Gass' ab, als gelte es dem Wiederaufbau Jerusalems! Und kein Mensch erfährt, was er schmiedet, wonach er eigentlich rennt. Ich kann nicht glauben, dass ihn der Schwank selbst so gewaltig interessirt, denn wahrhaftig, die Juden kamen nicht allezeit ungehänselt hinweg! Der feige Schmerz ward oft bitter verhöhnt, und unternahm der Pöbel auch nicht grade etwas Widerrechtliches, so war er doch auch nicht jederzeit in den Grenzen erlaubter Scherze zu halten.
Mir kommt dieses unstäte Wesen Mardochai's sehr gelegen. Oft, fast täglich wiederhole ich meine Besuche bei Sara und komme dadurch Friedrichen näher, der übrigens unbefangen bleibt wie immer, wenig auf uns achtet, desto mehr aber auf seiner Geige spielt. Wäre ich diese Töne nicht schon gewohnt, so würde mich entweder ein halber Wahnsinnstaumel erfassen, oder vollendete, colossale Narrheit wäre das Ende meines Lebens. So aber gleicht sich Alles auf das Einfachste aus, die Gewohnheit macht mir sein Spiel gleichgiltig und Sara's naives Geschwätz wiegt mich in heitere Träume einer längst verloren gegangenen Kindlichkeit.
Vor einigen Tagen war Sara besonders scherzhaft gestimmt. Sie zeigte mir alle Künste, die sie im schönen Müssiggange erlernt hatte und gefiel sich namentlich darin, sich vor meinen Augen schnell und fast unmerklich zu verwandeln durch ein wunderbar geschicktes Handhaben ihres Shawl's und des faltigen Oberkleides. Dieses harmlose Spiel ergötzte mich eben so sehr als das Mädchen. Dabei erzählte sie mir orientalische Mährchen, voll Duft und scherzhaftem Kinderglauben, spielte dazwischen die Ziter oder führte auch einen kurzen Tanz auf. Friedrich kam dazu, und geigte. Glücklich gestimmt, hatte er Neigung zu sprechen, was er sonst fast nie tut, oder doch nur sehr lakonisch.
"Sara tanzt heute', wie ihre Eugenie," sagte er dumpf vergnüglich in sich hineinlachend, und strich seine Geige so possirlich, dass ich selbst ebenfalls lachen musste. "Ich denke, gescheidte Menschen lachen nie," fuhr er fort, etwas beleidigt, wie es schien. "Das soll ja nur den Dummen und Narren frei stehen. Es ist ihr Monopol; 's kostet ihnen eine ganze, splitternackte Seele."
"Wer war denn Eugenie?" fragte ich den Blödsinnigen.
"Eugenie?" wiederholte er, pfiffig und doch auch einfältig dazu lächelnd. "Ja, Eugenie war ein Wesen, das Niemand kennen darf, als zwei Menschen."
"Und diese zwei, Friedrich? Sieh, dies schöne Goldstück, ist's nicht mehr wert, als ein albernes geheimnis?"
"Mardochai gab mir zehn solche Goldstücke, damit ich schweigen kann, nur zehn andere, wenn sie recht glänzen, heben sich."
Ich warf ihm die blinkenden Dukaten zu. "Besinne Dich Friedrich!"
"Besinnen? Eugenie war Bardeloh's Schwester."
"Und was ist sie jetzt?"
Er warf die Geige auf den Teppich und ahmte, durch das Zimmer gehend, die Haltung eines Leidtragenden nach.
"Was hat denn Eugenie in's Grab gebracht?" fragte ich weiter.
"Die dumme Liebe," sagte der Blöde und fing wieder an zu geigen. "Wer hiess es auch dem albernen Dinge, einem Juden zu vertrauen! dafür musste sie bei guter Zeit die Welt verlassen."
"Ist Eugenie kinderlos gestorben?"
"Nun das freut mich," erwiderte der Geiger und unterbrach abermals sein Spiel. "Nun kenne ich doch einen, der noch dümmer ist, als für gewöhnlich der Allerweltsesel Friedrich gehalten wird. Dieser weiss doch wenigstens, dass Sara Eugenien's Tochter ist, aber der Mensch kann auch das nicht begreifen. O über diese dummen Klugen!" –
Ein weiteres Ausfragen hielt ich für unnötig. Ich war zufrieden und überliess Friedrichen wieder seiner Gedankenlosigkeit. Sara hatte kaum auf unser Gespräch geachtet, das oft unterbrochen wurde, indem immer lange Pausen zwischen Frage und Antwort eintraten. Da sie ohnehin ihre Mutter nicht kannte und den Geiger für eine blosse willenlose Creatur ihres Vaters hielt, den man sich durch Goldspenden vergewissern konnte, so legte sie überhaupt gar keinen Wert auf sein Geschwätz. Mir aber genügte die erhaltene Auskunft. Ich nahm mir vor, Bardeloh zu sprechen, um ihn von meinen Entdeckungen in Kenntniss zu setzen. –
Noch an demselben Abend traf ich mit ihm zusammen. Er war in einem Gespräch begriffen mit seinem Bruder. Eduard fängt seit einiger Zeit an zwar nicht verständiger, aber doch umgänglicher zu werden, und in glücklichen Momenten ist eine Unterhaltung mit ihm möglich. Freilich kreuzt der Irrsinn sich oft wunderbar genug mit einem lichten Gedanken. Sein früheres Leben streicht dann in haltungslosen Bildern an ihm vorüber. Erinnerungen blitzen auf und verschwinden wieder im Entstehen. Dann reibt er sich das blutrote Muttermal, schüttelt den kahlen Scheitel und wundert sich über die seltsamen Besuche, die ihm der lichte Tag abstattet.
In einer solchen Stimmung traf ich ihn. Beide Brüder sassen einander gegenüber, Bardeloh düster und schweigend, Bonifacius in heitere Spiele loser Phantastik aufgegangen.
"Das magst Du glauben, mit dem Frommsein ist's ein gefährlich Ding;" sagte der tolle Mönch. "Das fängt gar wunderlich an sich zu melden im Menschen. Erst prickelts wie Nadelstiche am ganzen Körper, im Herzen meldet sich eine Art Wehmut, die vertrackt viel von Blutgier an sich hat. Darum gibt sie den Frommen auch sogleich die Geissel in die Hand. Nun geht der Tanz los, bei dem der Geist Director ist und