1838_Immermann_044_88.txt

beieinander?"

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"Es ist mit den Häusern, den Familien, den Freundschaften zu Ende, man sieht es klar."

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"Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden könnte! Dass eine weisse Haut, eine kleine Hand, eine Iris von der und der Farbe, ein seidnes Kleid und ein gesticktes Taschentuch einen vernünftigen Menschen aus der Fassung bringen! Und es ist keine Sinnlichkeit dabei; das ist das schlimmste."

Fünftes Kapitel

Der Arzt, welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flämmchens Verstecke machte, um sich über ihren Zustand aufzuklären, hatte es dem beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch nicht versagen können, sie wenigstens ihm zu zeigen. Vorher musste aber der launische Mann eine Verschreibung ausstellen, wodurch er sich anheischig machte, eine bedeutende Summe einzubüssen, wenn er das Mädchen zu sich nähme, und sie dann auf das Geratewohl wieder entliesse. Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern, denn er glaubte fest an die Beständigkeit seiner Entschlüsse, obgleich er, wie wir wissen, darin täglich wechselte.

Es war zu Ausgang Mais, und ein wunderschöner Mondabend. Der Arzt hatte vorgeschlagen, zu reiten, jedoch bei seinem Freunde kein Gehör gefunden, welcher die Gefahr der Erkältung vorschützte und anspannen liess. Jener wunderte sich, dass verschiedne Sachen, die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte, in den Wagen getragen wurden.

Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Hütte der Alten vordringen, und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehen. Der Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr, und machte sich dann mit dem arzt auf den Weg. Dieser erzählte seinem Begleiter, um ihn auf den Anblick, der seiner wartete, vorzubereiten, was er von der Alten gehört hatte. Das Mädchen war nach dem ersten Erstaunen über das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren Zustand verfallen. In der Einsamkeit zwischen Waldeichen, Klippen und Bachwellen machte sie gewissermassen zum ersten Male die Bekanntschaft der natur, und der Eindruck, den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist, der, wie der Arzt sich ausdruckte, eigentlich nur Phantasie war, hervorbrachte, war sehr stark. Sie ging, wie eine Träumende umher, führte gespräche mit den Bäumen und Steinen, und war dann oft wieder wie erstarrt. Gleichzeitig traten bei ihr gewisse körperliche Erscheinungen ein, die sie sehr angreifen mussten, denn sie begann an Konvulsionen zu leiden, welche die Alte besorgt machten, dass daraus eine Art von Veitstanz entstände. Letztre verschwieg indessen ihrem Beschützer alles dieses, weil sie befürchtete, er möchte ihr das Kind wegnehmen, zu welchem sie, nachdem sie ihm einmal tief in die Augen geschaut, eine unbezwingliche Neigung gefasst hatte. Sie behandelte ihren Pflegling mit Kräutern und Tränken, und hatte die Freude, ihn bald hergestellt zu sehen. Es entwickelte sich nun etwas an dem Mädchen, was niemand hatte vorausahnen können, nämlich eine Neigung, oderdenn dieses Wort sagt viel zuwenigeine unwiderstehliche notwendigkeit, zu tanzen.

Als das Mondlicht kam, ging Flämmchen eines Abends fort, und wurde von der Alten, die ihr nachgeschlichen war, auf einer Felsenplatte in den wundersamsten Bewegungen angetroffen. Diese wiederholten sich seitdem alle Abende, und nun, da das Mädchen wieder gesund ward, erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde. "Es ist", sagte er, "als habe ihr Organismus alle Schrecken abschütteln, und zugleich ein geheimes Gesetz der Schönheit, welches lange in dem armen verlassnen kind geschlummert, entfalten wollen."

Unter dieser Erzählung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei hervorspringenden Hügel getreten. Der Domherr, welcher immer einige Schritte vorausgehabt hatte, stand plötzlich still, und rief mit gedämpfter stimme: "Was ist das?"

Der Hügel verlief in ein glattes, grades, ziemlich geräumiges Felsenstück. Auf dieser natürlichen Bühne schritt Flämmchen umher, in den Vorbereitungen zu ihrem Tanze begriffen. Die Nacht war taghell, so dass man alles genau sehen konnte, die Entfernung so gering, dass kein laut verlorenging. Beide Männer drückten sich hinter einen Stamm; seitwärts zwischen den Kanten eines ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar, die, am Boden zusammengekauert, gleichfalls horchte und lauschte.

Einen Kranz auf dem haupt, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf liess sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, dass sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füsse und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. Der Sinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in grösserer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel liessen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mussten