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Aber alle riefen: "Was wird nun aus unsren schönen Mänteln und Trikots, worin wir tanzen wollten?"

"Sie werden alle in Ihren Mänteln tanzen, es gibt doch ein fest!" versetzte Hermann zuversichtlich.

"So?" fragte der Enterbte höhnisch. "Wollen Sie etwa eine Freiredoute geben?"

Man warf die Rüstungen ab. Zwei Birutschen wurden vom schloss herbeigeschafft, in welche man die Wunden und Gequetschten lud. Langsam ritten die unversehrt Gebliebenen beiher. Die Reitknechte folgten mit den hinkenden Pferden an der Hand. Das, welches den Fuss gebrochen hatte, und jämmerlich stöhnte, blieb zurück.

So sehr verunglückte eine Nachahmung des Turniers bei Ashby de la Zouche im neunzehnten Jahrhundert.

Siebentes Kapitel

Unangemeldet, – denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem Turnierplatzetrat Hermann in das Zimmer der Herzogin. Sie war nicht dort. Die Vorhänge waren der Sonne wegen niedergelassen; eine sanfte Dämmerung erfüllte den heimlichen Raum. Hermann warf seine verlangenden Blicke umher, und empfand ganz den süssen Schauder, der uns ergreift, wenn wir für uns die stillen Umgebungen der Frauen mustern dürfen, mit denen sich unsre Einbildungskraft beschäftigt. Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei, auf der ihre hände gelegen hatten, zu den Blumen, die ihr Hauch berührte, von da zu den Porträts, an denen manche Erinnrung haften mochte. Die Blätter dieses Gebetbuchs empfingen ihre unschuldige Morgenandacht, in jenem Sessel mit dem gestickten Fussbänkchen davor, ruhte sie gewiss aus, wenn sie vom Spaziergange zurückkehrte!

Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zurückziehn, als er in der Ecke den Papagei gewahr wurde, der, wenn wir nicht irren, schon zuweilen in diesen Geschichten erwähnt worden ist. Die Klappe des Schreibtisches war offengelassen worden, Papiere, aus farbigen Mappen hervorsehend, lagen darauf. Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht, vieles herausgezerrt, zerbissen, auf den Fussboden gestreut. Jetzt sass er auf dem rand eines Korbes, welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel diente, und zerstörte mit grosser Emsigkeit ein paar feine rote Blättchen, die er zwischen Klauen und Schnabel hin- und herzog. Hermann wollte ihm den Raub abjagen; der Papagei liess die Blätter in den Korb fallen und entfloh mit lächerlichen Sprüngen.

Hermann sah in dem Korbe die halbzerrissnen Blätter auf andern gleichfarbigen liegen; er musste sie für Wegwurf halten und konnte meinen, wenigstens keine Indiskretion zu begehn, wenn er sich dieselben zueignete. Die Handschrift der Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen; in seinen unklaren verworrnen Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus, er wollte etwas von der Fürstin besitzen, heute besitzen, er drückte unwillkürlich seinen Mund auf die Blätter, und schob sie unter die Weste; auf seinem Herzen sollten sie ruhn. Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele vorüber, schon hatten seine Finger die Blätter gefasst, um sie an ihren Ort zurückzubringen, als das erscheinen der Herzogin, die aus dem anstossenden Gemache in das Zimmer trat, dieses gute Vorhaben vereitelte.

Verweint trat sie ihm, schamrot er ihr entgegen. "Das gehört auch noch zu den übeln Folgen solcher Zerstreuungen, worin ich seit vier Wochen lebe, dass man das nächste vergisst", sagte sie, indem sie die Verwüstung erblickte. "Ich kenne den Schelm und seine Unarten, und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren zurück."

Hermann hob die am Boden liegenden Blätter auf, sie ordnete sie, so gut es in der Schnelligkeit gehen wollte, in die Mäppchen ein, und sagte: "Es sind meine Erinnrungsblätter, ich hatte heute ein Bedürfnis, darin zu lesen. Welchen eignen Eindruck macht eine solche Lektüre! Wie vieles schreibt man auf, worüber man kurz nachher lächeln muss, oder wovor man auch wohl zu erröten hat. – Aber nun, mein Helfer und mein Trost, zur Hauptsache! Die ganze Gegend ist in Erwartung unsres Festes, es kostet leider, wie ich aus den Rechnungen, die mir nach und nach jetzt schon vorgelegt werden, sehe, Tausende, und doch ist es, wie wir heute erfahren haben, nicht zustande zu bringen. Was für Unglück hätte ich anrichten, welche schreckliche Gewissensbisse hätte ich mir zuziehn können! Mit Schauder denke ich an die Auftritte, die ich draussen sah."

"Beruhigen sich Ew. Durchlaucht", sagte Hermann. "Ich hoffe, Ihnen einen Plan vorlegen zu können, dessen Ausführung Sie, den Herrn, und alle Gäste zufriedenstellen wird."

"Ich bin begierig, ihn zu vernehmen", sagte die Herzogin.

"Mein Gedanke ist folgender", versetzte Hermann. "Die idee zu dem Feste ist aus dem Bewusstsein Ihres Standes hervorgegangen, es sollte ein adliches sein. Dabei müssen wir also stehnbleiben. Aber warum gehen wir in so entlegne zeiten zurück? Warum wählen wir eine Darstellung des Ritterwesens, mit welchem, wenn wir die Sache näher betrachten, unsre heutigen Begriffe durchaus nicht mehr zusammenhangen? Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter vorrücken und ein fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und Augusts des Starken veranstalten, in welches die Blüte der ersten Klasse der Gesellschaft fiel."

"Und das wäre?" fragte die Herzogin.

"Ein Caroussel", versetzte Hermann. Sie haben gewiss, meine Fürstin, von den prächtigen Lustbarkeiten gelesen, die in dieser Art besonders am sächsischen hof gefeiert worden sind. Auch sie geben reichliche gelegenheit, Figur, Anstand