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, und in der Eile einige halbversäumte Patienten besucht. Die Beratungen, zu denen er notgedrungen sich hergeben musste, die Verrichtungen, welche ihm für das fest aufgetragen wurden, raubten, ihm zu seinem Verdrusse Zeit, ein Gut, mit welchem er sehr haushälterisch umging. Vor allem aber hatten die Worte, zu denen er durch sein Alleinsein mit der Herzogin hingerissen worden war, ihn in die übelste Stimmung versetzt. Er gefiel sich nur in der verschlossnen Kälte, welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet hatte, und war ausser Fassung, wenn er befürchten musste, das Gefühl, welches ihm als Menschen denn doch auch geblieben war, aus seinem Versteck entlassen zu haben. In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune, willkürlicher Behandlung anderer aufgelegt.

Er nahm nach vollbrachtem Geschäfte ein Buch zur Hand, aber das Lesen wollte nicht gelingen. Er ging durch den Park, und hatte schon vor, da niemand sich zeigte, an dem er den Zorn auslassen konnte, Wilhelmi in seinem Exile zu besuchen, als die Alte, zu welcher er Flämmchen gebracht, ihm in den Weg trat. Sie verbeugte sich, kreuzte die arme über der Brust, und streckte schweigend die flache Hand aus.

Der Arzt verstand diese Gebärde, reichte ihr Geld, und sagte: "Ich meinte, Ihr hättet länger mit dem auskommen müssen, was ich Euch neulich gegeben hatte."

"Es wäre auch geschehen, wenn das Flämmchen nicht so viele Schuhe durchtanzte", versetzte die Alte.

"Wie soll ich das verstehn?" fragte der Arzt.

"Es lässt sich nicht erzählen, man muss es sehen", antwortete die Alte. "Wir haben Mondlicht, da treibt sie es."

Er fragte sie, wie sie sich vertrügen. Die Alte erwiderte: "Sehr gut. Es wäre mein Tod, wenn das Kind wieder von mir genommen würde. Sie legt mir die Kräuter aus, das fehlte mir noch, nun bin ich ganz zufrieden."

Er tat noch allerhand Kreuz- und Querfragen, und brachte dadurch heraus, dass Flämmchen, nachdem sie zu der Alten gekommen, in einen Zustand von Exaltation verfallen war, welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren sollte. Was er hierüber erfuhr, dünkte ihn merkwürdig, und er versprach der Alten einen baldigen Besuch.

Kaum hatte sie ihn verlassen, als der Domherr reisefertig zu ihm trat. "Wo stecken Sie, Doktor? Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen", rief er, und umarmte lebhaft den Arzt.

"Warum eilen Sie so, fortzukommen?" fragte dieser. "Sie könnten unsrer Herzogin manche Verlegenheit abnehmen, wenn Sie blieben. Ich habe den Auftrag, Sie dringend darum zu bitten."

"Es ist mir wahrhaftig nicht möglich", versetzte der andre. "Ihr Kinder wisst nicht, was für Geschäfte auf mir lasten."

"O ja, Kanarienvögel zu füttern, Kupferstiche durcheinander zu werfen, Hunde abzurichten, und dergleichen wichtige Dinge mehr."

Auf der Landstrasse, welche am Park vorbeiführte, kam in dem Augenblicke der Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch. Sie sangen, sassen ziemlich unordentlich zu Pferde; einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme auf dem haupt behalten.

"Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben", sagte der Arzt. "Es wäre Ihre Pflicht, was Sie uns einbrockten, auch mit uns zu verzehren. Indessen reisen Sie nur, wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkühle holen wollen."

Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung. Der Arzt erzählte ihm hierauf eine geschichte von den jetzt herrschenden bösartigen Wechselfiebern, welche so allgemein vorkämen, dass man sie fast eine Epidemie nennen könne, und welche durch die kleinste Erkältung herbeigeführt würden. Der Domherr ersuchte den Arzt ängstlich, ihm nach dem Pulse zu fühlen, welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand. Hierauf liess der Domherr eiligst abspannen, begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den Arzt, der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte.

Dieser verfehlte nicht, sich einzustellen, weil er einen absonderlichen Plan mit ihm durchsetzen wollte. Das Gespräch, welches er auf geschickte Weise einzuleiten wusste, und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte, führte zu dem allerwunderlichsten Ergebnisse. Um letzteres wahrscheinlich zu machen, müssen wir einiges über die Persönlichkeit des fremden Gastes beibringen.

Drittes Kapitel

Der Domherr, aus alter Familie als jüngerer Sohn entsprossen, war frühzeitig in eine einträgliche Pfründe eingekauft worden, und, durch verschiedne unerwartete Todesfälle begünstigt, zur Hebung gediehn, sobald er nur das kanonische Alter erreicht hatte. Ohne Beschäftigung, ja selbst ohne die sorge für die Erhaltung eines Vermögens, genoss er reichlicher Einkünfte, welche ihm keine anderen Pflichten auferlegten, als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten, und die kirchlichen Stunden innezuhalten, welche in diesem Stifte, ohne bedeutenden Verlust an Gelde, nicht durch Vikarien abgestattet werden durften.

Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn, die Langeweile eines solchen Zustandes dadurch zu versüssen, dass er das Verschiedenartigste nacheinander las und vornahm. Da er indessen zu wenig Ruhe besass, und ein äussrer Zwang, welcher vielleicht allein imstande ist, lockeren Naturen Halt zu geben, hier mangelte, so berührte er von allem nur die Oberfläche, erwarb zwar durch leichte Fassungsgabe und gutes Gedächtnis mannigfaltige Kenntnisse, denen es aber an einer Wurzel in der Seele völlig gebrach.