wie stark sie werden kann, wenn der Absolutismus derselben wieder Geltung gewinnt.
Wir haben beschlossen, Oskar soll sich in der Nähe von Düsseldorf bis zu unserer Abreise aufhalten, die im Mai des künftigen Jahres angesetzt ist. Lucie bleibt bei einer Verwandten Auguste's. Beide Mädchen sind hier sicherer und in einer ihrem Geschlecht angemessenern Stellung. Oskar hat sich vorgenommen, eine sehr freie Darstellung des Rechtszustandes in Deutschland auszuarbeiten und noch vor seiner Auswanderung in Druck zu geben. Ich riet ihm ab, da ich es weder für zweckmässig noch edel halte. Allein wer mag dem beleidigten Zorne widerstehen! Oskar beharrt darauf und so mag er immerhin seinen Ingrimm noch aussprudeln. Auch dies kann Europa's Genesung oder schnelleren Tod herbeiführen, wo dann ja eine Wiedergeburt nicht so gar fern sein wird. Es ist merkwürdig, wie seit langer Zeit schon die Unmoralität an sich als ein Heilmittel aufgegriffen wird für die krankhaften Zustände. So wird der Vergiftete nur durch Gift gerettet!
Oskar's Arbeit dürfte viel Gutes entalten. Sein Sinn ist klar, er besitzt eine scharfe Combinationsgabe, die Wut macht ihn bitter, lange erduldetes Unrecht gebiert jenen schneidenden Witz der Ironie, der vorzugsweise leider eine Geburt unserer Zeit genannt werden muss!
Auguste will nicht wieder zurück nach Köln. Mich schmerzt dies tief, doch kann ich mich durch die Aussicht beruhigen, öfters einmal mit dem Dampfboote den Rhein hinabzuschwimmen. Ein lebhafter Briefwechsel wird ohnedies unsere Herzen immer in engster Verbindung erhalten. – Einige Tage werde ich noch hier bleiben, um einleitende Briefe nach Amerika zu schreiben. Von Köln aus erhältst Du ebenfalls einige an meinen Geschäftsführer. Ich trage ihm auf, mein kleines Besitztum im Gebirge zu veräussern. Die Kaufsumme mag aber darauf stehen bleiben. Von Amerika aus gebe ich Dir oder Ferdinand dann bestimmtere Verhaltungsregeln.
Beobachte ein tiefes Stillschweigen gegen meine Geschwister und den Vater. Sie sollen nichts erfahren von meinem Vorhaben; es würde ihnen die Ruhe rauben. Abschied mag ich nicht nehmen, um die Sentimentalität unserer Nation nicht auch in mir wieder aufleben zu lassen. Die Trennung ist unerlässlich. Ausserdem kennst Du ja meine Lage und Stellung zu den Meinigen. Das Herz gehört ihnen, mein Geist und Streben der Welt. Hier muss geschieden werden streng und unerbittlich, sonst frevele ich an beiden. Freilich werden dies weder Vater noch Geschwister begreifen. Ihr Gott ist nicht der meinige, ihre Hoffnung mein Sterbegeläut. Das ist hart, ich fühl' es, aber es ist europäisch, und dies tröstet mich wieder. –
So bald ich zu Schiffe steige in Rotterdam, sende ich einen Brief ab mit meinen wärmsten Grüssen. Was mein Herz dabei fühlen wird, mag ich mir selbst nicht gestehen. Hoffnung und Liebe begleiten mich, und sollen diesen beiden Engeln des Lebens nicht alle übrigen weichen? –
Dies einstweilen Dir, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Ich fürchte nur den Winter, mehr aber Bardeloh's Gram und Mardochai's diabolische Spionirkunst. Errät er unsern Plan, so lässt sich immer nichts Bestimmtes sagen über unsern Ausgang.
Gute Nacht! Burton tritt ein, um mich zu einem Spazirgange abzuholen. So spät in der Nacht spazirengehen? Ja, Raimund. Ein wunderherrliches Nordlicht überstreut den nächtlichen Himmel wie mit blühenden Rosen. Ich habe es noch selten so gesehen, dem Amerikaner ist die Erscheinung fast ganz neu. "Europa hat auch seine mächtig süssen Reize," sagte er, "aber Amerika's Freiheit überstrahlt doch alle, und die Flagge mit ihren sechsundzwanzig Sternen, sollte sie nicht eben so schön anzusehen sein, als das Mitleid des himmels, das er herabflattern lässt in verheissendem Glanz über das überwachte, lebensschlaffe Europa? Nord-Amerika for ever!"
So spricht ein freier Mann, darum schweige ich. Denn noch lebt kein Europäer, der sich ganz frei und gross fühlen könnte, wenn ein Sohn Amerika's das tatenfrische Auge aufblitzen lässt in den euerflammenden Himmel. –
14.
An Ferdinand.
Köln, Anfang December.
Ich irre umher, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat und nicht weiss, wo er ihn suchen soll. Der Sinn der Zeit ist mir abhanden gekommen; wohin ich auch gehe und nachspüre, ich finde überall nur den Unsinn oder die Gesinnungslosigkeit anstatt des Gesuchten. Seit ich hier allein stehe, nur umgeben von Figuranten des Komödie spielenden Jahrhunderts, wird mir so kahl und kalt, dass ich wirklich verzweifeln könnte, besässe ich noch so viel unverfälschte Tugend. Aber auch diese sitzt nicht mehr in den Falten meines glänzenden Frack's, und gern will ich sie umherlaufen lassen, bis ich Abschied genommen habe von meinem Geburtslande.
Bardeloh mag nichts hören von einer Fahrt nach Amerika. Zwar gibt er mir und dem hellsehenden, verständigen Burton vollkommen Recht, aber mit Gleichmut behauptet er auch, dass er nichts mehr tauge für das Land der Freiheit. Und – fühle mit mir den Schmerz dieses Bewusstseins – ich kann ihm nicht widersprechen! Das gerade ist unser eigentlicher Tod, dass die edelsten Kräfte die Weihe der Tat verlieren durch die abschwächenden Umgebungen. Bardeloh würde, in Amerika geboren, mit jedem Tüchtigsten gewetteifert und dem Siege niemals die Fersen gezeigt haben, so aber ging er unter in der Grübelei, die, wenn auch im Einzelnen nützlich, doch fruchtlos bleibt für das Ganze. Was nützt es nun, dass er durch die Speculation dahin gelangt ist, auf ein Haar zu bestimmen, was unserm Weltteile mangelt,