So entstand denn in ihm ein wahres Chaos von unzusammenhangenden Meinungen, und einander aufhebenden Maximen. Ein Spötter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt. Dagegen galt er wieder bei vielen andern für einen reichen Geist, ja für ein Genie.
Am übelsten stand es mit seinem Verhältnisse zu den übersinnlichen Dingen. Der Katolizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lästigste Formenwesen geworden; die dumpfen Choräle, welche er späterhin als Pfründner in seinem holzgeschnitzten stuhl täglich geduldig mitsingen musste, dienten auch nicht dazu, die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern. Er hatte sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt, und eine Zeitlang mit grosser Dreistigkeit die Sätze versponnen, welche in dieser Schule zu gewinnen sind.
Als er aber über das vierzigste Jahr hinaus war, und, er wusste selbst nicht wie? immerfort auf den Gedanken kam, dass er nicht mehr so lange leben werde, als er gelebt habe, ergriff ihn eine grosse Unruhe, die bald zur ausschweifendsten Todesfurcht wurde. Dass damit eine ängstliche sorge für seine Gesundheit sich verband, ist natürlich, allein was half diese? Endlich müssen wir ja doch sterben. Er fasste daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele, welches er aber nur physikalisch oder magisch sich anzueignen wusste. Er las Swedenborg, Paracelsus, vertiefte sich in kabbalistische Phantasien, und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern. Nach der nächsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst; vielmehr äusserte er einst mit grosser Naivetät gegen einen vertrauten Bekannten, dass ihm an dem Dasein Gottes im grund wenig liege, wenn er nur das ewige Leben bekomme.
Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhasst geblieben. Als daher der bekehrte Priester, dessen wir uns erinnern, ihm bei seinem Eintreffen im schloss nahen wollte, weil er an dem gast so etwas Schadhaftes witterte, wies ihn dieser mit entschiedner Geringschätzung zurück. Dagegen wandte er sich lebhaft dem arzt zu, den der Fremde belustigte. Jener nahm ein geheimnisvolles Wesen gegen den Domherrn an, und hatte sich bald in eine solche achtung bei ihm gesetzt, dass selbst die tollen Scherze, zu welchen ihn der Anblick des närrischen Mannes bisweilen hinriss, von diesem für verhüllte hierophantische Weisheit erachtet wurden. Sein ganzer gegenwärtiger Zustand war eine Kette von Zerstreuungen. Die Umwälzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten entbunden, ohne ihm die Präbende zu nehmen. Eine Erbschaft war ihm zugefallen, so dass er für reich gelten konnte. In der Nähe der grossen Stadt hatte er sich das Landhaus erbaut, von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin erzählte.
An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über seine Gesundheitsumstände zu trösten, liess jedoch ein entscheidendes Wort über die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen, wobei er ihn bedenklich ansah. Dieser blick konnte den andern wenig vergnügen, und seine Stimmung wurde nicht gebessert, als der Arzt ein treffendes Bild der Auflösung entwarf, worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten, so dass man froh sein musste, wenn dieses widerliche Gären endlich in lauter grauem Staube sich beruhigte.
Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte: "Possen! Wer an Fortdauer glaubt, lässt sich durch dergleichen nicht schrecken."
Der Arzt versetzte hierauf, dass der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten, wovon nur das eine den Vorzug habe, dass man wisse, wo es liege, während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse. Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen, und sich entfernen, womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war. Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhüllter Ängstlichkeit zurück, und rief: "Ihr seid Materialist, Doktor, ich weiss das, aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen, dass seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts. Sprecht Eure Zweifel nur aus; es ist mir nichts unerträglicher, als dieses Halten hinter dem Berge."
"Man hat", sagte der Arzt, "auch lange von den vier Elementen gesprochen, und nun wissen wir denn doch, dass diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn, welche erst zusammengefügt das bilden, was wir Erde, wasser, Luft und Feuer nennen. Und wer weiss, wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen, scheint mir leicht. Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden. Dabei wurde nur vergessen, dass derselbe Mensch unter verschiednen Umständen oft als ein ganz andrer erscheint, dass Grundsätze, Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen, und dass daher in dem Dinge, welchem wir so gern eine vornehme Selbständigkeit beilegen möchten, manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen wirksam sind, die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und nachgewiesen hat."
"Also sollte sich die Seele bei dem tod gewissermassen in Verstand, Vernunft und Urteilskraft zerlegen?" fragte der Domherr, froh, seinen Gegner zum Absurden geführt zu haben.
Der Arzt versetzte: "Wie die Auflösung des Seelischen vonstatten gehe, weiss ich nicht, ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun. Sind Sie derselbe noch, der Sie als Kind und Jüngling waren? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem geist? Wechselten nicht Liebe und Neigung in Ihnen? Wollen Sie noch, was Sie wollten? Können Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen