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irgend etwas geschenkt für jenen Frevel an ihrem Gott. Die Juden haben hohe Zinsen dafür gezahlt. Die zeiten, sagt man, sind milder geworden, der Hass ist verjährt, die Gerechtigkeit der Weltgeschichte verlangt eine Ausgleichung. Sehr wohl, ich bin es zufrieden. Die Edelsten von Euch sind geneigt, den Juden zu g e s t a t t e n , was der Mensch fordern m u ss , wenn er sich selbst a l s Mensch achten will, aber Millionen schreien Wehe! wie ehemals der Wahnsinnige auf den Mauern Jerusalems. Woher erschallt dieses entsetzliche Wehe? Aus der ledernen Kehle eurer Geldbeutel! – O, erschrecken Sie nicht, ich will bloss verständlich sprechen! Der verachtete Stamm Juda's bittet um Erteilung der Menschenrechte, in soweit diese von den Christen selbst besessen werden. Er stellt diese Bitte im Gefühl seines religiösen Schmerzes, nicht aus Eigennutz. Die Christen aber bringen nicht jene Wehmut in Anschlag; sie berechnen nur den Zinsfuss, betrachten die Börsenlisten und vergleichen genau den Stand der Metallique's, der Staatsschuldenscheine, des goldenen Kalbes, um das die Welt in wilden Sprüngen tanzt. – Sein Sie gerecht, Sigismund, und urteilen Sie selbst, wer hier edler verfährt! – Ich will meine Stammesbrüder nicht verteidigen. Es ist ein schmutziges, feiges, oft nichtswürdiges Gesindel, aber nach der Ursache dieser Erniedrigung spähe ich gern umher, und ich finde sie in den Verwünschungen, die man über Israel's Kinder aussprach.

Gehen Sie noch einen Schritt weiter mit mir. Viele von Ihnen fühlen, dass es grausam ist, den edlen unsers Stammes eine Emancipation gänzlich abzuschlagen. Man will mild sein und lässt Gnade für Recht ergehen, etwa wie der gerechte Fürst einen zum tod Verurteilten mit lebenslänglichem Kerker beschenktman schlägt vor, uns zum teil zu emancipiren! – Ich hätte ein solch nüchternes, unedles Spiel den christlichen Völkern nicht zugetraut. Diese Gnade ist entsetzlicher, als die grausamste Ungerechtigkeit! – Andere sagen: werdet Christen und Ihr seid gleich den Geringsten unter uns! Wiederum sehr wahr; doch bedenkt man nicht, dass eine Religion, die sich so lange aus ihren Schmerzen Trost gesogen hat, etwas Hochheiliges in sich bewahren muss, wenn man auch nicht Rücksicht nehmen wollte auf die Lieblosigkeit einer derartigen Forderung, noch dazu von Völkern, deren ganzer Glaube nur auf Liebe gegründet sein soll."

Mardochai schien ergriffen, er legte die Hand an seine Stirn und verdeckte eine kleine Weile sein Gesicht mit dem dunklen Talar. Ich betrachtete den trauernden und doch so stolzen Mann, Mitleid und Furcht bewegten mich gleich stark.

"Warum aber," fiel ich ein, "warum wollen Sie nicht, eingedenk Ihres ersten Frevels, auch einen entgegenkommenden Schritt tun? Können Sie nicht Beruhigung und Trost finden selbst für tausendjährigen Kummer in der Religion der Liebe?"

Langsam entüllte Mardochai sein Antlitz. Das schwarze Gewand sank nieder, wie Lavaasche, unter der hervorleuchtet der glühende Kegel eines feuerflammenden Gebirges. Mardochai's Antlitz schien Funken zu sprühen, noch nie hatte ich die erhabene Herrlichkeit des Zornes in so göttlicher Schönheit bewundern können.

"Und Sie wagen es, ein solches Wort auszusprechen?" flüsterte mit zornbewegter Zunge der geheimnissvolle Jude. "Sigismund," fuhr er fort und stand auf, "seht, das ist es, was mich von Euch und Eurer Religion zurückschreckt. Wäret Ihr Christen so einig, so ganz, so im Hasse verbunden, so liebebegeistert einig, Ihr könntet nie eine ähnliche Frage tun! Aber Ihr prahlt mehr mit dem hohen Geschenk des erbarmenden Gottes, als Ihr es achtet. Ihr pocht auf Euer Vorrecht, das Ihr ohne Mühe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt, wir Juden aber lieben und ehren unsern Glauben, obwol er nur Schmach und Verachtung über uns gebracht! Wer ist der Grössere?"

"Stolz und Hartnäckigkeit ist nicht Grösse," fiel ich beschämt ein, ohne es merken zu lassen.

"Freilich nicht," sagte Mardochai, "dennoch finde ich mehr Adel in diesem Stolz, der sich stützt auf Glaubensmysterien, als in jener kleinlichen Neckerei, die wie ein ungezogenes Kind bloss den Willen behalten will, ohne auf die Heiligkeit der Weigerung zu achten, die uns abhält, Gebrauch zu machen von den getanen Vorschlägen."

"Mardochai," unterbrach ich den Redenden, "ich weiss Ihre Gründe zu ehren, darum verlange ich auch von Ihnen Gerechtigkeit. Ihre Glaubensgenossen sind grösstenteils eben so blöd und kurzsichtig, als die meinigen, nur den pecuniären Gewinn mögen sie schlauer zu handhaben verstehen. Der gemeine Jude ist hartnäckig aus Gemeinheit, und wohl auch tief wurzelndem Hasse, wie der gemeine Christ. Es können also bei der Emancipationsfrage nur die edlen zu Rate gezogen werden. Nun denn, so verlange ich von dem hochgebildeten Juden, dass er Christ werde, um dadurch die Emancipation factisch befördern zu helfen und seine minder gebildeten Glaubensbrüder zu ähnlichen Schritten zu veranlassen."

Du wirst den Kopf schütteln über diese Worte, die Du mit meinen sonstigen Ansichten wohl schwerlich in Einklang bringen möchtest. Und daran tust Du recht. Ich war nicht ehrlich, während ich so sprach, aber ich wollte den Juden zwingen, sich ganz vor mir zu entüllen, und ihn durch Opposition zu Geständnissen bewegen, die sonst wohl schwerlich über seine Lippen gekommen wären. Meine Absicht wurde zum grössten Teile erreicht.

"Auf diesen Vorschlag," sprach Mardochai, "sage ich bloss,