den Trümmern zerstörter Ueppigkeit umherwandelte. Wir setzten uns. Da Keiner zuerst sprechen wollte, herrschte geraume Zeit ein ängstliches Schweigen. Endlich begann Bardeloh.
"Nicht wahr, es gefällt Ihnen in meinem haus?"
"Selbst der verwöhnteste Aristokrat," versetzte ich, "würde alle Gelüste befriedigt finden, die Erziehung und Vorurteil ihm unentbehrlich gemacht haben im Leben."
"Sehr wahr! Ein Aristokrat von Geburt würde so sprechen und danach handeln. Bei mir aber bringt es die entgegengesetzte wirkung hervor."
"Dann sehe ich nicht ein, weshalb Sie sich mit dem Glanz aller nur ersinnlichen Modeartikel umgeben?"
"Warum? – Hm! Sie sind ein sonderbarer Mensch."
"Dasselbe würde ich von Ihnen mit Recht behaupten können."
Bardeloh stand auf und drückte gegen eine Tapetenwand, die ohne Geräusch eine Tür öffnete. In der Nische brannte eine bläulich-rote Spiritusflamme aus einem Todtenschädel; daneben lagen verschiedene Waffen.
"Das werden Sie weder modern noch aristokratisch-genusssüchtig finden," sagte Bardeloh, indem er wieder neben mir Platz nahm.
Die Tür blieb jetzt geöffnet, die Spiritusflamme wehte ein unheimlich falbes Geisterlicht herein, und spottete mit dem Todenfahl ihres Flackerscheines das Leben weg aus unsern Mienen. Ich fragte, wozu diese Gegensätze dienen sollten.
"Sie entalten die Doctrin des Hasses," versetzte mit einiger Bitterkeit mein Gastfreund. "Liebe ist eine heilige, göttliche Lehre, aber auf Erden nicht jederzeit angewandt, so lange es noch Benennungen gibt, die einen Unterschied bedingen zwischen der ewigen Gleichheit des Menschen. Darum übe ich hier in stiller Abgeschlossenheit das Hassen, im Fall ich es für mich allein einmal nötig haben sollte. Denn ohne die Möglichkeit des Hasses ist die Liebe bedeutungslos. Ich verachte und verspotte alle Launen, die der Aristokratismus mit raffinirtem Schönheits- und Geschmackssinn eingeschmuggelt hat in die Gesundheit des natürlichen Daseins. Darum umgebe ich mich damit, so viel es meine Mittel erlauben, und studire die Niedrigkeit dieser Gesinnungen in der Hoheit äusseren Scheines, womit der kahlgewordene Verstand prunkt, wenn er kein Urteil mehr besitzt über fragen, die das Leben mit allen seinen Zeugungsepochen an die Ewigkeit weltlicher und menschlicher Bildung stellt."
"Diese Lebensansicht und Beurteilung unserer Zustände ist eine outrirte," entgegnete ich, "sie wird und muss Sie elend machen."
"Sehr wahrscheinlich! Glauben Sie aber ja nicht, dass mein etwaiger und möglicher Untergang den Beweis für die Torheit meiner Ansichten abgeben würde. Es müssen überall Märtyrer sein. Darum haben Sie Unrecht, wenn Sie meine Ueberzeugungen outrirt nennen, sie sind nur ungewöhnlich."
"Wozu aber diese gespenstische Lampe, diese Spiegelfechterei, die das Nervenleben stachelt und matt kitzelt? Wollen Sie etwa durch dergleichen Vorrichtungen ebenfalls eine wollüstige Verspottung aristokratischen Sinnenreizes nachäffen?"
Der Blitz jenes mephistophelischen Lächelns setzte abermals momentan das ganze Gesicht meines so zweideutigen Freundes in Flammen: "Sie sollen beruhigt werden," sprach er, und drückte die Tapetentür wieder zu. "Ich kann es Ihnen nicht verargen, dass Sie einige Abneigung gegen so tödtlich drohende Vorrichtungen zeigen. Sobald wir uns näher kennen, will ich Sie über dieses unter Schloss und Riegel gelegte geheimnis belehren."
Er schellte, ein Diener zündete die Gaslampe an, die in geschmackvollen glänzenden Messingröhren das Zimmer mit feenhaftem Glanz erleuchtete. Bardeloh zog die rotseidenen Gobelins vor die Fenster und langte einige Productionen der neuesten Literatur aus einem Mahagonischranke.
"Diese Werke kennen Sie ohne Zweifel," fuhr er fort mit einer Ruhe, die eben so natürlich zu sein schien wie Alles an diesem ausserordentlichen Menschen. "Um sie aber ganz zu verstehen, müssen Sie in Köln bleiben. Hier ist der Ort, dem Leben in's tiefste Herz zu blicken, vorausgesetzt, dass überhaupt ein Organ in Ihnen vorhanden ist, welches diesen Dienst verrichtet. Die Autoren dieser Bücher eifern gegen Gebrechen der Societät, die allgemein gefühlt, aber schwer geändert werden können. Man sollte nicht gegen Windmühlenflügel zu feld ziehen, denn man macht sich lächerlich und verhasst. Um die Wunden zu heilen, die an diesem Erd- und Menschenkörper aufklaffen, bedarf es zuerst des brennenden Eisens, damit das Gift verzehrt wird, das sie verursacht. Was helfen alle Medicamente und Binden der ganzen Welt, wenn man dem Uebel nicht auf den Grund geht? Ich kenne ein Mittel für all' diese Gebrechen. Wollte man es anwenden, so wäre der Gesellschaft geholfen."
"Und dies besteht?" –
"In Vernichtung unserer Selbst."
"Gewiss," erwiderte ich bitter-verdrossen, "eine solche Radicalcur müsste zum Ziele führen. Wer den Menschen ausrottet, wird auch die Gesellschaft vertilgen; nur ist schwer zu begreifen, was an die Stelle der so exstirpirten Menschheit treten soll."
"Sie sind von schweren Begriffen," sprach Bardeloh. Wer verlangt Vertilgung alles Lebens? Niemand und ich am allerwenigsten! Nur ein halbjähriges Ruhen der fortwachsenden Menschheit gebe ich zu bedenken; die Folgen würden nicht ausbleiben, und der Gesundheitszustand einer sehr merklichen Veränderung unterliegen.
"Die Ausführung ist nur unmöglich."
"Weil Ihr Weichlinge seid, gegenredete mit schlechtverhehlter Heftigkeit der aussergewöhnliche Weltverbesserer, warf die Bücher ungeduldig in den Wandschrank und wünschte mir eine glückliche Nacht."
So endigte meine erste Unterredung mit einem mann, der ohne Widerrede einer der complicirtesten Charactere ist, den die Neuzeit aus den Conflicten ihres Wollens und Nichtkönnens geboren. Ich habe Dir mit Vorbedacht dieses Gespräch ausführlich erzählt, weil es