tatkräftigen Naturen das blosse Besprechen ist. Sie haben keinen Massstab für diese unsere Pein. Sie begreifen kaum, dass der Zwang der Verhältnisse uns allen nur die Rede als Schmerzensstiller, statt der entrissenen Tat in die krampfhaft zuckenden hände gegeben hat. Ich bemerkte irgend etwas derartiges, um Burton's Meinung zu hören.
"Ich kann nicht widersprechen," antwortete er mir, "eben so wenig, als ich Euer vieles Reden zu billigen vermag. Wenn Ihr nun einmal ein Abkommen träft unter einander, es sollte Jeder nur ein paar Monate hindurch die halbe Zahl der gewöhnlichen Worte verbrauchen und dafür grade die Hälfte mehr t h u n , glauben Sie nicht, dass von selbst, ganz ungerufen, gewaltige Taten geschehen würden?"
"Nein," versetzte ich, "nimmermehr! Sie gehen von ganz falschen grundsätzen aus. Hindern Sie uns am Reden, so wissen wir uns im Träumen zu entschädigen, bis zur Tat aber kam' es gewiss nicht."
"Das ist traurig, mächtig traurig!"
"Ich muss unserm Freunde beistimmen," fiel Rosalie ein. "Im Allgemeinen hat Sigismund recht, ausnahmsweise aber würde ein solches Experimentiren, um eine Tat zu gebären, höchstens misglückende Revolutionsversuche erzeugen, wie wir dies ja oft genug schon erlebt haben; oder im allerbesten Falle wahre Misgeburten von Taten, Riesen im Entwurf am kopf, Zwerge an den Gliedmassen, deren Anblick nur Schreck einflössen kann und von einer allgemeineren Teilnahme jeden Besonnenen zurückhält."
Als Rosalie mit jener schönen weiblichen Ruhe, die ihr so ganz zu Gebote steht und sie schmückt, wie selten ein Weib, diese Worte sprach, ahnte sie wohl kaum, dass sie noch an demselben Tage als Prophezeihung in Erfüllung gehen würden.
"Sie fühlen dies so tief," erwiderte Burton, "und können es doch über sich gewinnen, in dieser Untätigkeit selbst zu erlahmen?"
Rosalie lächelte bitter. Sie drückte Felix an ihre Brust. "Sind Sie Vater?" fragte sie den Amerikaner.
"Vater von drei mächtig muntern Kindern," sprach Burton mit glänzendem Auge, "zwei Knaben und ein Mädchen nenne ich mein."
"Dann wissen Sie, weshalb ich verkümmere," seufzte Rosalie. "Lebte mir dieser Knabe nicht, so würde ich Alles ertragen, vielleicht gleichgiltiger, vielleicht auch teilnehmender."
"Dennoch sollten Sie mir folgen," versetzte Burton. "Wollen Sie nur recht, Ihr Gatte wird sicher nicht zurückbleiben."
"Meine Frau hat ihren freien Willen," sagte Bardeloh, der eintretend die letzten Worte gehört hatte. "Unsere Ehe war glücklich, sollt' ich meinen, hing aber nie an Kleinigkeiten. Nicht wahr, Rosalie?"
Ein bittender blick traf Bardeloh's Auge. Bewegungslos hielt er ihn aus. "Gewiss, Richard, Du hast wieder die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Täglich wirst Du bleicher; warum doch folgst Du gar nicht mehr meinen Ermahnungen?"
"Weil ich wünsche, Du mögest so unabhängig leben, wie ich."
"Siehst Du, Mutter," fiel Felix ein, "da sagt es Dir der Vater ja ganz deutlich, dass Du mit mir nach Amerika reisen sollst."
"Mit Dir nicht," erwiderte Bardeloh, "allein aber könnte es sich wohl noch treffen."
Diese rätselhafte, düstere Kälte lähmte uns allesammt. Burton, obwol fern aller Sentimentalität, erschrak doch vor einer solchen Art und Weise, das Teuerste, was ein Mann besitzen kann, zu behandeln. Er empfahl sich von Rosalie, nahm meinen Arm und führte mich mit sich in seine wohnung.
"Es ist zu entsetzlich," rief er aus, "ich mag's nicht mehr ertragen! Und doch schlägt mich noch weit mehr, als die Erscheinung selbst, die überzeugung nieder, dass bedeutende, wenn auch nicht leicht erkennbare Gründe vorhanden sein müssen, da solche Auswüchse sich bilden können! Bardeloh ist reich, besitzt ausgezeichnete Geistesgaben, ein liebendes Weib, ein glückliches, aufgewecktes Kind – und doch verschwinden vor seinem Auge alle diese grossen Reichtümer, weil er, sei's mit Grund, sei's aus Ueberspannung, für die Zukunft besorgt ist. Es fasst's Keiner der es nicht selbst gesehen hat – aber ich begreife jetzt die Auswanderer! Es gehört Mut und Tugend dazu, als ein Europäer mit menschlicher Ausdauer, mit liebendem Herzen zu sterben!"
Den Rest des Vormittags brachte ich bei dem Amerikaner zu. Während meines Dortseins empfing er Briefe aus Rotterdam, in deren einem sein Kapitänspatent zur Brigg "die Hoffnung" sich vorfand. Die Zeit des Absegelns war seinem Willen überlassen.
"Jetzt können Sie über mich verfügen," sagte er, mir das Patent zeigend. "Wir können eilen oder zaudern, je nach Ihrem Gutdünken, doch scheint mir, Beschleunigung wird in keinem Falle schädlich sein. Je eher Sie Amerika's Boden betreten, desto mehr gewinnen Sie an Lebensfrische."
Da Burton schnelle Antwort geben sollte, benutzte ich die Zeit, um einige Zeilen an Auguste zu schreiben. Flüchtig meldete ich ihr, wie nahe der Zeitpunkt gekommen sei, wo wir für immer vereinigt sein würden. Die misslicher werdende Lage verschwieg ich ihr ebenfalls nicht, indem ich zugleich bat, Alles für die Reise vorzubereiten. Denn es war mir immer, als müsse noch irgend etwas geschehen, das einen plötzlichen Aufbruch wünschenswert machen könnte. Du kennst ja meine Ahnungsgelüste,