Vater wunderliche Einfälle! Ach wenn er dadurch nur nicht so gar traurig und düster würde! Da muss die Mutter weinen und ich fürchte mich, und dann freilich ist mir's, als ob ich Ketten trüge."
"Gewöhne Dich an den Gedanken," sprach Bardeloh, "so kannst Du sie noch einmal abschütteln."
"Ketten sind ein schlechtes Geschmeide fuhr Bonifacius fort, für die Heiligen wüsst' ich aber doch kein besseres. Das hält einen so warm und treibt jeden Gedanken hinein in seine eigene hülfe, dass man ihn zuletzt gar nicht mehr sehen kann. Und so muss es sein! Ein wahrer Heiliger darf keinen Schimmer seines eigenen Gedankens in sich spüren, ein ächter Mansch eben so wenig. Das muss Alles in das unsichtbare Blut und Fleisch aufgehen, von dem der Geist lebt. Und wenn wir so diese Gedankenspeise hinunterschlingen, da geht einem der Himmel erst auf, wie alle fünf Wunden des Heilands, blutrot – o das ist eine Lust! Werdet Heilige, wie ich! Ihr Lumpengesindel sollt schon noch Gott erkennen lernen!"
In dieser Manier sprach der bedauernswürdige Mönch noch lange, und ich würde nicht müde geworden sein, ihm zuzuhören, wäre mir nicht ein Brief von Auguste überbracht worden, die mir ihre Lage in Düsseldorf schilderte und nichts sehnlicher wünscht, als die Herankunft des Frühjahr's, um der neuen hoffnungverheissenden Welt entgegen zu schwimmen. Damit Du nicht aus dem Zusammenhange gerissen wirst, schreibe ich Dir ab, was Dich interessiren kann und sich mitteilen lässt. Denn nun wir so innig mit einander verbunden sind, fängt die Geheimnisskrämerei erst an. Liebende, die dem höchsten Glück entgegenharren, werden egoistisch. Ich mag keine Ausnahme machen von dieser Regel, eine der wenigen, die ich respectire und auch in die neue Welt hinüberretten will. Man muss das Gute dem Alten vollends ganz entreissen und in sicheren Gewahrsam bringen; denn anders fehlt es dem Neuen an dem Poetischen des Vergehenden, und diesem wird die Möglichkeit benommen, sich im Gefühl gänzlicher Nichtigkeit wieder zur wahrhaftigen Tat empor zu schwingen. Hier ein Auszug aus Auguste's Schreiben:
Auguste an Sigismund.
"Unser Leben gestaltet sich hier recht heiter, geliebter Freund. Ich bedaure nur, dass die Nähe des Winters uns meist in's Zimmer verweist, was ich nicht liebe. Kleine Ausflüge an heitern Tagen in die Umgegend haben wir zwar nicht unterlassen, und ich bin sogar ein paar Tage in Pempelfort gewesen, wo ich, angeregt durch die Erinnerung an die Vergangenheit, die Schriften Jakobis zu lesen begann. Sie können mich jedoch nicht mehr so recht fesseln. Dergleichen hat seinen eigentlichsten Wert verloren für uns moderne Unglückskinder.
Ganz anders erfasst mich B ö r n e , in dessen Briefen aus Paris uns Oskar des Abends viele Stunden lang vorliest. Ich kann nicht müde werden, diesen göttlichen Menschen zu lieben, der es wagt in dem Schleier von dem Antlitz der Zeit zu heben und dem lebenden Geschlecht zu zeigen, was für ein fahler Todtenkopf darunter verborgen ist. Gabe es auch nur diesen einzigen Börne in Europa, so läge in ihm schon der schlagende Beweis, dass dieser Erdteil sehr krank sei. Börne ist nicht als Deutscher aufzufassen, sondern als ein Product des europäischen Lebens. Und ihm zur Seite wandeln bereits Jüngere, die freilich dem Titanen erst bis an die Knie reichen. Solche wittere ich in manchen gegenwärtig Verfehmten, und wenn Du's nicht übel nimmst, mein Geliebter, so behaupte ich, diese Menschen werden noch einmal hoch verehrt werden von der Nachwelt, und zwar ihrer angeblichen Frevel halber. –
Bitte, bitte, lies weiter und vergib meinen Ketzereien! Ich armes Ding kann ja doch nichts tun, als die Brosamen meiner Gedanken mühsam zusammenlesen und sie Dir zu beliebiger Verspeisung vorlegen. Einen Willen möchte' ich aber gern haben.
Während Oskar an seiner Brochüre über die Rechtszustände in Europa und vorzugsweise in Deutschland arbeitet, bin ich mit der ausgelassenen, mutwilligen Lucie beschäftigt, für mich und Dich Pflanzerkleidungen zu verfertigen. Ach, ich freue mich wie ein Kind auf unsere amerikanische Zukunft! Aber ich bitte Dich, Sigismund, lass nicht ab, Bardeloh zuzureden. Ohne Rosalie und Felix kann ich mir in der neuen Welt keine Existenz denken. Ich bedarf europäischer Gesichter, um die fremden Physiognomien erträglich zu finden. Ich will Parallelen ziehen und vergleichen.
Du solltest mich sehen in meinem leichten Pflanzeranzuge. Ich gehe wie ein lustiger Bursch, der sich verwandelt hat in ein fröhliches Mädchen. Muss das eine Lust sein, so aller Mode fremd nur seinem Behagen zu leben, und zu wissen, es gibt keinen Zwang, so weit Dein Auge reicht, und Deine Gedanken! Die Freiheit ist das Grösseste, was der Mensch erstreben kann! Ich will Jedem Alles vergeben, ich will Mörder und Spötter umarmen, wenn sie nur die Freiheit ehrten und liebten, für die Freiheit als zürnende Titanen, Blasphemien donnerten! Ich fühle amerikanische Freiheitslust durch meine Adern sprudeln, und mein armes, kleines Mädchenherz erhält in seiner Schüchternheit die Ahnung eines Kosmopolitismus, den ich in Worten nicht ausdrücken kann. – – –
Letztin kam ein Brief von Steinhuder an Lucie. Er nahm sich aus, wie eine mit Rosmarin, Beifuss und Salbeiblättern gespickte Gans. Ein Psalmist, wenn er sich in Buttermilch betrunken hat – falls dies möglich sein sollte – könnte seiner Feder keinen erhabneren Schwung geben. Ein solches Storchschnabelgeklapper von forcirtem Unsinn kann es unmöglich mehr