dass ich ihn unmoralisch finde und deshalb verwerflich. Der Führer darf seine ihm anvertraute Heerde nicht verlassen. Das wissen Sie eben so gut, als ich. Unsere Glaubensbrüder würden uns nicht folgen, sondern uns bloss strafen mit Verachtung. Ihre Hartnäckigkeit aber würde wachsen und die Fessel der Satzungen alle Herrlichkeit, allen tieferen Geist in ihnen vollends erdrücken. Die Sache liesse sich einfacher lösen und naturgemässer. Wollt Ihr Christen uns wirklich betrachten als einen Volksstamm, der Euch nachsteht an innerer zivilisation, gut, tut es! Doch zeigt Euch dabei als l i e b e n d e Christen, und seid als solche Menschen! Drückt dem Philistertum, der Kleinigkeitssucht, der Pedanterei, die Augen zu, setzt Euch selbst der Gefahr aus, reell übervorteilt zu werden von der Schlauheit unseres Stammes, die Folge einer in Schmutz entstandenen Entsittlichung ist. Es wird Euch Ehre bringen und Früchte. Emancipirt uns und Ihr macht alle Juden dadurch allein schon reif zum Christentume. Indem Ihr den Juden gleiche Interessen einflösst m i t Euch, kettet Ihr sie a n Euch, der Hass verliert sich, schlägt um in Liebe, die Macht der Satzung fällt, weil sie keinen Haltpunkt mehr hat in der früheren Abgeschlossenheit, und wenige Jahrhunderte werden genügen, die Juden zur Taufe eilen zu sehen, jetzt nicht mehr aus weltlichen Rücksichten und bloss zum Schein, sondern aus innerm Herzensdrange! – Und warum ist man nicht darauf eingegangen? Warum hat Niemand den Schmerz empfinden wollen, den ich als ein Kind dieses unglücklichen Volkes fühle und auszusprechen wagte, um es zu retten? Glaubt man uns durch die Verweigerung einer nur menschlichen Forderung zu zwingen? O, der Schmerz ist allmächtig, wie die Rache! Er ist das Samenkorn der Rache, das aufschiesst aus ihm und noch grauenhafte Früchte tragen wird! – Sigismund, ich tat Alles für mein Volk; ich war ruhig, ich war ein Knecht, ich bat, ich flehte, ich kroch mit zitternder, angstgebrochener Lippe von Tron zu Tron und berührte den Purpursaum der Majestät, das Hoffnungsrot für mein Volk – aber ich fand kein Gehör, keine Erwiederung meines bittenden Schmerzes! – Da ging ich heim in meine kammer und zog zu Rate den Geist, der sich nährte im Giftschaum jener Leiden, die Jahrtausende lang der Uebermut der Christen über uns verhängte. Ich ging zu Rate, sage ich, mit Blut und Fluch und Tod, mit den Seufzern, begraben in den Höhlen der Folterkammern, verpuppt im trüben Gespinnst, das sich ansetzt an den ekelfeuchten Wänden der Kerker. In diesen Nestern, wo der Schmerz meines Stammes vergeblich sich versteckte, fand ich die notwendigkeit, g e w a l t s a m e Schritte zu tun, um Gerechtigkeit zu erlangen noch w ä h r e n d meines Lebens. Funfzehn Jahre und drüber blätterte ich in den Anhängseln der Weltgeschichte herum, um mir Gewissheit zu verschaffen über das, was wir gelitten haben. Mein Mut wuchs mit meinem Zorne. Ich ward zum Lästerer für das Heil meiner Brüder; ich sündigte furchtbar vor dem Herrn, ich ward ein Verworfener für die zukünftige Emancipation der Juden." –
Mardochai hatte die letzten Sätze mit strafendem Prophetenfeuer gesprochen. Jetzt schien eine Wehmut über ihn zu kommen, vor der sich selbst der Stolz und die Kraft seiner irdischen Bestimmung auf kurze Momente zurückziehen musste. Gesammelt erfasste er meine Hand.
"Letztin," fuhr er fort, "führte ich sie mit Ihrem damaligen Begleiter in ein Gemach, wo Liebe und Hass sich stritten um den Vorrang. Damals haben Sie mir geflucht, ich weiss es; jetzt erinnere ich Sie nochmals daran und frage zugleich, ob Sie nunmehr Gleichmut's, Casimir's, Friedrich's Lebenswege begreifen?" –
Er schwieg, sein dunkles Auge ruhte forschend auf mir, mit der weissen Hand spielte er mit dem schimmernden lang herabwallenden Barte. "Entsetzlicher!" rief ich aus, "Deine Sünden waren grässlicher als Deine edlen Absichten, durch die jene hervorgerufen wurden."
"Das ist ein Irrtum," versetzte Mardochai, "und ich glaube nicht daran. Wären Sie ein Jude, hätten Sie, wie ich, sich bemüht um das Recht, Mensch sein zu dürfen bei dem Bewusstsein, es mehr als hunderttausend Andere zu verdienen, und hätte mit der Bitte sich jede erdenkliche Tat schüchtern, aber doch sicher vereinigt; so würden Sie nach jeder neuen zerschlagenen Hoffnung auch wie ich rachedüster umhergeschlichen sein auf dieser Erde. Ich nährte meinen gerechten Ingrimm mit altem Schmerzensweine. Ich trank zu viel davon, ich ward halb wütend, und in dieser Halbraserei des zürnenden, gemisshandelten Menschen tat ich, was Sie wissen! – In meiner Rache wirkte ich liebend für die Zukunft meiner Brüder. Ich schacherte mit des christentum Geist für die Befreiung Juda's aus seiner Sclaverei. Meine Rache verschaffte mir die Mittel und meine Liebe weiss sie zu nützen für einen Zweck, den nur die Zukunft der geschichte begreifen wird!" –
"Mardochai," rief ich aus, als die Scheu vor dem Geständnisse ihn in sich selbst erbeben machte, "Mardochai, hören Sie auf, der richtenden geschichte vorzugreifen! Es ist schon zu viel gefrevelt worden, und nimmer kann der Friede ihre Schritte begleiten!"
"Friede!" wiederholte grollend der Jude. "D e n suche ich nicht, d e n mag ich auch nicht. Mein Amt ist die Vorbereitung der Erlösung meiner verachteten