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unruhigste Stimmung geraten. Er fühlte einen Wendepunkt seines Lebens, und fühlte sich doch auf keine Weise der Zukunft gewachsen. Dass ein neuer Zwiespalt in ihm entstand, als er die Türme des Schlosses wieder erblickte, dass dieser wuchs, da die schöne Fürstin ihn begrüsste, wollen wir grade nicht billigen, gewiss aber ist es, dass er in den Gemächern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehen bekam, welche ihn ausser Fassung bringen, und sein Wesen an der Wurzel erschüttern mussten. Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört, sich in solcher Verfassung mit etwas andrem, als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschäftigen.

Er freute sich, dass die Tage bis zur Ankunft des Oheims, der über sein Los das Urteil fällen musste, in wechselnder Beschäftigung vergehn sollten. Denn darin war er glücklich zu preisen: kein Zweifel, kein Leid versenkte ihn unnütz grübelnd in sein Ich, wo so viele Menschen fruchtlos die Auflösung ihrer Bedrängnisse suchen, fruchtlos, weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstört. Ihm sagte ein geheimer Glaube, dass die fragen in uns, und die Antworten in den Dingen liegen, denen er deshalb, wie es mit ihm auch stehen mochte, immer in Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb.

Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen, plaudern und die Zurüstungen, über welche er selbst im stillen lächelte, eifrig besorgen, während er kaum noch wusste, was aus ihm werden solle, ja, wer er nur sei?

Achtes Kapitel

Über Wilhelmi hatte er durch den alten Erich, der ihn jetzt bediente, nur in Erfahrung gebracht, dass er im Kruge wohne, und dass ein Schrank das Unglück herbeigeführt habe. Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen, und der verdrossne Alte gab keine weitern Erklärungen. Er war einigermassen in Verlegenheit, wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle, als ein Billet Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief.

Wilhelmi sass in einem elenden Dorfstübchen und schnitt Federn, deren schon eine grosse Menge zugespitzt auf dem Tische lag. "Ich will", rief er Hermann entgegen, "den Undank beschreiben, aber so viele Federn ich schon fertig habe, ich denke doch, es sind noch nicht genug, und da schneide ich denn immer noch ein paar mehr."

"Liebster", sagte Hermann, "was tun Sie hier? Wie war es möglich, dass zwischen Männern, welche so sehr zueinander gehören, wie Sie und der Herzog, sich der Zwist einschleichen konnte?"

"Ich bitte dich, nenne mich du", versetzte Wilhelmi. "Schon mit dem Ihr kam das Unglück in die Welt, da gewöhnte man sich, einen Menschen, einen Mitbruder im gleichgültigen Plural zu betrachten, wo individuelle Beziehungen auslöschen. Das verrückte Sie hat aber den Greuel vollendet, nun ist der andre nichts als ein Konglomerat dritter Personen, eine Versammlung toter Atome, die man heute braucht, morgen wegwirft. Aber Du um Du, das heisst Auge in Auge, Arm gegen Arm, in Liebe oder Hass."

"Bester", rief Hermann, "lassen wir die Abschweifung! Soll ich dich du nennen, so schenke mir auch ein brüderliches Vertraun. Was hat euch entzweit?"

"Ein Schrank. Du lachst! Ja, ja, nichts weiter als ein Schrank, ein elender Schrank. Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse. Sie fühlen sich überholt von dem Sturmschritte der Zeit; Ehre, Mut, kriegerische Tapferkeit sind bürgerlich geworden, da suchen sie sich denn an Strohhälmchen festzuhalten, und das nennen sie altväterliche Gesinnung. Sie haben mich fortgejagt, wie einen ausgedienten Jagdhund, und werden mich auf dem Dünger sterben lassen. Mühevolle Tage, durchwachte Nächte, ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage, Treue, Fleiss, alles gilt vor diesen nur den Taglohn, womit sie uns von Morgen bis Abend abzufinden meinen. natürlich! Der Schrank muss stehen bleiben, das gehört auch in das System des historischen Bestandes der Rechte. Wilhelmi kann eher fort. Bravo! Ist es denn wahr, dass der Herzog sich jetzt, da er Turnier halten will, für einen Abkömmling Karls des Grossen hält? O glaube mir, diese Anmassungen, diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen! Das Schicksal wird auftreten und wenig danach fragen, ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder nicht."

Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen, die ihn ungeduldig gemacht haben würden, hätte er nicht das tiefe Leiden des rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen. Er hörte also geduldig zu und aus, bis der gekränkte Hypochondrist sich erschöpft hatte, und fähig war, auf die Frage: Was es denn nun eigentlich gegeben habe? ohne Umschweife zu antworten. Die geschichte war ziemlich einfach. Wilhelmi hatte schon längst, wie wir wissen, Ordnung im Archive stiften wollen, welches durch die Vereinigung mehrerer Registraturen von andern Gütern des Herzogs eine ungeheure Überfüllung bekommen hatte. Nicht bloss Wertloses und Reponiertes lag über- und untereinander, selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten mühsam hervorgezogen werden müssen. Es schien, um diesen Wust zu lichten, und Platz für das Aufbewahrungswerte zu gewinnen, kein andrer Rat möglich, als die Repositorien bis unter die Decke des Gewölbes zu erhöhn. Dieser Einrichtung stellte sich nun hauptsächlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite entgegen, welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte. Wilhelmi bestand darauf, das riesige Möbel