jetzt gelten lassen, obgleich wir uns wenig aus ihm machen", erwiderte die Herzogin.
"Es ist sonderbar, wie die natur sich durch Kontraste im Gleichgewicht zu halten pflegt", fuhr der Arzt fort. "Er, der an nichts, und an dem nichts haftet, der demzufolge kein Bedenken trägt, für die unnützesten Dinge Geld auszugeben, hat gleichwohl eine fast kindische Scheu, Bares, wäre es noch so wenig, geradezu einzubüssen. Diese Abneigung geht so weit, dass er sich selbst nicht überwinden kann, einem Armen Almosen zu reichen, und sich lieber von beharrlichen Bettlern mit Sachen, die er eben bei sich trägt, loskauft. Es scheint, dass, wo Grundsätze und Vernunft versagt sind, gewisse starre Launen ihre Stelle in dem des Halts so bedürftigen Menschen vertreten sollen. Hierauf gründe ich auch einen Plan, den ich mit ihm vorhabe; denn da ich, wie Sie wissen, gern etwas in die Psychologie oder in das Moralische pfusche, so habe ich mir vorgenommen, ihn womöglich zurechtzubringen."
Die Herzogin hatte sich schon mehrmals nach den Bedienten umgesehn, welche nach der Rüstkammer beordert worden waren. Endlich erschienen sie unter Anführung des alten Erich, der ihr Ausbleiben damit entschuldigte, dass die Herrn aus der Nachbarschaft bereits angekommen und nach dem Ahnensaale zu führen gewesen seien. Dies war der Herzogin unangenehm, da sie vor dem Eintreffen der Ritter alle Armaturen dort ordentlich hätte aufhängen lassen wollen. Nun beluden sich die Bedienten hastig mit dem Eisen, wobei nicht gar zu vorsichtig verfahren wurde, und manches morsche Niet auswich. Auch der Arzt nahm einen Panzer, und so schwankte der Zug, unter der Last des Mittelalters keuchend, nach dem Ahnensaale.
Wir lassen sie hin- und widergehen, und erzählen unterdessen die Veranlassung dieser Dinge. Es ist nämlich zu sagen, dass kurz nach der Abreise Hermanns bei gelegenheit einer wirtschaftlichen Einrichtung, die der Herzog ausführen wollte, die Rüstkammer eröffnet ward. Seit seiner Kindheit hatte er sie nicht betreten; nur im allgemeinen wusste er von dem Dasein einer Waffensammlung. Wie freudig erstaunte er, als der vergessne Raum sich auftat, alle Wände und Gestelle sich mit Schildern, Speeren, Brust- und Beinharnischen bedeckt zeigten! In der Tat war hier weit mehr vorhanden, als man hätte ahnen können. Der Herzog nahm sich gleich vor, bessre Ordnung zu stiften, vor allen Dingen einen Katalog anfertigen zu lassen; seine Gemahlin aber entwarf in der Stille einen andern Plan. Er hatte sein Vergnügen über diese Denkmale kräftigerer zeiten so lebhaft ausgesprochen, so wiederholentlich geäussert; wie weit die freudigen Kampfspiele jener Tage über allen jetzigen gesellschaftlichen Vergnügungen ständen, dass sie wünschte, ihrem Gemahle zu seinem Geburtstage, welcher herannahte, einen solchen Genuss verschaffen zu können. Die Lektüre in Walter Scott gab ihr das Muster; eine Nachahmung des Turniers von Ashby de la Zouche, welches der schottische Barde so beredt geschildert hat, schien nicht unmöglich zu sein. Indessen wäre es wohl bei dem Gedanken geblieben, wenn nicht der Zufall um diese Zeit jenen alten Bekannten des Hauses, den Domherrn, auf das Schloss geführt hätte.
Kaum hörte er von dem Vorhaben, als er sich niedersetzte, und aus dem Stegreife ein Programm verfasste, worin alle Momente des Ritterspiels entalten waren. Randzeichnungen waren an schicklichen Orten hinzugefügt, altertümliche Spruchreime, für den Mund der Herolde bestimmt, leiteten das fest ein und fort. Als die Herzogin alles so zierlich auf dem Papiere stehen sah, schwand jeder Zweifel über die Schwierigkeit der Ausführung. Der Domherr erhielt die Erlaubnis, alle ebenbürtige junge Edle, alle stiftsfähige fräulein der Umgegend in ihrem Namen einzuladen, von welcher er den raschesten und ausgedehntesten Gebrauch machte.
Nun entstand auf sämtlichen Landgütern und Rittersitzen, mehrere Meilen weit in die Runde, die lebhafteste Bewegung. Pferde wurden probiert. Fechtübungen angestellt, man versuchte, ob die vorläufig mit einem Brette geschützte Brust den Stoss der Lanzen, welche durch Stangen dargestellt wurden, aushielt. Man stöberte jeden Winkel nach irgendetwas Obsoletem durch; Fahnen wurden gestickt, Wappenschilder gemalt. Noch geschäftiger als die Männer waren die Damen. Es war angeordnet worden, dass niemand anders, als im Kostüm erscheinen solle. Manches frische Gesicht, manche schlanke Gestalt freute sich auf den Spitzenkragen, auf das Kleid mit langem Schosse, auf die pauschigen Ärmel. Zofen und Nähterinnen hatten alle hände voll zu tun, um all den Sammet, die Seide, die goldnen und silbernen Borten, die Federn, das Schmelzwerk zu bewältigen. Im stillen teilten die Hübschen, eine jede sich selbst, die Rolle der Königin der Minne und Schönheit zu, deren Ernennung nicht ausbleiben durfte, wenn das fest seinen Charakter behalten sollte; was die Hässlichen betrifft, so beschlossen diese, die Wahl, wenn selbige auf sie fallen würde, bescheiden abzulehnen.
Während so in den Wohnungen derer, welche sich vollständiger Ahnen rühmen durften, nur Erwartung, Hoffnung und Freude herrschte, war bei einigen andern Gutsbesitzern bedeutend angestossen worden. Auch in diesen Gegenden hatte es im Strudel der zeiten nicht fehlen können, dass ein teil der Bodenfläche auf Neugeadelte oder bürgerlich Verbliebne überging. Mehrere davon waren sogar, wenn man den Herzog ausnimmt, die vermögendsten Eigentümer des ganzen Bezirks. Die Herzogin hatte nach mildem verständigem Frauensinne ein Auge zudrücken und auch diese zu ihrem Feste entbieten wollen, allein der Domherr erklärte mit grossem Ernste, das gehe durchaus nicht an. Er erzählte ihr so viel von der Wappenprüfung und andern bei einem Turniere