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. Wissen Sie, Sigismund, welchen Namen diese Religion führt?"

"Kann es einen bezeichnenderen geben, als den der modernen?"

"Man sollte daran zweifeln," versetzte Rosalie, "Bardeloh jedoch hat einen andern zu erfinden gewusst. Er nennt diese Religion, in der Hass und Liebe gleiche Rechte haben, die Religion der Ausgleichung oder der Humanität."

"Und wer soll ihr Verkündiger werden?"

"Europa's Tod!" hauchte Rosalie leis und zitternd. "Bardeloh sagt in seiner Doctrin des Hasses: für das Christentum starb sein heiliger Verkündiger, Christus, für die Humanität wird auf dem Golgata der Welt Europa seinen Geist aushauchen. Denn Europa hat Christi Kreuz auf sich genommen und es fast zertrümmert durch den Fanatismus, in welchen es die verkündigte Liebe sobald zu verwandeln suchte. Darum erhebt sich jetzt der Fluch, welcher lastet auf dem irrenden volk Juda's, und schlägt an's Kreuz der neuen Versöhnung, die eine Versöhnung aller Völker und aller Welt sein muss, d e n Erdteil, welcher frevelte am heiligen Geist der geschichte. Und so stirbt Europa den Kreuzestod für die Erlösung zweier Weltteile, und sein Opfertod ist die Besiegelung der Wahrheit derjenigen Religion, die sich mit dem tod Europa's erhebt!"

Nicht die Wahrheit, sondern die poetische Erhabenheit dieses Gedankens riss mich hin zu einer Art gläubigen Bewunderung. Einen Weltteil zum Opferlamm zu machen für die Entsühnung der ganzen Welt, diesDu wirst es zugebenist gross, und nur ein Europäer, reif und tief geworden im Schmerz seines geschichtlichen Lebens, konnte diesen Gedanken fassen. Aber es liegt auch eine jammernde Verzweiflung verborgen in dieser letzten Hoffnung, die dicht an den Wahnsinn hinstreift. Lassen wir fünf Jahrhunderte noch vergehen und in dieser Zeit den in der Einsamkeit gebornen Rettungsgedanken Bardeloh's zur Myte sich gestalten; dann frage ich, ob diese Myte nicht mit dazu beitragen wird dem fortschreitenden Menschengeschlecht die Göttlichkeit begreiflich zu machen, welche in der idee der Erlösung allerwärts zur Erscheinung kommen will?

"Wie jetzt die Sachen stehen," fuhr Rosalie fort, "kann ich kaum auf eine befriedigende Endschaft hoffen. Es ergeht Bardeloh wie Jedem, der seiner Zeit vorauseilt in Bildung und gedanklicher Weltgestaltung. Sie Alle, die sich hier zusammengefunden haben, sind entweder verloren, oder sie müssen mit dem Fluch der Vernichtung sich Bahn brechen. Deshalb bitte ich Sie, Sigismund, suchen Sie Bardeloh zu bestimmen, bevor er zum Aeussersten schreitet, eine Probefahrt nach Amerika zu unternehmen! Reisen zerstreuen, Reisen können retten, Reisen sind nicht selten auch schon Bekehrer geworden. Ist Bardeloh, sind Sie krank in Herz und Geist, so werden Sie gesunden durch den Anblick einer fremden Welt. Ist es Europa und seine Völker, so haben Sie nichts verloren, wenn Sie Ihren gesunden Geist flüchten aus dem Pestause. Ich bin bereit Sie zu begleiten. Und nun still, Sigismund. Gehen Sie, bedenken Sie meine Worte. Ich mag den Gedanken nicht fassen, dass ein Vater seinem kind verloren sein sollte, weil er begreift, es ist kein Boden für ein freies Leben in dem land, worin es geboren wurde."

Rosalie drückte zitternd meine Hand und verliess schnell das Zimmer. Felix, ganz hingegeben an sein Spiel, hatte nicht auf unser Gespräch gemerkt und wunderte sich, dass die Mutter fortgegangen war.

"Sigismund," redete er mich an, "wenn besuchst Du denn den Amerikaner? Nicht wahr, Du nimmst mich mit? Denn wenn Ihr nach Amerika geht, so muss ich doch auch ein Wort mit drein reden. Die Mutter sagt immer, ein Kind habe die klügsten Anschläge."

Ich versprach ihm, was er verlangte, und sann nur über die Art und Weise nach, wie Bardeloh am leichtesten zu einer Reise nach Amerika zu bewegen sein möchte. Es fiel mir ein, dass er jeden Donnerstag Abend ganz allein einen Spaziergang um die Stadt macht, und ich entschloss mich, ihn hier, wie durch Zufall zu begegnen, um mein Anliegen vorzubringen. Burton lässt sich vielleicht auch bewegen, mich zu begleiten, und ist es nur möglich, Richard's tief liegende Phantastik der Hoffnung aufzuregen, so kann ich auf einen erwünschten Erfolg mit Gewissheit rechnen.

13.

An Raimund.

Köln, den 6. November.

Die Hoffnung ist nicht ein blosser Ersatz für ein glückliches Sein, sondern das einzige und wahrhaftige Glück. Ich habe dies früher bestritten, eifrig, leidenschaftlich, hartnäckig, wie es meinem Naturell angemessen war. Seit ich aber so tief untergesunken bin in der Trauer über das Nichtdasein des Ersehnten, fühle ich, wie nur die Hoffnung glücklich machen kann. Es wird mir wunderselig, wenn ich der Zukunft gedenke, die ich jetzt nur noch jenseits des Oceans suchen kann unter Cypressenwaldungen, im Schatten tausendjähriger Eichen, umweht vom lebendigen Gelock des wunderbaren Tillandsea. In dieser Freiheit der sehnsucht lösen sich auch die Ketten, an denen mein heisses Herz angstvoll klopft und vergeblich der Freiheit wartet in reinem Glanze. Ich kenne kein Elend mehr auf Erden, die verworrene Societät, die unsern natürlichen Menschen erdrückt hat unter frivolen, heuchlerischen Küssen, streicht unbeachtet an mir vorüber. Das politische Unwesen, eben so mannigfach zerrissen, wie die Secten, wodurch man Gott zu verehren wähnt, lässt mich kalt, weil ich in der Hoffnung bereits ein Bürger bin jenes unbekannten Landes, dessen Bestimmung die Erlösung der profanen Welt ist.