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Ernst Adolf Willkomm

Die Europamüden

Erster teil

1.

An Ferdinand.

Am Bord des Dampfschiffes Herkules.

Ende Juli, 18–

Die Angabe des Ortes sagt Dir, dass meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind. – Ja, ich bin frei, zum ersten Male, seit ich mir des Lebens bewusst geworden. Keine Schranke drückt meine Gedanken mehr tot, kein sogenanntes Pflichtgefühl martert mich in eine Ergebenheit hinein, die ich nie gekannt habe. Und dies sage ich Dir, dem Friedsamen, hier am fuss der dampfenden Esse, deren nachtdunkle Rauchwolken die Freiheit und ihre unzerstörbare Kraft beurkunden! Wahrhaftig, es klingt fast lächerlich, das Edelste, was sich ein Menschenleben bewahren kann, in einer Maschine finden zu wollen. Und doch ist es so. Die ewige Himmelstochter hat sich der Zeit ergeben müssen, und erscheint in einem Gewande, das ihr den leichtesten Eingang bei der argwöhnischen Menschheit sichert. So tief herabgesunken ist das Jahrhundert, dass sich sein Genius bequemen muss, eine heuchlerische Hülle anzulegen, um nicht abgewiesen zu werden wie ein lästiger Bettler. Ich sehe Dich lächeln und die Achseln zucken, aber ich kehre mich nicht daran und fahre fort, mein Herz auszuschütten. Die Last, die wie eine zertrümmerte Welt auf mir liegt, muss ich von mir schleudern, wenn ich fernerhin noch leben soll in dieser fluchschwangern Gegenwart. Danke Gott, dass ich mich entschlossen habe, weit hinauszuschwärmen in die Welt. Die Heimat hauchte mich an mit der Pestluft des Drachen in der Fabel, die eng gezogenen Grenzen stillen Lebens mit ihrer gehäbigen Gutmütigkeit und dem freundlich lächelnden Gott eines verkümmerten Friedens weckten Gelüste in mir, deren Befriedigung im Buch geschriebener gesetz blutige Marksteine bezeichnet. Es war hohe Zeit, Ferdinand, dass ich floh, zwar nicht mehr rein und schuldlos im Gedanken, aber noch unbefleckt durch eine Tat, die der stille Weise verflucht, während der Schmerzenssohn einer gährenden Weltepoche sie bekränzt mit dem ernsten Laub der Eiche oder dem dunkeln Zweige des Lorbeers. –

Du siehst, meine Dämonen, wie Du die verschwiegenen Folterqualen des Herzens nennst, haben mich noch immer nicht verlassen. Auch auf dem schimmernden, goldgrünen Spiegel des Rheines arbeitet mit gleichem Ungestüm die Welt in meinem inneren. Die natur, die mich in diesem Moment umgibt, löset nicht die Fesseln, in denen ich verschmachte. Eben rundet das Schiff um die Krümmung an der Marksburg, die Ufer des Stromes verengern sich, romantisch stürzen die Berge in hundert Täler ab, und tauchen ihre grünen Gewänder in die krystallenen Zauberwellen. Fernab schimmert Lahneck mit seinen Trümmern, auf dem hohen Stolzenfels flammt der Freibrief aller Welt, besiegelt vom Glanz der niedergehenden Sonne. Ein wolkenloser Himmel zittert im dunkeln Blau, wie ein Baldachin, über diesem paradiesischen Erdabriss. Am Horizont, aus silbernem Nebelglanz, steigt, ein bleicher, eingeschlummerter Geist des Krieges, der Ehrenbreitstein, und wieder verbirgt sich stumm und schüchtern der momentan freigegebene Gedanke.

Meine Stimmung ist bei aller Freude, die mich bewegt, eine schmerzliche. Mir scheint, ich bin nicht der einzige, den, verfehmt und verspottet von der bürgerlichen Friedsamkeit, dieses Schiff beherbergt. Unter dem lustigen Zelt treiben sich die Kinder von sechs bis sieben Nationen herum. Jedes lallt in seinem Sprachidiomein buntes Allerlei des Gedankenausdrucksund Alle sind vielleicht gerade jetzt glücklich, nicht weil der Augenblick gekommen, wo die verschiedenartigsten Wünsche sich erfüllen, sondern weil die Aussenwelt mit dem Friedensblick ihrer Reize den Schmerz in der Tiefe schweigen lässt. – Und dennoch bin ich unter diesen etwa hundert Menschen, die zugleich mit mir von Mainz absegelten, ein paar Gesichtern begegnet, die, wie der Abgrund einer versunkenen Welt, geisterhaft mich anstarrten. Hier nun löse ich mein Dir gegebenes Wort, auch auf die Gefahr hin, von Dir missverstanden oder als ein abenteuernder Sonderling verlacht und bemitleidet zu werden. –

Auf Reisen wird man schnell mit einander bekannt. Die Barrieren der Etiquette und lächerlicher Convenienz sinken zusammen, sobald wir den barkettirten Salon mit der Heerstrasse vertauschen. Man sucht sich, weil Reisende in irgend einer Weise immer mit einander sympatisiren. Meine unglückselige Neigung, mich abzusondern, wenn der Strom freier Weltbewegung seine Wellen um mich peitscht, ist Dir bekannt. Eben so gut weisst Du, dass nicht in aristokratischem Stolze die Ursache dieses Vereinsamens liegt, sondern ganz allein in dem Ekel, immer und immer nur dem Gewöhnlichen wieder zu begegnen. So kommt es, dass ich mich suchen lasse, oder in stiller Beobachtung mir wenigstens erst aus der Ferne Denjenigen herauslese, an den mich ein etwaiges Interesse fesseln kann. –

Der Morgen war heiter, der Rheingau, im Schmuck der Frühlingszier, breitete sich längs dem mächtigen Strome hin aus. Links dunkelte der Niederwald und barg in seine historischen Schatten die versunkene Grösse Karls des Grossen, der fast zur Fabel geworden ist wie sein Prachtpalast zu Niederingelheim, von dem man auch vergebens eine Spur sucht. O, wenn ich zurücksehe in dieses Chaos todter und begrabener Jahrhunderte, dann bricht erst recht mit vernichtender Gewalt ein lauter Hohn in mir aus, der Alles verspotten möchte, was je geschehen ist auf Erden! Dann könnte ich nicht etwa vor Schmerz, sondern vor bitterer, blutiger Wut Tränen vergiessen über die Narretei der Welt, zu deren winzigem Complement auch ich gehöre. Da seufze, ringe und rase ich nur nach einer Tat, dem Einzigen, was der Zeit not tut; und ein blick auf die geschichte, die mit gebrochenem Auge um uns den ewigen