen Religionsbekenntnissen wollten dem feierlichen Kirchenact beiwohnen und vergassen leicht im Taumel einer neugierigen Lüsternheit, was zahllose Menschenalter ihnen nicht entreissen konnten. So ist der Mensch immer und ewig. fest hängt er an Vorurteilen, ob sie auch noch so töricht sein mögen, nur der Reiz einer augenblicklichen Aufregung kann, wie ein spottender Harlekin, ihn herausjagen aus seiner seltsamen Ernstaftigkeit. –

Grade noch zu guter Stunde fand ich mich in Gesellschaft Bardeloh's nebst seiner Gattin und Felix mit dem Amerikaner ein, um in der Nähe des Eingangs eine behagliche Stelle zu erobern. Aus dem inneren des Doms wehte schon ein betäubender Weihrauchduft, die Hallen selbst waren geschmückt mit Blumen, zwischen denen geweihte brennende Kerzen in blassem Zitterlichte hervorleuchteten. Unter der andrängenden Menge wanderten mit einiger Mühe arme Knaben herum, um deren Schultern geflochtene Strohkörbchen hingen, angefüllt mit Heiligenbildern, Rosenkränzen, kleinen Kruzifixen und andern Dingen, die einem katolischen Gemüte zu Krücken der Andacht dienen. laut riefen diese Knaben ihre Kleinigkeiten aus unter dem gaffenden volk.

"Kauft schöne, blanke Kruzifixe! Neue, geweihte Rosenkränze! Kauft, kauft, schöne Herren! – Alles billigStück für Stück nur drittehalb Silbergroschen!"

So schrieen wohl dreissig Kehlen bunt durcheinander, die glänzenden Waaren den Umstehenden vor den Augen hin und her schwenkend. Die betriebsame Jugend machte ein leidliches Geschäft, denn Viele kauften, um die Störenfriede nur los zu werden, der bigottere oder meinetalb auch andächtigere teil der Anwesenden wohl auch aus einem tiefern Bedürfniss.

Mir fiel diese Betriebsamkeit, die kirchliche Feste in eine Art Jahrmarkt verwandelt, nicht auf. Aehnliche Scenen hatte ich oft erlebt, da ich von Jugend auf in katolischen Ländern viel verkehrte und mit den Sitten und Gewohnheiten seiner Bewohner vertraut war. Grade da, wo sich die anhänglichkeit an dem katolischen Ritus am unumwundesten ausspricht, wie in Böhmen, findet man auch am häufigsten diese an eine frivole Parodie grenzende Leichtfertigkeit, mit dem Heiligsten des Herzens einen gewinnsüchtigen Handel zu treiben. Anders betrachtete der Amerikaner die ihm völlig neue Erscheinung. Auf sein Gesicht trat ein zürnender Ernst, mehrmals stiess er die zudringlichen Buben zurück und nur, als Niemand seinen Widerwillen gegen diese Art, Geschäfte zu machen, mit ihm zu teilen schien, kaufte er endlich einem schwarzlokkigen Jungen ein Kruzifix und auch einen Rosenkranz ab.

"Wie heisst Du?" fragte ich den kleinen Burschen, als er ihm die Münzen gereicht hatte.

"Benjamin, der Sohn des blinden Salomo," erwiderte der Bursche und drängte sich, wie ein Wiesel durch die Menge, von neuem mit lauter stimme rufend: "Gnädige Herrschaften, schöne fräulein, kauft Kreuze, silberne, goldene! Kauft Rosenkränze, schön geschnitzt, rund und glatt, und auch kleine Josephel, kauft, kauft, kauft, meine gnädigen Herrschaften!"

"Das ist mächtig seltsam!" flüsterte mir Burton in's Ohr, eine Erscheinung, wie sie mir noch nie vorgekommen. "Wir leben doch in einem freien land, aber ich bin gut dafür, dass ein Volksaufstand ausbrechen würde, wagte irgend Einer am Eingange zum Heiligtum mit der Industrie zu tändeln. Ihr Europäer scheint gerade da Freiheiten zu besitzen, wo Zwang besser wäre. Euch verwundet es nicht, das Bild des Gekreuzigten feil geboten zu sehen an der Schwelle des Tempels, in dem Ihr zu ihm fleht, wenn aber einer auf offenem Markte es sich einfallen liesse, die ganze Freiheit auszurufen und feil zu bieten, so fürchte ich, wäre Mord und Todschlag das Ende. Wahrhaftig, Ihr habt eine mächtig verderbte zivilisation!"

Ich konnte nur die Achseln zucken und schweigen.

"Kauft blanke, schöne Kreuze!" rief es wieder, "kauft, kauft meine gnädigen Herrschaften, kauft!"

"Und was für einer Menschenklasse