1838_Immermann_044_82.txt

vorkommenden Dingen, wobei die Darlegung eines vollständigen Stammbaums notwendig ist, dass sie endlich, wiewohl ungern, seiner eigensinnigen Gewissenhaftigkeit nachgab. natürlich erhob sich unter den Ausgeschlossnen grosser Verdruss. Einer derselben schlug vor, unter sich ein zweites Turnier zu geben, welches noch mehr Geld kosten müsse, als das herzogliche; welcher Gedanke indessen, obgleich er ein echt deutscher war, von den übrigen als lächerlich verworfen ward. Man fuhr jedoch fort, untereinander zu munkeln, und schon wollte verlauten, dass von dort etwas zu Spott und Schimpf ausgehn. werde.

Die Herzogin hatte dem Domherrn die Funktion des Waffenkönigs zugedacht, welcher bekanntlich in den alten zeiten der Zeremonienmeister solcher Festlichkeiten war, von dessen Geschick und Einsicht das Gelingen derselben wesentlich abhing. Wie erschrak sie, als der charakterlose Mann, nachdem er den Aufruhr in Schloss, Stadt und Landschaft angestiftet, erklärte, er müsse sich nun empfehlen. Sie hatte niemand, der seine Stelle vertreten konnte. Der Arzt war schon vermöge seiner Geschäfte dazu unfähig, mit Wilhelmi hatte ein unangenehmer Vorfall stattgefunden. Sie war wirklich in grosser Verlegenheit; zumal da die Anstalten in der Wirklichkeit sich anders verhalten wollten, als auf dem Papiere.

Man hatte den jungen Edelleuten, welche nicht selbst für altertümliche Waffen und Rüstungen zu sorgen gewusst, den Vorrat des Schlosses angeboten. Die meisten machten hievon Gebrauch und so war denn eine beträchtliche Reiterschar eingetroffen, um nach Statur und Leibesumfang das Passende auszuwählen und anzuprobieren.

Zweites Kapitel

Im Ahnensaale, den Bildnisse, Schenktische und Hirschgeweihe herkömmlich schmückten, warteten gegen zwanzig junge Edelleute, sehr vergnügt über den bevorstehenden herrlichen Zeitvertreib. "Gott strafe mich!" rief einer, "es war ein vernünftiger Gedanke, auf so etwas zu verfallen. Man hat gar nichts mehr voraus, aber das können sie uns nicht nachmachen."

Nachdem die eintretende Herzogin mit grossem Geräusch verehrt worden war, und jeder seine Empfehlungen von Müttern und Schwestern ausgerichtet hatte, warf man sich jubelnd über die herbeigebrachten Waffen her. Die Bedienten hatten eine ungeheure Last Eisenwerk im saal umher aufgeschichtet, unter dem nun jeder nach dem, was ihm gemäss sei, spürte. Man setzte Helme auf, legte Schienen an, suchte mit den Harnischen fertig zu werden. Die Bedienten halfen, so gut sie konnten, da aber die Ungeduld zu gross, oder das Geräte zu alt war, so riss vieles und zerbrach mehreres. Ja einige der schönsten Rüstungen, die gleich den Leichen in manchen Gewölben nur noch zum Scheine zusammenhielten, fielen gänzlich auseinander, bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und verstimmt den Saal verliess.

etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfältigen Versuchen mit der Wehrhaftmachung zustande, freilich nicht ohne dieses und jenes Missverständnis. Denn so behauptete einer hartnäckig, die Beinschienen, welche bekanntlich zum Schutze des vordern Teils der Schenkel dienten, gehörten an die entgegengesetzte Stelle, um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu verhüten, liess sich auch von seinem Irrtume nicht überführen, sondern die Schienen verkehrterweise anschnallen; worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze in einen Stuhl drückte und fragte: ob er denn nun so sitzen könne? was er freilich leugnen musste.

Die Fertiggewordnen schwankten, von der ungewohnten Wucht bedrückt, vor die grossen Wandspiegel, und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelächter aus. Und wirklich waren diese wankenden düstern, verrosteten Gestalten eher scheusslich als lieblich anzusehn.

Der Arzt, welcher zurückgeblieben war, um den Wirt zu machen, lud die Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfrühstück ein. Man war so vergnügt über die Maskerade, man fühlte sich so gross in dieser Hülle der Altväter, dass die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten. Die speisen waren vortrefflich, die Esslust der jungen Leute war es nicht minder. Man schmauste tapfer und zechte weidlich dazu. Die Hitze, welche unter den Rüstungen sich entwickelte, trug dazu bei, dass der Wein noch eher, als sonst wohl geschehen wäre, den Trinkenden zu kopf stieg; bald entstand ein Gespräch, in dem keiner mehr sein eigenes Wort vernahm. Die Bedienten, welche nicht frische Flaschen genug herbeischaffen konnten, schüttelten, an das gemessne Wesen der herrschaft gewöhnt, über diesen erstaunlichen Lärmen die Köpfe, der alte Erich murrte ganz laut, und belferte seine biblischen Sprüche daher. Zufälligerweise hatte sich eine Musikbande im hof des Schlosses eingeschlichen, welche, angelockt von dem Geräusch, durch Gänge und Vorsäle drang, und von niemand bemerkt, mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat. Sogleich verlangten die Trunknen etwas Lustiges aufgespielt, worauf die Musikanten, welche nichts Besseres hatten, die Marseillaise zum besten gaben. Niemand fand an dieser Wahl Anstoss, denn es war eine völlige Vergessenheit der zeiten eingetreten; die ganze gerüstete Schar hüpfte, walzte, oder marschierte nach diesen neusten aufrührerischen Tönen munter im saal umher, dass die Fenster erklirrten.

Der Herzog, welcher von einem Ritte über Land heimkam, hielt im hof still und fragte jemand, der ihm begegnete, mit strengem Tone nach der Ursache des Lärmens. Der Mensch glaubte, nichts verraten zu dürfen, und zuckte die Achseln, indem er nur einen blick nach den Fenstern der Herzogin warf. Der Herzog besann sich und sagte: "Das ist ja aber, als ob Hasper a Spada, Brömser von Rüdesheim und Bomsen vereint dem grab entstiegen wären. Ich merke, das deutsche Rittertum ist von starkem Getöse nicht zu trennen."

Der Arzt hatte sich, sobald er gekonnt, von der lauten Gesellschaft getrennt