Der Domherr liess den Rasen abstechen, Sand anfahren, Schranken und Tribünen aufrichten. Mit hülfe reichlicher Trinkgelder erhoben sich, zum Erstaunen schnell, zierliche gotische Gerüste, die auf leichten Pfeilern um den reinlichen Plan liefen. Im inneren des Schlosses beschäftigte er fünf fleissige Tapezierer, welche die Fahnen, Behänge, Festons und Pavillone so rasch lieferten, dass man berechnen konnte, mit allen Vorbereitungen wenigstens acht Tage vor dem Geburtsfeste des Herzogs, welches in die Mitte des Junius fiel, fertig zu werden.
Unter dem Hammern, klopfen und Nieten, wovon das Geräusch durch das ganze Schloss schallte, drangen eine Menge Hausierer und Juden ein, welche immer, wie durch Instinkt geleitet, merken, wo es etwas zu handeln geben möchte, Seiltänzer und Taschenspieler meldeten sich, um bei dem ritterlichen Spiele ihre Künste zu zeigen, ein zudringlicher Mensch, der eine kleine Menagerie umherführte, hatte nur mit Mühe abgewiesen werden können. Der Zulauf so vieler fremder Gesichter verursachte einige Hausdiebstähle, welche, obgleich sie unbedeutend waren, der Herzogin die trübsten Stunden machten.
Indessen wusste sie sich gegen den weiblichen Besuch, der ihr jetzt fast täglich aus der Nachbarschaft zuteil ward, auf das beste zusammenzunehmen. Diese Damen, welche entweder ihre eigne Sache, oder die ihrer Töchter führten, hätten gern erfahren, wer zur Königin der Minne und Schönheit bestimmt worden sei? und jede schöpfte aus den freundlichen Mienen und gefälligen Worten der liebenswürdigen Festgeberin beim Abschiede die schönsten Hoffnungen.
Während nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang, die teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies, warf die Herzogin immer ängstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder, mit welchen sie sehr haushälterisch umzugehn gewohnt war, und die unmöglich für diesen Aufwand zureichen konnten. Kaum bemerkte der Herzog, welcher sonst für alles jetzt taub und blind zu sein schien, an seiner Gemahlin eine Verlegenheit, als er, die Ursache ahnend, dem arzt eine bedeutende Summe einhändigen liess, mit der Weisung, dafür sorge zu tragen, dass sämtliche Rechnungen bis zur Hälfte gekürzt, seiner Gemahlin vorgelegt würden.
Der Domherr las in den Abendstunden, wann seine Geschäfte zu Ende waren, viel in Memoiren einer gewissen Gattung, von denen der Vater des Herzogs eine starke Sammlung in der Bibliotek hatte aufstellen lassen. Seine Vermutungen, welcher erlauchten Familie Sprössling ihm anvertraut werden solle, schweiften wild umher. Er suchte bei den Orléans, bei italienischen und russischen Geschlechtern. Endlich fand er es so reizend, ein Kind aus dem bekanntlich nie ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn, dass der Gedanke sich in ihm festsetzte, Flämmchen müsse daher rühren. Denn den Namen hatte ihm der Arzt vertraut, der sonst unerbittlich blieb, und erst nach dem Turnier ihn zu dem Mädchen führen wollte.
Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder, von denen wir einige hier mitteilen.
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"Was ist ein Menschenleben? Ein Nichts. Jedes Ereignis, welches in der geschichte Front macht, fährt gleichgültig über deren tausend hin, die alle in unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen müssen, als das einzelne, womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens ängstlich zu schaffen machen. Unter allen Wahrheiten ist die wahrste, dass kein Mensch unentbehrlich ist. Der Arzt stellt sich an, als sei er vom Gegenteil überzeugt."
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"Man wird es müde, Blut und Fleisch, Nerven und Eingeweide zu untersuchen. Was wir von diesen Dingen wissen können, wissen wir so ziemlich, und ich für meine person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht, zu dem aufgeschichteten Haufen der Tatsächelchen noch das und jenes Sandkörnchen zu fügen. Die einzige interessante Substanz bleibt für mich noch die menschliche Seele."
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"Da gälte es nun, Experimente anzustellen, zu analysieren, zu verbinden. Wie man Blut und andre Flüssigkeiten des Körpers auf den geeigneten Mitteln prüft, so müsste man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen, um zu sehen, in welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen, was an ihnen wandelbar und was dagegen unbezwinglich erscheint. Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der Agenzien und Reagenzien, welche in dieser Sphäre allein wirksam sein möchten. Allein, wie uns niemand darüber Vorwürfe macht, wenn wir, um zu einem wichtigen wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen, den Schmerz der Tiere nicht achten, so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare, mit denen man allenfalls sich erlauben dürfte, Versuche zu machen."
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"Und dann habe ich bei den Dingen, die mir jetzt durch den Kopf gehen, doch immer eine gute Absicht: Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der natur zurückzuführen. Wer kann mich also tadeln?"
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"Was ich von dem Mädchen höre, lege ich mir als Arzt leicht aus. Dennoch bleibt darin etwas Mystisches. Tanz? Wer hat seine Bedeutung schon ergründet? Religiöse Tänze. Tanz der Schamanen."
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"Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe, wenn ich den Lärmen um nichts hier im schloss höre, wenn ich daran denke, wie der Herzog, ohne Kinder, spart, um nur das Fideikommiss zu vergrössern, welches einmal Gott weiss wem? zustatten kommt, wenn ich den Krämer von der einen und den pfaffen von der andern Seite lauern sehe, so ist es mir, als müsse über kurz oder lang etwas Fremdes, Unerwartetes hereinbrechen, wovon jetzt keiner einen Begriff hat."
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"Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hält uns noch