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oder durchzuleben, bis er geworden, wozu er bestimmt ist in dem Kettengliede der Geister.

Bardelohs Haus ist der Sammelplatz alles geistig Regsamen in Köln und der Umgegend. Hier finden sich die heterogensten Elemente zusammen, und ich bewundere den Gleichmut oder vielmehr die jesuitische Freisinnigkeit meines Wirtes, womit er jede Meinung ruhig hinnimmt, und sich bis zu einem gewissen Grade die Freundschaft Aller zu erwerben weiss. Der Mann hätte am Ende doch Diplomat werden sollen. Bei seiner republikanisch-radicalen Grundgesinnung müsste ihm durch Ausbildung weltlichfeinen Umgangstones Alles möglich werden. Denn dass er es mit sich selbst und der Partei, dessen starrer, marmorgleicher Repräsentant er ist, ehrlich meint, davon bin ich fest überzeugt.

Seine Rückkunft aus dem Bade war kaum bekannt geworden, als eine Unzahl Besuchender ankamen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Protestanten und Katoliken drängten sich im Vorzimmer, die höchsten Beamten fanden sich ein, und der Reichtum blieb eben so wenig aus als die Armut, für die Bardeloh grosse Summen ausgeben soll. Auffallend war mir bei diesen Besuchen, dass nie auf den Rang Rücksicht genommen ward. Die Anfragenden folgten wie sie gekommen, und ich bemerkte, dass ein hoher Geistlicher bedeutend lange warten musste, ohne sich dadurch beleidigt zu fühlen.

Bardeloh ist Katolik, von edler Abkunft, man sagt, der Neffe eines zum Christentum übergetretenen Juden. Ich habe zwar noch keine Gewissheit darüber, aber ich glaube es, und kann mir in der Phantasie ein groteskes Bild seltsamer Schicksale construiren. Du kennst diese meine Liebhaberei an dem Phantastischen und wirst meinen Glauben sehr natürlich finden. Mich reizt nur die Möglichkeit einer poetischen Lebenslage; die erkannt poetische macht mir schon Langeweile. Wie unglücklich eine solche Manie für mich ist, fühle ich selbst, doch hat sie das Treffliche, dass sie mich jeden Moment glücklich benutzen lässt, und oft aus einem blossen Traumbilde den bleibenden Trost kräftiger Tat gestaltet. Kann man sich anders retten aus dem Wirbel und Strudel des Tages? Ich lasse meine sehnsucht sich ansaugen an den Stumpf einer fast zurückgelegten Epoche, und die spärlichen Tropfen gierig schlürfen, die Schmerz und Zukung ihr auspressen. Diese Art das Leben zu fesseln, hält mich allein noch über wasser, und bildet selbst aus der Dunkelheit der um mich her taumelnden Gestalten etwas süss Bezauberndes, woran ich mich aufrichte. Ich werfe den Zahlpfennig meines individuellen Lebens in den grossen Losungstopf des allgemeinen und hoffe dabei keine Niete zu ziehen.

Die Anzeigen sind vielversprechend, nicht günstig, aber interessant. Mein Herz klopft heftiger, denke ich an den gestrigen Abend, dessen mährchenhafte Glanzesfülle mich immer noch wie ein brandendes Lichtmeer umschäumt Die Zukunft greift sich seltsam heran und spinnt an die Gegenwart ihre bestimmenden Fäden. Auch mich will sie nicht verschonen, und so werde ich hineingerissen in diesen Taumel nur schwach bewachter Leidenschaften, die, würgten sie ihre Wächter, in wilder Raserei das Leben unter die Guillotine schleppen könnten. –

Bardeloh's Reichtum lässt den Meinungsverschiedenheiten keinen freien Spielraum, daher kann man in seinem haus die unversöhnlichsten Feinde ruhig und anscheinend in brüderlicher Liebe neben einander sehen. Ein solches Versöhnungsfest des weltlichen Gottes ward gestern Abend gefeiert. Die alte Stadt liess alle Elemente einer gründlichen Weltbewegung in den schimmernden Sälen des Bardeloh'schen Hauses zusammenfliessen. Der Anblick war seltsam genug, und streifte an eine rührende Komik. Dieses Selbstverleugnen und Beherrschen, dieses meinungslose Eingehen in die Ansicht jedes Dritten, dem es gerade passend schien ein Wort von sich zu geben; und nun dazwischen die diabolisch lächelnde Figur des bleichen Wirtes, dem es Vergnügen macht, Alle zu ärgern, und doch von Allen wie ein Gott verehrt zu werden, – wahrlich, es war zu abstossend für einen der glücklicheren Gewöhnlichkeit angehörenden Menschen! –

Da Bardeloh Katolik ist, so fehlte natürlich die hohe Geistlichkeit nicht. Allein mein Gastfreund ist zu sehr Weltmann, als dass er dem Bekenntnisse die feine Sitte, den Anstand opfern sollte. Auch der Protestantismus ward durch mehrere Anwesende repräsentirt. An ihn schloss sich die Lehre Mosises fanden sich Juden ein in der halborientalischen Tracht, wie man sie auf Messen allerwärts erblickt. Schwerlich würde der Islam gefehlt haben, hätte sich ein Vertreter desselben in Köln gefunden. Unter diesen nun drängten sich wieder die Anhänger der neuen, unseligen Weltreligion, die Nichtgläubigen, während der Sectengeist in Pietisten und supernaturalistischen Schwärmern, nur mit Mühe gedämpft, den Anforderungen einer Salon-Andacht entsprach. Eine Schaar junger Mädchen, voll rheinischer Lebendigkeit und jener elastischen Grazie, die ihren Gliederbau vor andern ihres Geschlechts auszeichnet, scherzten mit naiver Bonhomie unter dieser barockernstaften Gesellschaft, nur dem Uebermut des Augenblickes sich hingebend.

Gewiss, Ferdinand, Du würdest von einem sinnlichen Taumel ergriffen worden sein, hättest Du zugleich mit mir nur diesen Reiz weiblicher Schönheit, diese Gotttrunkenheit eines weltlichreinen Glücks in dem gewölbten Himmel so vieler Jungfrauenaugen geniessen können. Mir gebrach es nur an einer Kleinigkeit, oder vielmehr, ich hatte etwas Geringes zu viel, ich kannte Bardeloh! – Du lächelst und nennst mich wieder einen seltsamen, abenteuernden Phantasten. – Immerhin! Meine Ahnung war ein untrügliches Termometer für die gemischten Empfindungen, die sich unter dem Deckmantel zahmer Geselligkeit feindselig genug stiessen.

Es mochten schon einige Stunden unter Gespräch, Spiel und Gesang vergangen sein, als mich die Unruhe in eines der Nebenzimmer trieb. Hier fand mich bald darauf Rosalie, meine glühende Stirn in die Polster des Sopha gedrückt. Sie setzte sich zu mir.

"Was treibt Sie aus dem lustigen Getümmel so vieler