1838_Immermann_044_99.txt

Verwunderns kein Ende. Du weisst es nicht, denn du bist noch zu jung, wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht drückte, peinigte, verdrängte, wie es sein Gift in das Innerste unsrer Häuser spritzte! Ja, mir kann gross zumute werden, wenn ich an manches, was vorgefallen ist, mich erinnere, und nun bedenke, dass ich es bin, der das Messer in der Hand hat, um ..."

Seine Augen blitzten, die hagre Gestalt wurde länger, seine Gebärde hatte etwas Erhabnes. Doch besann er sich, vollendete den Satz nicht, und fuhr in gleichgültigem Tone fort: "Es ist noch nicht so gar lange her, dass wir nur mit dem Beisatze: Bürgercanaille, genannt wurden, wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt. Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für unsre Kränkungen, und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen, wie die Sündflut, oder den Untergang der Welt durch Feuer, obschon manche Zeichen dahin deuten, dass man an tausend Ecken und Orten mittelbareroder auch unmittelbarerweise versucht, die Zeit der Junker, ihrer gnädigen Öhme und Basen zurückzuführen. Was mich betrifft, ich will mich wenigstens an meinem platz bestreben, die alten Feudaltürme und Burgverliesse zu sprengen."

"Vergessen Sie nur nicht", sagte Hermann, "dass man, wenn man die Hand an dergleichen altes Gemäuer legt, leicht Vipern und Nattern mit aufstört, oder giftige Schwaden entbinden hilft, die einem gefährlich, ja tödlich werden können."

"Das ist mir zu hoch, und ich verstehe es nicht", erwiderte der Oheim. "Wir haben aber die Nacht zum Tage gemacht, lass uns wenigstens noch etwas schlafen. Ich möchte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit, die mir ohnehin Langeweile genug machen wird, die Augen nicht offenhalten können."

Zehntes Kapitel

Als der Oheim sich andern Tages ankleidete, bemerkte Hermann, dass ein schwarzer Flor um den Arm lag. "Wen betrauern Sie?" fragte er bestürzt.

"Meine Frau", versetzte der Oheim ruhig. "Ihr altes Übel hat sie gleich nach deiner Abreise ergriffen und dieses Mal doch überwältiget. Leider war ich zu entfernt, als ich die Nachricht bekam, um noch zur rechten Zeit zur Bestattung eintreffen zu können, ich habe diese sorge andern überlassen müssen."

"grosser Gott!" rief Hermann, "und davon sagen Sie mir erst jetzt etwas?"

"Warum denn früher? Du hast sie nur wenige Wochen gekannt, wie kannst du ein Interesse an ihr haben? Leere Beileidsbezeugungen sind mir zuwider. Sie ist schlafen gegangen ein paar Stunden eher, als ich, das ist alles. Mein Platz an ihrer Seite wird mir nicht entstehn. Nun geh nur voran, ich will noch etwas in meinen Papieren lesen; es möchte dir ohnehin bei deinen Gönnern und Beschützern schaden, wenn du in meiner Gesellschaft erschienest."

Hermann ging, ganz verwirrt über diesen Mann, von dessen Fassung er nicht wusste, ob er sie für wirkung der Gefühllosigkeit oder der Seelenstärke halten sollte.

Auf dem platz vor dem schloss kam ihm Wilhelmi entgegen, und rief: "Wo bleibst du? Die Neidharte sind überwunden, unsre Wächter haben sich tapfer gehalten." Er erfuhr von dem Freunde, dass sich auf einem der Wege, die sowohl zum schloss als zum Turnierplatze führten, ein abenteuerlicher Zug gezeigt habe. Grosse Schlittenkufen, auf Räder gesetzt, rollten, von schellenbehangnen Pferden gezogen und von Harlekinen gefahren, daher. In diesen Gefähren sassen maskierte Gestalten, deren Aufputz eine Mischung aller möglichen Kostüme war. Sie begehrten am Schlagbaume Einlass, und hielten dazu eine Rede in Knittelversen, deren Sinn ungefähr dahin ging, dass, wo man Anno dann und dann Turnier spiele, Gäste, die im Sommer Schlittenfahrt hielten, gewiss willkommen seien.

Wilhelmi hatte in der Nähe gelauscht, alles verstanden, und auch leicht die stimme eines der missgünstigen Gutsbesitzer erkannt. Der Wächter nahm sich bei diesem satirischen Anfalle ganz vortrefflich. Er tat gar nicht, als ob er den Spruch höre, liess den Balken des Schlagbaums im schloss, und drehte den Schlittenfahrern schweigend den rücken zu. Auf solche Weise wird die wirkung jedes Hohns am sichersten vereitelt. Nachdem die Schlittenfahrer noch einige Male ihre Xenie wiederholt hatten, ohne etwas auszurichten, kehrten sie, da sie doch nicht gradezu Gewalt brauchen wollten, um, und versuchten, einen weiten Umweg machend, auf einem andern Punkte einzudringen. Aber auch hier fanden sie einen Schlagbaum und einen Wächter, der dem ersten glich. Es half nichts; sie mussten abziehn und sich in ihrer lächerlichen Verkleidung, hin und wieder von mutwilligen Buben beschrien, durch die Feldmark zerstreun.

Wilhelmi zog Hermann nach dem grossen Zimmer des Herzogs, welches im schloss nur der Audienzsaal hiess, weil der Fürst darin die vornehmeren Besuche zu empfangen pflegte. Sie fanden ihn, umgeben von dem ganzen Hausstaate, beschäftigt, die Glückwünsche der Versammlung entgegenzunehmen. Er trug seine goldbestickte Generalsuniform, war überaus freundlich, und sagte zu Hermann, als dieser sich ihm mit schicklichen Worten näherte, scherzend: "Nun, heute werden wir wohl auch unsre Stallmeisterkünste genugsam zeigen; nicht wahr?" Doch dann sich besinnend, und ehe noch Hermann sagen konnte, dass er dem Feste nur als bescheidner Zeuge beizuwohnen wünsche, mass er unsern Freund von oben bis unten mit den Augen, und flüsterte dann: "Ah so!" – Hierauf gab er ihm huldvoll die Hand