sein verdriessliches Gesicht noch nicht abgelegt, und, sooft die Tür aufging, ängstlich mit den Händen den Kopf bedeckt hatte, obgleich, wie wir bemerkt haben, die Hitze der Hundstage herrschte. Sie meinte, Hermann solle sich in acht nehmen, er werde da Widerspruch bekommen.
Angereizt vom Lächeln der Dame, rief dieser aus: "Muss ich doch mich selbst verurteilen, wenn von jenen Übeln geredet wird! Ich hatte immer gehört, dass man heutzutage, um interessant zu erscheinen, unzufrieden und kränklich sein müsse. Da die natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte, so bestrebte ich mich, durch Kunst dieselben hervorzurufen, denn ich wollte nun einmal nicht so unbedeutend durch das Leben gehen. Fürs erste schaffte ich mir eine finstre Miene an, und sah aus, als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen. Es war aber nicht so schlimm; das Essen und Trinken schmeckte mir dabei, und ich schlief mit meinem Grame bis an den Morgen. Aber so schon begann ich zu gelten, einige Damen wollten selbst etwas Byronsches an mir bemerken. Es kam nur noch darauf an, krank zu werden. Ich rief die Einbildungskraft zu hülfe, und richtete meine Aufmerksamkeit stundenlang auf mich selbst. Ich fragte mich so lange und so ernstlich: 'Tut dir nicht da und da etwas weh?' bis es mir endlich vorkam, als tue mir da und da etwas weh. Nicht mit Darstellung der ganzen Metode will ich Ew. Durchlaucht ermüden, nur so viel darf ich versichern, dass ich es in Erzeugung der Schmerzen bis zur Virtuosität gebracht habe. Kopfgicht, Armweh, Brustkrampf, Podagra, jegliches Übel kann ich nach Gefallen hervorbringen. Denke ich zum Beispiel nur daran, dass jene Tür aufgetan werden möchte, so wütet schon ein ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick."
Diese Beziehungen waren zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Beide Herrschaften hielten den Kammerrat, wie es solchen Leidenden zu gehen pflegt, für krank in der Einbildung. Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und Schadenfreude auf ihre Teller. Hermann genoss seinen Sieg; aber nicht lange. Wilhelmi hatte ganz gefasst dessen Rede mit angehört. Als nun die Pause, die nach dem Schlusse derselben entstanden war, nicht enden wollte, sagte er freundlich zu ihm:
"Was Sie vorhin von der notwendigkeit der feinen Lebensart äusserten, hat mir sehr gefallen."
Hierauf wurde Hermann rot und stotterte einige Worte, die wie ein Dank für den ihm erteilten Beifall klangen. Die Herrschaften aber taten, als gehe sie der letztre nichts an. Die Herzogin rückte den Stuhl, und die Tafel ward aufgehoben.
Er war mit dem Herzoge allein. Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit dem verdriesslichen Freunde über wichtige Angelegenheiten, welche das fürstliche Paar in diesen jämmerlichen Ort geführt hatten.
Der Herzog schien sich für den Jüngling zu interessieren, er fragte ihn nach dem Zwecke seiner Reise. Hermann versetzte, dass er sich auf der Wandrung befinde, um seinen Oheim, den grossen Fabrikherrn, den er noch nie gesehen habe, zu besuchen.
"Da werden Sie einen merkwürdigen Charakter kennenlernen", sagte der Herzog. "Ich mache oft Geschäfte mit ihm. Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da, und vergegenwärtigt mir immer das Bild eines Bürgers der Hansa. Ihr Vater und er sind ein sehr eigentümliches Brüderpaar gewesen."
"Sie lebten beide, wo nicht in Hass, doch in stiller Entfremdung", sagte Hermann. "Ich will nun versuchen, ob der Oheim gegen mich auftaut. Wahr ist es: wenn ich an meinen Vater zurückdenke, so suche ich vergebens nach seinesgleichen in der Gegenwart. Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefähr in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stehngeblieben. Von daher schrieben sich die grossblumigen Tapeten seines Zimmers, die geschnörkelten Meubles, der Zuschnitt seines Rocks; an welchen Dingen allen er mit hartnäckiger Strenge festielt. Und doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein. Aber etwas Störendes scheint plötzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben. Überhaupt liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Märchen hinter mir, an deren Wahrheit zu glauben, mir oft schwerfällt."
Er erzählte noch manches von seinem väterlichen haus, welches wir später an geeigneter Stelle einschalten werden. Der Herzog, welcher grossen Anteil an allem, was aus dieser Familie herrührte, nahm, fragte nach Hermanns Studien und Lebensgange, worauf er die gewöhnliche geschichte eines unsrer jungen Männer hörte. Hermann hatte als Siebenzehnjähriger den Befreiungskrieg mitgemacht, als Zwanzigjähriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt, und war dann auch in jene Händel geraten, welche die Regierungen so sehr beschäftigt haben.
"Indessen", fuhr er fort, "war ich der Torheiten selbst bald müde geworden. Und, als wolle mich das Geschick für diese zeitige Reue belohnen, meine Rhadamanten fanden, dass ich zum Ravaillac verdorben sei, und entliessen mich nach kurzem Verhör." Er erzählte weiter, dass er sodann die jetzt gewöhnliche Reise durch Frankreich, England und Italien gemacht habe, demnächst aber in den Dienst des wegen seiner Verwaltung berühmten staates als sogenannter Referendarius getreten sei.
"Sie sind noch in dieser Anstellung?" fragte der Herzog.
Hermann trat drei Schritte zurück, schöpfte tief Atem und rief: "Nein, Ew. Durchlaucht, in dieser Anstellung bin ich gottlob! nicht mehr. Nachdem ich die Welt gesehen, in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet, in London