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wer ihn störte, war ich eingetreten, hatte rasch die Tür hinter mir verriegelt und stand mitten im Zimmer.

Bardeloh sass am Pult. Der geheimnissvolle Wandschrank war geöffnet. Eine Pyramide von zehn Todtenköpfen grinste mich schauerlich daraus an. Aus dem obersten brannte eine blendende Gasflamme und verbreitete Tageshelle rings umher. Im Hintergrunde der Nische lagen eine sehr grosse Menge Maskenanzüge, Larven, falsche Haare, darunter lange Locken, wie sie die Altdeutschen trugen oder der Kopf des Johannes abgebildet wird, kurz ein ganzer Teatertrödel.

Nur wenige Augenblicke waren mir zum Ueberschauen dieser Dinge vergönnt. Bardeloh kam auf mich zu und rief ein "guten Abend, Mardochai," als er seinen Irrtum erkannte und mit zitternder Lippe verstummte. Ich war gefasst auf einen bittern Gruss und hatte mich deshalb mit Gründen hinlänglich gewaffnet. Allein die Tiefe von Bardeloh's Leidenschaftlichkeit hatte ich nicht mit eingerechnet in meinen Plan. Kaum wusste er, wer sich unberufen zu ihm geschlichen hatte, als er mit Blitzesschnelle einen Dolch ergriff, deren eine grosse Anzahl die Todtenschädelpyramide wie ein Wald spanischer Reiter umhegten, eben so geschwind die Tapetentür zudrückte und mich mit riesenstarker Faust so unversehens erfasste, dass ich dem Grimm des Beleidigten erlag. Der Mantel hinderte mich an der Gegenwehr, ich taumelte, niedergehalten von Richard, auf die Ottomane, Bardeloh stämmte sein Knie gegen meine Brust und setzte mir mit wildem blick den Dolch darauf.

"Sind Sie des Lebens so überdrüssig," raunte er mir leise murmelnd zu, "dass Sie mit Gewalt es verscherzen wollen? Wer hiess Sie eindringen in mein Heiligtum zu einer Zeit, wo Sie wissen, dass nur Einer erscheinen darf?"

"Ich bin ein Christ," stammelte ich.

"Ein Schurke sind Sie," rief Bardeloh und drückte heftiger den scharfen Stahl gegen meine Brust, "und es wäre am Ende wohlgetan von mir, wenn ich Ihnen augenblicklich jedes fernere Schleichen und Lauschen verbitterte. Was wollen Sie?"

"Warnen."

"Vor wem?"

"Vor Unrecht und Wahnwitz."

"Blöder Tor!" versetzte Richard und liess ab von mir. "Spricht der Mensch, als käme er erst hinter dem Grossvaterstuhl hervor. Sind Sie denn umsonst ein halbes Jahr bei mir gewesen?"

"Um einen Mord schön zu finden, allerdings!" versetzte ich. "Auch glaube ich in sofern auf unbedingtes Vertrauen Anspruch zu haben, als ich noch nicht Handel trieb weder mit dem geist des Christen- noch Juden- noch Menschentums. Ich lebte bloss der Freiheit und war bemüht, Sie zu eben diesem Leben herüber zu ziehen."

"Und was soll dies Alles hier und eben jetzt?"

"Es soll Ihnen die Augen öffnen. hören Sie mich," fuhr ich eifriger und warmer fort, "und achten Sie das Wort eines Christen wenigstens eben so hoch, als die schlaue Rede eines zweideutigen Juden. Mardochai ist ein grosser Geist, aber kein edler Mensch. Mardochai lebt bloss der Rache!"

"Glauben Sie mir denn damit etwas Neues zu sagen?"

"Nicht im Allgemeinen, wohl aber im Speciellen."

"So reden Sie!"

"Mardochai," fuhr ich fort, "sinnt auf irgend eine Tat, womit er der grossen Menge öffentlich Anstoss geben kann, wie er dies schon früher in der Stille getan hat. Erinnern Sie sich an Gleichmut's Manuscript!"

"Ich habe ein sehr gutes Gedächtniss, lieber Sigismund. Was haben Sie sonst noch entdeckt?"

"Ist das Gesagte nicht genug? Oder wollen Sie etwa auch ein blosses Werkzeug der Rache werden in der Hand des Juden?"

Ein verächtliches Lächeln spielte um Bardeloh's Mund. "Dieser sorge hätten Sie sich doch wohl entschlagen können," erwiderte er. "Mich äfft kein Mensch, nur der Zeit könnte es gelingen, durch einen schnellen Umschwung meine Berechnungen zu vernichten. Darüber würde ich mich aber freuen. Ich weiss, was ich will, Sigismund, weiss, was der Jude treibt und bin einig mit ihm. Und nun, Lieber, schweigen Sie still und stören Sie nicht meine festgezogenen Kreise. Gehen Sie nach Amerika, wenn Sie zu feig sind, auszuhalten bis zum letzten Atemzuge in unserm hilfsbedürftigen vaterland. Der Starke versucht Alles, bevor er Alles aufgibt. Das ist mein Glaubensbekenntniss, dem sich das Mardochai's anschliesst, obgleich dieser Mann des Schicksals nicht nur die Gegenwart zu berichtigen, sondern auch noch die Vergangenheit zu sühnen hat. Gehen Sie, ich höre ihn kommen. Sie werden es noch erleben, dass ich kein Feigling bin, noch weniger ein Betrogener. Gehen Sie! Ihre Gegenwart wäre überflüssig bei unsern Verhandlungen, weil Sie wohl die Zeit begreifen, aber noch lange nicht ihre unendlichen Schmerzen in sich durchgelebt haben."

Fast gewaltsam drängte mich der rätselhafte Mann fort. An der Tür begegnete ich dem Juden. Ich war froh, als die Unheimlichen meinen Blicken entschwanden. –

So scheitert an der unerbittlichen Hartnäckigkeit dieses Mannes jeder Versuch, ihn zu stillem, besonnenen Handeln zu nötigen, in dem ich, wie nun eben die Zeit vorliegt, doch das einzige sichere Heil erblikke, so wenig auch mein eigenes Naturell sich mit langsamem Umhertasten vereinbaren lässt. Gern will ich zugestehen, dass es beleidigend ist für einen reifen Geist, immer nur die Feinde siegen zu sehen, aber wo hinaus mit dem Sturm und Drange, selbst, wenn er nur heimlich sich austobt?