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Sie einen falschen Begriff von mir festielten. Ich bin nicht Alles, was ich scheine."

Ohne zu antworten, folgte ich der Einladung. Mardochai führte mich in das längst bekannte Zimmer. Sara war nirgends zu sehen, überall tiefe Stille. Der Prunk war verschwunden, an die Stelle des orientalischen Luxus war abendländische Nüchternheit getreten. Es befanden sich Kisten und Ballen auch in diesem Zimmer, mit einer unzähligen Menge von Kleinodien bedeckt, wie die katolische Kirchenandacht sie um wenige Kreuzer an allen Strassenecken und sehr oft auch in den Hallen ihrer Tempel selbst verkauft.

Dieser Anblick weckte meinen Stolz, mein Selbstvertrauen. Ich stiess unwillig die Hand des Juden von mir und blieb mit finstrer Stirn unter dem Krame stehen.

"Nun ja," sagte Mardochai achselzuckend und seufzend, indem er auf einem einfachen Sessel Platz nahm und mir ein gleiches Möbel zurecht stellte, "so seid Ihr Christen alle, und doch verlangt Ihr, es solle besser werden! Die alten Versündigungen, die wir uns gegenseitig nicht vorzuwerfen, sondern zu verzeihen haben, sollen vergeben und vergessen sein!"

"Juda's Stamm will es nicht," fiel ich ein, "selbst wenn die Christen grosse Opfer dafür bringen."

"Mich wundert's, ein solches Wort aus Ihrem mund zu hören," gegenredete Mardochai, "nicht weil mir diese Bemerkung neu ist, sondern weil Sie ein Heuchler sind. Ihr Herz schlägt anders, als Ihre Zunge. Jenes tönt Nachtigallmelodieen und diese zwitschert wie ein dummer Staar."

"Mein Herr," fiel ich entrüstet dem Juden in's Wort, "Sie erlauben sich Redensarten, die –"

"Ihnen das Blut zu kopf steigen lassen," ergänzte Mardochai. "Sehr richtig, und das bezwecke ich grade. Bald werde ich mir noch ganz andere Dinge erlauben, damit Ihren Brüdern Zorn und Schamröte zugleich das Blut in's Gesicht jagen. Anders kann man nicht mehr Eindruck machen und Gutes stiften. – Indessen lassen wir das. Ich will Ihnen nur einige Neuigkeiten teils zeigen, teils erzählen."

Ein Wandschrank öffnete sich unter dem Druck seiner Hand. Mardochai nahm die silbergestickte, feine und weissschimmernde Talis aus der Vertiefung, wickelte sie auf und liess einige Papierrollen daraus zu Boden fallen. "Betrachten Sie diese Schriften," sagte er ruhig zu mir, indem er das Zeichen der Andacht leise mit den Lippen berührte und sorgfältig wieder im Schranke verwahrte.

Aufmerksam betrachtete ich die Rollen. Es waren mit vielem Geist und Scharfsinn verfasste Petitionen an verschiedene Regierungen, in denen auf eine eben so einfache, als bescheidene Art und Weise die Gründe für die notwendigkeit einer baldigen Emancipation der Juden aus einander gesetzt wurden. Diesen beigefügt waren die abschlägigen Antworten darauf. "Und wozu zeigen Sie mir diese Schriften?" fragte ich. "Es ist allgemein bekannt, dass nicht allein die Regierungen, sondern auch die Völker auf diese Vorschläge nicht eingehen können."

"Sagen Sie lieber: nicht eingehen wollen," erwiderte Mardochai. "Allein davon abgesehen," fuhr er fort, "was, glauben Sie, muss ein Volk tun, das ohne Vaterland, ohne Staatsverfassung, zerstreut auf der ganzen Erde umherirrt, und dem es nicht nur Sache der Existenz, sondern auch des Herzens ist, sich ein Vaterland zu erringen, wenn ihm jeder Weg vermauert wird, der es zu einem solchen Besitztum führen könnte?"

"Die Antwort ist sehr einfach," sprach ich, obwol mit Zagen und nicht aus voller überzeugung, "dieser Stamm muss teil der Völker werden durch den Uebertritt zur Religion dieser Völker."

"Wären Sie nicht zu verständig, um die Albernheit Ihrer Behauptung selbst einzusehen, so würde ich Sie töricht schimpfen," versetzte mit Lächeln der Jude. "angenommen indess, Ihre Aeusserung sei Ihnen auch überzeugung, so vernehmen Sie meine Erwiederung darauf." – Mardochai rollte die Papiere wieder zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten.

"Ihr Christen werft den Brüdern meines Stammes vor, sie hingen zu fest und innig an einander, um ihnen durch eine Gestattung gleicher bürgerlicher Rechte einen Vorteil zu gewähren über die minder einige Brüderschaft der Christen. Diese Folgerung ist richtig, doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwert für Euch. Spüren wir nun dem grund dieser Erscheinung nach, ganz unbefangen, ohne Bitterkeit. – Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrückt, gepeinigt, gehöhnt worden von den Christen und hatte dieser grässlichen Qual nichts entgegenzusetzen, als den Stolz der Ausdauer, den Mut einer erheuchelten Demut, geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses. Consequenz ward des Juden Religion, das Bewusstsein, listiger zu sein als menschlich, entwürdigte ihn öffentlich vor dem Auge der Welt, ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner Seele. Der Adel einer Rache, deren Ausführung abzweckt auf Befreiung aus den himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von grossen Herzen gefühlt, von tiefen Geistern begriffen. Die Juden erduldeten Alles, um damit jene Sünde abzubüssen, die sie meinetalben begangen haben mögen durch die Kreuzigung des Gottmenschen. Ich will und mag darüber nicht sprechen, es sind achtzehnhundert Jahre vergangen, und gäbe es einen Gott, der so lange strafen könntewahrlich, so wie ich dies mein Kleid hier zerreisse, so vernichtete ich den Gedanken in mir a n diesen Gott! Mit den Seelenschmerzen eines volkes darf auch ein durch Irrtum einmal verhöhnter Gott nicht Wucher treiben! –

Sagen Sie nicht etwa, die Christen hatten den Juden