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ein und legte ihre weiche Hand an meinen Mund. "Der Vater darf nichts wissen, er würde mich sonst morden. Nur Friedrich weiss darum und führt Casimir sicher herein, denn Friedrich ist klug, wenn er auch so albern aussieht."

"Bist Du mir gut, Sara?" fragte ich, um über ihre Neigung Gewissheit zu erlangen und sie selbst vor Unglück zu bewahren.

"Ja, Dich liebe ich," versetzte sie anmutig lächelnd, "darum schmücke ich mich auch immer mit den schönsten Kleidern meines Vaterlandes, das ich nicht kenne. Als ich Dich zum ersten Mal sah, klopfte mein Herz so ängstlich und doch so munter, wie ein Vöglein, das sich freut, eine süsse Nahrung gefunden zu haben. Du warst so ernst und doch wieder so heiter im Auge, und das hab' ich gern. Darum tat ich auch dem Vater den Willen und spielte und tanzte. Und wenn Du mir nur auch gut sein willst, so vergesse ich, dass ich eine Jüdin bin – 'ein verfluchtes geschöpf,' wie der Vater sagt."

"Gut bin ich Dir, Sara," erwiderte ich, "aber lieben darf ich Dich nicht, denn ich habe mein Herz schon an ein anderes Mädchen verschenkt."

"So?" lächelte die Jüdin und zeigte ein paar Reihen Zähne, die wie Perlen durch die Rubineinfassung der Lippen glänzten. "teil's doch, so kannst Du mich auch lieben."

"Wenn ich es auch teilen könnte, so würde dies Auguste nicht zufrieden sein."

"Auguste? Wer ist Auguste?"

"Meine Geliebte" – ich hätte bald gesagtmeine Gattin.

"Auguste ist ein hübscher Name."

"Der schönste, den ich kenne! Es gibt keinen herrlicheren, keinen glückverheissenderen Namen."

"AugusteAugusteich möchte wohl so heissen. Aber Sara klingt auch recht artig. Sara klingt so wehmütig, wie Alles Jüdische. Liebst Du Auguste heiter, so liebe mich traurig. Das ist erlaubt, es ist morgenländisch. Liebe mich morgenländisch, Sigismund."

"Konnte das schuldlose Kind genügsamer, reizender sein in dieser Genügsamkeit? Ich liess sie dabei und versprach sie halb so viel zu lieben, als Auguste. Darüber ward sie ganz ausgelassen glücklich, nahm die Ziter, spielte und tanzte vor mir auf dem persischen Teppich und vergass ganz die beschränkte Lage, in der sie sich befand. Ehe ich sie verliess, bat ich nochmals, sie solle behutsam umgehen mit Casimir und ihm in keiner Weise Freiheiten erlauben, denn ich fürchte dieses Menschen Tollheiten, wenn grade einmal der Teufel der liederlichen Genialität über ihn kommt. Sara versprach mir zu gehorchen und küsste mir beim Fortgehen Hand und Kleid."

So komme ich alle Tage in seltsamere Verwickelungen und Situationen. Sara meine Geliebte! Gott im Himmel, das Kind verdient einen Bessern, als mich, und doch ist es unmöglich, sie davon zurückzubringen. Ich halte es sogar für nötig, einstweilen ganz ernstlich die Rolle des Begünstigten zu spielen, um andere Lüsterne vor dem Unerlaubten zurückzuschrecken.

Aus einzelnen Andeutungen vermute ich, dass Sara's Mutter eine Christin gewesen ist. Ob diese gestorben oder von Mardochai verlassen worden sein mag, kann ich noch nicht ermitteln. Ausser dem Kreise der Wahrscheinlichkeit läge es wohl nicht, wenn dieser raffinirte Rachegeist alle nur denkbaren Auswüchse seines angebornen Talentes überall hin hätte greifen lassen, um das Terrain sich möglichst zu erweitern. Sei dem auch, wie ihm wolle, schuldlos, ein reines Kind glücklicher Unbefangenheit, steht Sara vor meinen Augen. Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Friedrich, der nicht ohne Mitwissen zu sein scheint, ist vielleicht zu bewegen, Winke über die frühern Verhältnisse Mardochai's zu geben, und könnte dies geschehen, so liesse sich wohl auch gegen ihn machiniren, ohne mit Gewalt seine fein geschürzten Netze zu zerreissen.

Den 17. December.

Man sollte kaum glauben, dass eine im Ganzen doch aufgeklärte Bevölkerung so lange und hartnäkkig an alten Gebräuchen fest halten könnte. Zwar liegt wenig daran, die kultur wird nicht niedergehalten, aber es fällt doch auf. In früherer Zeit gab es in Köln einen ausgezeichnet fröhlichen Carneval. Grosse Maskenzüge wurden angeordnet, an denen vorzüglich die Geistlichkeit, wie Du weisst, regen Anteil nahm. Die neuere Zeit hat diese Maskenfahrten zwar vielfach verwischt, aber doch nicht ganz zu tilgen vermocht. Mir nun gefällt dies, so wenig mein eigener Sinn am Alten sich sättigen kann. Ein Stück romantischer Poesie aus den zeiten des Mittelalters greift vermittelst dieses Spieles noch herein in unser ernüchtertes Zeitalter, und sucht man dies, wenn auch nur künstlich, fest zu halten, so ist der Instinct, der es tut, sogar lobend anzuerkennen. Es sollten dergleichen Festlichkeiten heute zu Tage nur mit mehr Geist angeordnet werden, so könnten sie sogar Form und Gestalt einer Volksbelehrung annehmen. In die blossen Farcen muss man jetzt Tiefe zu bringen suchen, sonst werden sie fade und widerlich.

Schon seit einiger Zeit spricht man von dem bevorstehenden Carneval, ohne sich zu etwas Grossartigem zu vereinigen. Wie Alles bei uns, wird auch dies nur stückweise betrieben und Jeder folgt seinen eigenen Eingebungen, Privatliebhabereien und philisterhaften Albernheiten, wobei dann freilich ein Harlekinswesen zu höchster Ergötzlichkeit des Pöbels herauskommen muss.

Auffallend ist mir hierbei nur die grosse Tätigkeit Mardochai's. Läuft der Mann von früh bis in die Nacht hinein Gass' auf,