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Tactschläger. Was aber sonst noch drum und dran hängt, das drischt drauf los auf die taube Seele, bis sie Vernunft annimmt und Körner aus ihr herausfliegen. Der dürre Gevatter Tod aber grinst die schönsten Fratzen und unterhält den jungen Frommen mit lauter schaurigen Geschichten. Zuckt der Leib und mauzt die Seele, so fangen die lieben Engel an zu zimbeliren, und Juchhei! mitten in den Himmel hinein springt die gepeitschte Menschenhaut, dass der Erzengel Michel, der in der Ecke sitzt und den hungrigen Frommen Honigbemmen streicht, zusammenfährt vor Entsetzen, und die Bemmen auf's Gesicht fallen lässt. Darum müssen auch alle neue Heiligen so viel Hunger leiden, und aus Hunger werden sie toll, wild. Der Himmel mag nichts von ihnen wissen, Petrus klopft ihnen mit dem Schlüssel auf die nackten Schädel und schmeisst sie kopfüber wieder hinaus aus der lieben Seligkeit, und pardautz! da geht's wieder hinein in Kellergewölbe unb Klosterzellen, und die Hora wird gebrummt, damit man das Quicken der Lust nicht hört, das in allen Nerven zwitschert und wimmert, wie geprügelte Kinderseelen. – Siehst Du, Bruder, das muss Einer nur begreifen können, um's erst heilig zu finden. Kinder schreien, sie mögen nun wirklich herumlaufen in der freien Luft, oder noch in Saft und Blut sitzen. Wer sie nicht'raus kriegen kann, dem geht's höllisch schlecht. Das Fleisch juckt ihn und die Seele windet sich wund und blutig im Nesselfieber. Manchen macht das Gequicke toll, und ich habe einen Narren gekannt, der sehr gescheidt gewesen wäre, hätte er statt des Peitschens sich einen vergnüglicheren Zeitvertreib wählen dürfen."

So konnte der Unglückliche stundenlag fortschwatzen, tollen Unsinn gemischt mit bittern Wahrheiten. Es wurde jedem Zuhörer seelenangst dabei, nur Bardeloh verzog keine Miene, antwortete kaum auf etwaige fragen des Verrückten, und notirte sich diese oder jene Bemerkung des Mönchs in sein Taschenbuch.

Ich wunderte mich nicht wenig, als ich auf meine Erzählung von Bardeloh bloss ein gleichgiltiges: "Das weiss ich," erhielt. Auch war der rätselhafte Mann durchaus nicht zu bewegen, auf eine weitere Erörterung einzugehen. Er blieb dabei: Eugenie sei Mardochai's Geliebte gewesen mit seiner Bewilligung, und Sara ihr Kind, nach dessen Geburt sie bald gestorben. – Nun finde sich ein Mensch in dieses Gewirr! – Von Rosalie war noch weniger zu erfahren, da sie Bardeloh zu jener Zeit noch gar nicht gekannt hatte. Ich muss daher annehmen, Mardochai sei ehrlich, wie er es oft scheint, und Friedrich spreche in der Tat mehr aus Instinct, als aus Bedürfniss. Es ist trostlos, wenn man von Dummen und Verrückten die Wahrheit begreifen lernen soll.

Felix kam bald nach mir in des Mönchs Zimmer. "O, wie freu' ich mich," rief er aus, "dass ich Dich wieder einmal finde, Sigismund!" Gib nur acht, wie mein Onkel klug spricht, so toll er auch immer ist. In dem Menschen steckt ein gar wunderlicher Geist, der sich gar nicht um des Vaters schöne Redensarten kümmert, sondern so frisch von der Leber weg räsonnirt, dass es gar gar eine Lust ist, zuzuhören. Onkel Eduard macht's beinah so arg, als der schmutzige Casimir dort drüben.

Bardeloh beharrte in seinem Schweigen und der Mönch fing wieder an, in seiner Weise zu erzählen, Erlebtes und wüste Einfälle bunt durch einander zu werfen, wie's kam und ihm Behagen gewährte.

"Einstmals war ich ein fideler Kerl," fuhr Bonifacius fort, "da kam ein Pfiffiger Luteraner und sprach: Deine Religion ist nichts wert, denn sie verduftet sich. Haltbar muss Alles sein und recht nüchtern; das macht gescheidt, das nährt und schützt vor Drüsengewächsen. Ich wollt's ihm anfangs nicht glauben, weil ich viel auf schimmriges Poetenzeug hielt, und so wurde ich ein rundköpfiger Heiliger. Der Luteraner hatte so unrecht nicht, vielleicht aber lag's auch in meinen Nerven. Das ungezogene Gespinnst wollte immer 'Schultert's Gewehr!' spielen, sicherlich weil ich im Befreiungskriege mit gefochten habe. Das brachte die Heiligkeit bei mir in Miscredit, und so ward ich lieber Obercommandant der Nerven und commandirte, dass mir die Lunge schmerzte: Präsentirt's Gewehr! Bei alledem kam's zu keinem richtigen Einhauen und Bajonettgefecht, sondern 's blieb eben beim blossen Präsentiren. Und das machte mich ärgerlich und so, was man sagt, etwas wirblich im Kopf. Merk Dir's, Bruder, Nervenobercommandant zu sein, ist ein sehr kitzliches Generalat, und trägt nichts ein, als grobe Kutten und schwere Ketten. Weil ich ein neues Land entdeckt hatte, schloss man mich an, wie den Allerweltscapitain Columbus."

"Onkel, das war auch ein tüchtiger Mensch," fiel Felix ein, "und wenn mir der hübsche Amerikaner Burton das Schifferhandwerk lehrt, so will ich schon auch einmal eine Welt entdecken und mich nicht in Fesseln schmieden lassen."

"Es wäre auch sehr unnötig," sprach Bardeloh, "Du liegst so fest drinn, dass ich nicht wüsste, wo man noch eine anbringen wollte."

"Sigismund," sagte der Knabe zu mir, "das bildet sich der Vater wieder einmal ein, gerade wie sein Civilisationsgift, das auch kein Apoteker kennt. Ich und Fesseln! Kann ich nicht springen und laufen, wie mir's gefällt? Hat der