. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.
Der Domherr war wie ausser sich. Trotz aller Verkehrteiten, welche diesem mann anklebten, musste man ihm wenigstens einen zarten Sinn für das Schöne, besonders der phantastischen Gattung, zugestehn. Er seufzte, drückte dem arzt die Hand; dieser sah, dass Tränen aus seinen Augen flossen. "Ist es nicht", sagte der Domherr leise, "als sei die alte Fabel wieder jung geworden, und schaue uns Spätlinge mit entzükkenden Kindesaugen an? Was sind unsre Ballette mit ihrer absichtsvollen Lüsternheit gegen dieses einzige Schauspiel? Hier entbrennt eine Seele, deren Drange nichts Geringeres als das Ganze: Fuss, Hand, Leib, stimme, genügen kann, zu einem lebendigen Kunstwerke, und spricht das aus, wozu der armen, stummen, gefesselten natur ewig die Organe mangeln! Wie danke ich Ihnen, mein Freund, für solchen Anblick!"
Die Bewegungen Flämmchens waren langsamer geworden, die Kränze entfielen ihren Händen, sie sank mit dem Ausdrucke einer angenehmen Ermattung auf einen Stein und schien einzuschlummern. Die Alte kam zwischen den Klippen hervor. "So ruht sie nun, und lässt mit sich machen, was man will", sagte sie. "Wenn ich sie auf ihre Füsse stelle, so geht sie auch, von mir gestützt, und weiss dennoch von nichts."
"Kommen Sie", sagte der Arzt zum Domherrn. "Es ist in der Tat kühl, und ich spreche heute nicht im Scherz, sondern im Ernst von Erkältungen." –"Lassen Sie mich bei dem schönen kind noch einen Augenblick allein", versetzte der Domherr. "Ich kann mich an ihr nicht satt sehen, und werde sie in die Hütte nachbringen."
Der Arzt stieg mit der Alten die Klippen hinunter. Unten begegnete ihnen ein Mensch, der sich verirrt zu haben schien, denn er fragte ängstlich und eilig nach dem Wege, der auf den Felsen führe. Erst nachdem er zurechtgewiesen und vorbei war, erkannte der Arzt in ihm den Bedienten des Domherrn.
Unten in der Hütte kündigte er der Alten an, dass er Flämmchen wahrscheinlich binnen kurzem von ihr nehmen werde. Auf dieses Wort stand sie wie versteinert, und sah ihn mit starren Augen an. Er redete ihr zu, und wollte sie durch die Nachricht, dass er das Geld, welches er für das Mädchen ihr gegeben, auch nach deren Entfernung noch eine Zeitlang fortzahlen werde, beschwichtigen. Sie aber unterbrach ihn, und rief mit einem herzzerreissenden Tone: "Nehmen Sie mir das Kind nicht!"
"Was soll sie ferner bei dir?" versetzte er. "Überhaupt, wie kommt es, dass du solchen Anteil an dem unbekannten Mädchen nimmst?"
"Unbekannt!" rief die Alte. "Ach, sie ist mir nur zu wohl bekannt! O mein Herr, lassen Sie mir das Kind! Es wehete ein Sturm, und verwehete die Geschlechter der Erde, man schlief ein unter blühenden Mandelbäumen und erwachte im öden, sandigen Blachfeld. Wisst Ihr, was es heisst, im grab gelegen haben, und wieder aufwachen? O ich könnte Euch Dinge erzählen, vor denen Ihr erschrecken würdet! Aber durch Nacht und Tod und Finsternis geht der Weg des Fleisches, und es fügt sich alles wieder zusammen, was zueinander gehörte."
Er drang in sie, ihm diese dunkeln Reden zu erklären. Sie antwortete hierauf etwas in der fremden Sprache, welche er schon draussen von ihr vernommen hatte, und sagte dann: "Wollt Ihr, dass ich mein Kleinod hinwerfe, dass Ihr darauf tretet und es zerstört? Ich glaube daran, damit gut; meinen Glauben will ich behalten!"
Sie legte den Finger auf den Mund, dann ging sie umher, bewegte die arme, als wollte sie ein Kind in den Schlaf schaukeln, und summte dazu ein Wiegenlied. Plötzlich fuhr sie empor, rief heftig: "Was ist das? Wo bleibt sie?" und eilte aus der Hütte.
Verdriesslich über das lange Ausbleiben des Domherrn ging der Arzt in dem düstern, kleinen raum hin und her, und erwog bei sich, ob es nicht besser sei, alle diese Abenteuer sich selbst zu überlassen, als er von aussen einen gellenden Schrei vernahm, und die Alte in die stube stürzte. "Verruchte! Treulose! Ungeheuer!" schrie sie. "Betrügen wolltet Ihr mich! Das Feuer des himmels über Euer schändliches Haupt!"
Die entblössten Brüste, das flatternde, schwarze Haar gaben ihr das Ansehn einer Furie. "Besinne dich!" rief der Arzt, und fasste ihren Arm. "Was ist geschehn?"
"Der Bösewicht hat sie geraubt! Ach, ich unglückseliges Weib!" erwiderte sie jammernd.
Bestürzt klomm der Arzt die Felsen empor. Es war richtig. Niemand war auf der Platte zu sehen. Etwas Weisses flatterte zwischen den Steinen. Es war ein beschriebnes Blatt. Er gab sich Mühe, es zu lesen, was aber selbst in dem hellen Mondscheine nicht gelingen wollte. Von unten hörte er die Klagen der Alten, die schauerlich durch die Nacht tönten. Mit Mühe arbeitete er sich auf den beschwerlichen Pfaden nach dem Orte zurück, wo auf gebahnter Strasse der Wagen des Domherrn stehngeblieben war. Er war verschwunden. Als er sein Ohr an den Boden legte, meinte er, in weiter