Brüder. Darum ward ich ein gemeiner Schacherjude und verkehrte mit dem Auswurf der Menschheit, ohne nach ihrem Bekenntniss zu fragen. Erst, wenn ich errungen habe, was ich bezwecke, will ich rasten, und das Uebrige der Langsamkeit des Ewigen überlassen."
"Ich sollte meinen, Sie wären längst am Ziele," versetzte ich, weil ich noch ein geheimnis entüllen zu können glaubte.
"Noch nicht, doch bald."
"Lassen Sie ab!" rief ich halb bittend, halb befehlend, und erfasste Mardochai's beide hände. "Genüge es Ihnen, dass Sie z w e i Christen elend gemacht haben durch Ihre Rache und e i n e n bewegen, Sie zu bitten, wie ich."
"Sie sind kein Christ im Sinne jener," sagte er kalt und entzog mir seine hände. "Ueberdies lasse ich mich nie von Andern bestimmen." – "Wir standen uns wie zwei Todfeinde gegenüber, die beide die Tapferkeit, den Mut, den Stolz der Gesinnung im Andern achten."
"Finden Sie Befriedigung in Ihrem Cultus?" fragte dumpf Mardochai.
"Mein Leben gibt Ihnen Antwort."
"Warum sagen Sie sich nicht los von der Gemeinschaft, offen, entschieden?"
"Die Gründe liegen in Ihrem eigenen Festalten an Moses Lehre."
"Nur zum teil," sagte der Jude, "denn unser Bekenntniss ist schön in seinen Irrtümern, das Ihrige aber sollte ganz davon frei sein. Sie alle fühlen dies, wagen aber kein Wort darüber auszusprechen. Die Feigheit macht Sie zu Tyrannen, ungerecht, sclavisch, gotteslästerlich, irreligiös, zu Feinden der Freiheit des Gedankens, zum Henker desselben Gottes, den Sie anzubeten vorgeben! Wie glauben Sie diesem grauenhaften Unfuge steuern zu können?"
Ich zuckte die Achseln. "Hoffnung, die Zukunft, – Geduld. –"
"Nein," schrie Mardochai mit einer stimme, die noch jetzt in meiner tiefsten Seele fortwimmert, "nur e i n e Tat kann helfen und zwar – eine recht grauenhafte! Euch muss man höhnen! Gott muss sich von Euch abwenden, die Wolken müssen wie ein sprudelnder Giftschaum des empörten himmels über Eure Häupter hinstreifen, sonst seid Ihr nicht zu retten! Hohn aber wird Euch wieder aufrütteln und lehren, dass Ihr nichts besitzt, als die schalste, dümmste Ergebenheit. Was ist das hier?"
Mardochai hatte eine Schnur ergriffen, die jenen Vorhang zusammenhielt, hinter dem ich zuerst Sara in den reizendsten Stellungen einer Odaliske, nur umflossen vom Zauber der Unschuld, erblickt hatte. Der Vorhang fiel auseinander. Die Maske eines lebensgrossen Christuskopfes mit wunderbarer Geschicklichkeit auf in Wachs getränkte Seide gemalt, ward sichtbar. Sie verdeckte die Büste, die ich schon früher bemerkt hatte, und ward von starken, seidenen Schnüren an derselben festgehalten. Erstaunt sah ich den Juden an. "Was soll Ihnen dies?" fragte ich.
"Mich aufrecht halten und Euch Christen zu der überzeugung bringen, dass ihr wirklich sehr mühselig seid und an dieser Krankheit hinsiechen werdet, könnt Ihr Schein von Wahrheit nicht unterscheiden."
Der Vorhang fiel wieder zusammen, ich sank auf den Stuhl zurück und verdeckte mein Gesicht. Ich war nicht im stand, Mardochai's Worte zu deuten. Der Jude überliess mich meinen schmerzlichen Gedanken, ich hörte ihn langsam auf und nieder durch das Zimmer schreiten. Draussen an der Tür vernahm ich ein Schlürfen, als entferne sich Jemand behutsam. Auch ein gewaltsam unterdrücktes lachen glaubte ich zu hören. Der Jude achtete nicht darauf. –
Es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, die uns beiderseits mit dem Belauschen unserer verborgensten Gedanken beschäftigte, als Mardochai's Hand sich kalt an meine Stirn legte. Unwillkürlich fuhr ich zusammen. "Gehen Sie," redete er mich an, "unser gegenwärtiges Zusammensein muss Ihnen genügen können, um mich zu begreifen. Sie haben die Wahrheit gehört, es drängen sich keine schwülstigen Geheimnisse mehr zwischen unsere Herzen. Was auch noch geschehen mag, bevor Sie Europa fliehen wollen, ich hoffe von Ihnen auf eine gerechte Beurteilung. Die Zeit ist unsere Mutter; da sie aber klirrend in hundert Ketten einhergeht, so rasseln auch wir mit diesem Geschmeide. Wer sich am wildesten schüttelt, der ist der lustigste Gaukler. – Das bedenken Sie, dann entgehen Sie der Misdeutung Ihres eigenen Herzens."
Als ich, überwältigt von dem ausserordentlichen Gemisch von Edelmut, Hochsinn und zügelloser Rachsucht in diesem Charakter den Juden verliess, sah ich von der Haustür eine Gestalt hinweg schlüpfen und mit schnellen Schritten in den Strassen der Stadt verschwinden. Ich hielt den Schatten für Friedrich und hatte kein Arg. In Bardeloh's haus war Alles ruhig, mein Gastfreund schien noch beschäftigt. Erschüttert, von den widersprechendsten Gedanken geängstigt, verlebte ich die Nacht und war froh, als die späte Morgensonne wieder Licht in das Dunkel meiner Seele goss.
Wider alles Erwarten überraschte mich am frühen Morgen Casimir durch einen Besuch. Diese Ehre war mir noch nie wiederfahren. Es musste eine eigene Bewandniss haben, wenn Casimir sich die Mühe nahm, irgend Jemand ohne zehnmalige Aufforderung zu besuchen. Er sah überwacht, zerrissen aus. Seine Augen glühten und waren entzündet. Ohne Complimente trat er vor mich hin und sprach:
"Was tut ein Mensch, wenn ihn ein toller Hund gebissen hat?"
"So viel ich gehört habe, soll er meistenteils in die Hundswut verfallen."
"Das heisst kurz und