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Nimm auch teil an dieser Hoffnung, Raimund, so zählt die unglückliche Welt einen Glücklichen mehr!

Und, Gottlob, die Stunden eilen vorüber in der rätselhaften Schnelligkeit, womit der Dampf die Zeit beschwingt hat. Nicht glaube ich mehr ein Jahr lang die Last des alten Joches zu tragen, das Europa's Glieder zermalmt. Es stossen sich die begebenheiten, wider Willen drängt Alles dem Ausgange zu, ich muss scheiden, sei's freiwillig oder als gezwungener Flüchtling; denn anders sehe' ich nur Tod für mich und die, an dessen Geschick auch das meinige von jetzt an eng geknüpft ist.

Vor zwei Tagen unternahm ich eine Spazierfahrt nach Düsseldorf, um Auguste, Lucie und Oskar zu zerstreuen. Diese armen Menschen träumen auch so hin im Nichtstun, weil eben Alles erschlaffen muss in dieser Flachheit der Gesinnung. Auguste wird zwar weniger bedrängt von der allgemeinen Not der Ueberfeinerung. Sie ist frei, vermögend, liebt und liebt glücklich, nicht weil sie mich liebt, sondern weil sie mit feinem Sinn den Geist der Liebe zu erfassen weiss. Nur, dass sie mich umstrickt sieht von den Verhältnissen, macht sie unruhig. Mit Freuden ging sie ein in meinen Vorschlag, Amerika zu besuchen. Es soll einstweilen bloss eine Probefahrt werden, keine völlige Uebersiedelung, wiewol ich eine Rückkehr nicht ahne.

Gedrückter lebt Lucie, deren Unglück noch gesteigert wird durch ihre zügellose Heftigkeit. Ihr Vormund und Onkel Steinhuder hat nicht angestanden, Oskarn geheimer Verbindungen verdächtig zu machen. Der Zufall will es, dass Oskar aus jugendlichem Frohsinn früher einer erlaubten Verbindung angehörte und als Mitglied derselben mit der Burschenschaft correspondirte. Sein späteres Leben, das sich ungebundener auf Freiheitsgedanken in eine ideale Welt emporschwang, harmonirte zum teil mit jenen chimärischen Plänen. Oskar schrieb, liess drucken und sprach scharf über die Misslichkeit unserer politischen Lage. Er stand mit französischen Propagandisten in Briefwechsel, flüchtige Deutsche in Paris ergriffen mit Eifer die gelegenheit und suchten durch ihn auf ihre Landsleute zu wirken. In der letzten Zeit erregte der häufige Briefwechsel mit Paris die Aufmerksamkeit der Behörden. Oskar's Amtlosigkeit und sein starrer Sinn trugen noch mehr zur Verdächtigung bei. Es ward eine Haussuchung angeordnet und seine Papiere in Beschlag genommen. Gleich nachher ergab es sich, dass Steinhuder durch Lucie's Aeusserungen veranlasst den ganzen schlimmen Handel angestiftet hatte. Oskar war ausser sich, er vergriff sich tätlich an dem Kaufmann und kam noch in der fürchterlichsten Aufregung zu Bardeloh und mir, um wenigstens für den Augenblick einer precären Sicherheit gewiss zu sein.

Dieser Handel ist schlimmer, als er scheint. Du weisst es, wie man jetzt ängstlich darauf bedacht ist, jeden den Eintritt in den Staatsdienst zu verschliessen, der auch nur e i n m a l als Knabe im Gedanken gegen die Legitimität einer Einrichtung gesündigt hat. Diese unselige Maxime, den Staat innerlich zu sichern gegen äussere Angriffe, setzt jetzt oft die besten Köpfe ausser Tätigkeit. Mangel und Armut, beleidigtes Ehrgefühl, die geschmähte Menschlichkeit empören sich und der Staat gibt auf diese Weise, ohne dass er es will und ahnt, wohl gar Anlass zu Unruhen.

So stehen die Sachen überall, im In- und Auslande. Nie sind eine solche Menge fähiger Köpfe ausser Connex gesetzt worden mit der Bedürftigkeit des Zeitlebens, als heute zu Tage. Mein eigener Kreis von Bekannten ist zwar nur klein, aber doch ausgedehnt genug, um zu erkennen, woran der Staat krank liegt. –

Der erste Sturm nun ging freilich vorüber, denn ob auch die Behörden Oskar's Versteck ahnen mochten, Bardeloh's Name, sein unheimliches Wesen erregen noch immer eine wunderbare Scheu. Und wahrlich, Bardeloh würde in seinem haus gewiss keine Haussuchung geduldet haben!

Am unglücklichsten war Lucie gestellt. In ihrer Heftigkeit vergass sie Alles, überhäufte Steinhudern mit Schmähungen und verwundete den unglücklichen Friedrich gefährlich mit einem Messer, als ihr Onkel abermals den jämmerlichen Menschen ihr als Bräutigam vorstellte. In der Angst entrann sie und stürzte, kaum ordentlich gekleidet, zu Rosalie in's Zimmer, als ich eben der besonnenen Frau einige Stellen aus Tomas Paine vorlas. Schnell ward der Entschluss gefasst, das Geschehene wenigstens vorläufig durch Entfernung der Beteiligten vergessen zu machen. Ich eilte zu Burton, der, wie ich seitdem von ihm erfuhr, Kapitain in Diensten der freien Staaten ist, und bat ihn, die Führung eines kleinen Segelkahns zu übernehmen. Denn mit dem Dampfboot abzureisen, war nicht rätlich; Burton verstand sich gern dazu und noch an demselben Tage spät Abends hatten wir uns unterhalb Deuz eingeschifft. Obwol der Amerikaner das Strombett nicht kannte, hat ihm lange Erfahrung doch einen so richtigen blick erworben, dass wir ohne den geringsten Anstoss einige Meilen den Strom hinabschifften, und hier das am andern Morgen ankommende Dampfboot erwarteten. Dieser Umstand verhinderte ein Zusammentreffen mit Bardeloh, um diesen für unsern Plan zu stimmen. Auf der andern Seite war damit aber auch wieder eine sehr bedeutende Förderung verbunden. Die Wasserfahrt gab mir hinlängliche gelegenheit, mich mit Burton zu besprechen, jedes Für und Wider reiflich zu überlegen und meinen gefassten Entschluss zu befestigen. –

Wir waren erst einige Stunden in Düsseldorf und trieben uns am Ufer des Stromes unter dem geschäftigen Leben herum, als eine Menge Auswanderer nach Amerika ankamen. Es waren meist arme Leute, zum teil schon hoch in die Jahre. Kummer und Gram, das Brandmahl, welches die Armut ihren Kindern eindrückt, prangte mit seinem blassen Todtenfahl auf den Gesichtern derselben. Burton mischte sich unter sie