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uns hier eben zum Besten gegeben haben." –

Steinhuder war entwaffnet durch diese offene Erklärung. "So," sagte er, zusammenklappend, wie eine Claque, "so! Ich sehe mich also am Ziele und darf nicht ferner hoffen, Sie zu bekehren!"

"Ganz und gar nicht," warf Bardeloh ein. "Darf ich Ihnen etwas geräucherten Lachs anbieten?"

"Danke, dankeich will nicht essen mit den Gottlosen."

"Ganz nach Belieben. Sehen Sie nicht, wie sich mein Junge über Ihre Torheiten freut?"

"Darob ihn Gott strafen wird an seinem sterblichen leib!"

"Danke für Ihre gute Meinung von Gottes Barmherzigkeit!"

"Vater," sprach Felix, "da las ich einmal in einem buch von Eulenspiegel, der ein ganzer Narr gewesen sein soll, und auch hier in Köln. Ist Steinhuder vielleicht eine verbesserte Auflage dieses Eulenspiegels?"

"Die Kinder werden klug und die Alten einfältig," rief der Pietist, "das ist die Zeit, von der geschrieben stehet: sehet Euch vor, denn der Welt Untergang ist nahe!" –

Mit diesem heroischen Entsagungsspruche zog sich Steinhuder zurück. Wir erfuhren am nächsten Tage, dass Lucie von ihm enterbt sei. Ihr eigenes Vermögen hat er gerichtlich an Bardeloh gegeben, und den blöden Friedrich zu seinem Universalerben eingesetzt, damit er "ruhig seine Geige stimmen und spielen könne zum Lobe des Herrn" lautet die Formel.

So wäre denn ein Knoten gelöst. Lucie ist frei, Steinhuder für uns nicht mehr als vorhanden zu betrachten, nur durch Friedrich hängt er unmittelbar noch zusammen mit unserm Kreise. –

Nächstens erhält Raimund von mir einen Brief. Er wird Dir mitteilen, was sich ferner begibt. Ich bin müde des Wartens und sehne mich nach der Stunde der Befreiung. Dieses Hoffen ist peinigend und erzeugt in mir eine Angst vor dem nächsten, die mich wie eine düstere Prophezeihung auf jedem Schritte verfolgt. Möchte nichts Gewaltsames geschehen und Bardeloh noch bewogen werden, uns zu begleiten. Rosalie ist sehr betrübt, da sie nun allein zurückbleiben muss. So ist auch die gerechteste Freude nicht denkbar ohne das bitterste Schmerzgefühl! –

15.

An Raimund.

Anfang Januar 18

Mit innigem Dank sehe' ich die Zeit immer näher herankommen, wo ich vom Hoffen zum Handeln übertreten werde. Ein solches Renegatentum ist wohl noch erlaubt in unsern Tagen, so geringen Beifall es auch bei der grossen Menge finden möchte. Aber ich bin auch bereits freiwillig aus allen Banden geschieden, die mich noch fest verknüpften mit dem europäischen Leben. Im Herzen traure ich um den Verlust meiner Heimaterde, aber der Geist erhebt mich hoch über die Qual des Augenblickes und lässt mich der Zukunft goldene Träume in feste Formen zwingen. Das ist meine amerikanische Tatenlust, die erst erwachen kann, sobald ich gänzlich tot bin für Europa. – Darum begrüsste ich auch den ersten Sonnenstrahl dieses neuen Jahres mit einem stillen Jauchzen, in dem die Verheissung einer neuen Lebensära für mich lag. Nicht ohne Schmerz war dies Gefühl, aber es war nur der Schmerz der Grösse, der mich bewegte. Er drückt nicht nieder, sondern erhebt, und erhaben wandele ich seitdem auf den Palmenzweigen meiner eigenen Gedanken. –

Nach den stillen Beobachtungen, die ich in den letzten Wochen angestellt habe, reut es mich fast, dass ich Bardeloh zur Auswanderung nach Amerika zu bewegen suchte. Er war früher zwar sinnender, mehr dem finstern Grübeln ergeben, als jetzt, aber es verbreitete sich doch auch eine gewisse Ruhe über sein ganzes Wesen. Dies hat sich in der letzten Zeit verloren. Der stille Mann scheint aus seinen eigenen Charakter herausgejagt zu sein. Unser schneller Entschluss, gereift durch Gleichmut's Lebensgeschichte und das plötzliche erscheinen Burton's, wird ihm unbequem. Ein Durchkreuzen seiner Pläne muss für ihn darin liegen und dies stösst sein stilles Brüten zu einem hastigen Tun. Könnte ich nur ermitteln, was er bezweckt, wohin er zielt und wem sein geheimnissvolles Begehren gilt!

Du kennst meine Abneigung gegen Mardochai, die freilich vielleicht mehr eine Geburt der Furcht, als der Verachtung ist. Aber ich entsetze mich nun einmal vor diesem Menschen, weil ich begriffen habe, was eine misbrauchte geistige Kraft für entsetzliche Frevel begehen kann, wenn sie die Vergangenheit sich zum Leiter erwählt für die Gegenwart. Und gerade mit diesem Menschen verkehrt Bardeloh jetzt mehr als sonst. Er weiss, dass ich den Juden nicht leiden mag, dass ich sogar im geheim ihn beaufsichtige, und dennoch lässt er unverhohlen seine Vorliebe zu ihm durchblicken. Mardochai besucht fast jeden Abend meinen seltsamen Gastfreund. Eingeschlossen in Richard's Kabinet verkehren sie bis tief in die Nacht hinein mit einander, und Niemand erfährt, was sie sinnen und träumen. Ich fürchte aber, es wird das Erwachen entsetzlich genug sein, denn gestern Mittag sagte Bardeloh ganz unaufgefordert mit einem unbeschreiblichen Lächeln: "Nun bin ich bald fertig mit meiner Doctrin des Hasses, in etwa vier Wochen will ich eine Probevorstellung geben." Ich stutzte, auch Rosalie zeigte einige Ueberraschung und Felix lag mit kindischer Neugier dem Vater um das Wie? an und bat, ihn ja dabei nicht zu vergessen. Richard schien erschrocken über sich selbst, wusste sich aber bald zu fassen und versetzte auf das Bitten seines Sohnes: "dazu kann Rat werden, liebes Kind. Vielleicht darfst Du Dich ganz besonders eigenen, eine Hauptrolle bei der probe zu übernehmen."

"Das wäre