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. Ein Narr spricht immer noch anständig, wenn ein Mensch mit gesunden fünf Sinnen bereits als ein gemeiner Strick von aller Welt geflohen werden müsste. Das ist die göttliche Grobheit des Narrentums, die allein unangefochten bleibt in Europa. Es lebe die Narrheit, hoch! stimme mit ein, Raimund, es geht mir recht warm von Herzen. Abermals hoch die Narrheit, und nochmals hoch! –

16.

An Ferdinand.

Den 29. Januar 18

Du erhältst in der Beilage die nötigen Briefe, um meine Angelegenheiten zu ordnen. Aengstige Dich nicht, Lieber! Es ist notwendig, dass man streng wird gegen sich selbst. Den Brief an meinen Vater gibst Du erst ab, wenn Du definitiv den letzten von mir erhalten haben wirst. In einem Vierteljahre ist auch dies geschehen. Dann zeige Dich würdig Deiner Stellung und mache Deinem amt Ehre, wenn es nötig sein sollte! Mein Vater wird des Trostes bedürfen. Mich schmerzt schon jetzt sein Kummer, aber ich kann nicht anders. Dieser Gram ist unerlässlich und muss sich noch hunderttausend Mal wiederholen, wenn Europa gerettet werden soll. Die übrigen kleinen Zettel gib nach ihren verschiedenen Adressen ab. Du kannst Dir Zeit nehmen, da es nicht eilt.

Gestern ist Burton zurückgekommen von Paris. So wenig Mutlosigkeit in dem Charakter eines ächten Amerikaners liegt, so niedergeschlagen erschien mir doch dieser freie, starke Mann. Dies erst kann uns lehren, wie gewaltsam die Schwäche eines Erdteils auch den Tüchtigsten zu erlahmen im stand ist. Ich hatte mich über den Grund von Burton's Mismut nicht geirrt. Ein Gespräch, das ich heute morgen mit ihm hielt, bewies mir dies. Seine Worte bestätigten jede Zeile seines Briefes.

"Machen Sie sich bereit," sagte er zu mir, "denn wir müssen reisen, sobald als möglich. Hier breche ich in mir selbst zusammen, weil Alles gehemmt ist. Ihr habt ja nicht den Willen, glücklich zu werden. Wie könnt Ihr da leben und wirken! Nichts wundert mich mehr, als die Zähigkeit, wodurch Ihr das fröhliche Schaffen einer freien natur manchmal klug genug zu ersetzen wisst. Für mich taugt dies nichts, auch Sie werden ohnmächtig dabei, oder zum Schurken. Sammeln Sie also, was Sie bedürfen. Wer uns begleiten will, schliesse vorläufig ab mit der alten Welt. Ich habe nach Rotterdam geschrieben, wo man mir die Führung eines Schiffes anvertrauen wird. Ich erwarte nur bestimmte Antwort, um alsdann sogleich in See zu stechen."

Unverzüglich setzte ich Auguste davon in Kenntniss. Meine eigenen Angelegenheiten sind bereits ziemlich in Ordnung gebracht. Am meisten Kummer verursacht mir Rosaliens Trauer über die Hartnäckigkeit Bardeloh's. Nochmals haben wir alle vereint ihn gebeten, er solle sich losreissen von seinem vaterland, das ihm ja doch nichts gibt, als Qualen und Schmerzen, aber dieser Mann hat ein Herz von kaltem Marmor, oder geht noch mit etwas Grossem schwanger in seinem düstern geist. Bald werde ich fast daran glauben, wenn ich seine abgerissen hingeworfenen Worte zusammenstelle, sein geschäftiges, aber geheimes Tun betrachte und des häufigen Verkehrs mit dem Juden gedenke. Casimir will tun, was ihm einfallen wird, Eduard kann nicht ohne Bardeloh's Einwilligung fortgebracht werden, und Friedrich ist so eng an Mardochai gekettet, dass es grausam wäre, ihn aus dem gewohnten Kreise herauszureissen. So muss ich beinahe völlig untätig dem Zufall Alles anheim stellen.

Die Aufmerksamkeit der Bewohner richtet sich jetzt übrigens ausschliesslich auf den nahe bevorstehenden Carneval. Bardeloh hat, wie gewöhnlich, bei den Anordnungen der Festlichkeiten eine Charge und betreibt diese Spielereien mit einer seltsamen Ernstaftigkeit. Mehre angesehene Männer kommen zu ihm, um sich über Dies und Jenes zu besprechen, Bardeloh gibt Rat, tut Vorschläge und befiehlt doch eigentlich, wie immer. Seiner besonderen Aufsicht ist der grosse Saal in dem altertümlichen Kaufhause anvertraut, der Dir gewiss bekannte Gürzenich. Letztin forderte mich Richard auf, ihn dahin zu begleiten. Auch Felix durfte mitgehen. Der Saal ist nichts weniger, als schön, aber geräumig und interessant durch seine Bauart. Die Säulen, auf denen das mächtige Gewölbe ruht, stellen Champagnergläser vor, aus denen statt des Schaumes wunderliche Carikaturen hervorquellen. Bardeloh lässt nun Alles geschmackvoll drappiren, die ringsum laufende Galerie mit Devisen lustig verzieren, die in Rätselform abgefasst sind. über den Inhalt hat er mir noch nichts gesagt, gewiss aber ist er nicht ohne tiefere Bedeutung. Sein höhnisches Lächeln verriet es mir.

Das fest in diesem saal, der wohl einige tausend Menschen fasst, soll grossartig sein und einem wahrhaftigen Volksfeste nahe kommen. Der Carnevalsjubel schliesst allemal in dieser altertümlichen Halle, und da es jeder Maske erlaubt ist, zu treiben, wozu Lust und Laune sie aufreizen, so mangelt es selten an freien Scherzen, zu denen das so beengte Leben sonst sich nicht oft erheben kann.

Ein grosser Maskenzug soll das fest eröffnen, und wie ich höre, ist für dieses Jahr Bardeloh's geräumige wohnung zum Sammelplatz bestimmt worden. Daraus kann ich mir die vielen Maskenanzüge erklären, aber noch nicht das Heimlichtun meines Gastfreundes, der mir immer vorkommt, als handele es sich noch um etwas ganz Besonderes. Mein Gott, was lässt sich denn viel aus einer Maskerade bilden, und noch dazu bei uns, in unserm lieben Deutschland! Nun, Gott besser's!

Ein paar Tage vor dem Carneval soll eine grosse Feierlichkeit, ich glaube eine Firmelung, im Dome gehalten werden. Auf diese kirchliche Feier freue