feiner Rock zur höchsten Lebenserscheinung wurde. Endlich überwand sich der Meister, zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem leib ab, die Schere arbeitete, die Nadel flog, und bald war ein Frack fertig, wenn nicht von elegantem, doch von wohlgemeintem Schnitte. Hermann freute sich der Metamorphose, die so leicht vonstatten gegangen war. Schwieriger konnte es mit der Bezahlung werden, denn er hatte unterwegs für eine Kopfbedeckung seine Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben. "Was sollen mir die Vorderblätter?" sagte er. "Meister, die wären so etwas für Euch, wollt Ihr sie an Zahlungs Statt annehmen?" – Der Meister war schon daran gewöhnt, von seinen Kunden in Naturalien, als Butter, Käse, Eiern u. dgl. bezahlt zu werden. Die Vorderblätter galten ihm weit mehr, als er fordern durfte, schon sah er sich im geist mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet; er schlug freudig ein.
Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte: er sei recht geschickt gewesen. In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen, möchte nicht jedem gelingen.
Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn. Triumphierend rief er: "O, ich habe auch nicht immer geflickt! Ich bin überhaupt nur durch Unglück hieher unter das dumme katolische Pack geraten." Dann sich scheu umwendend, als fürchte er das Verhängnis einer grossen Mitteilung, setzte er geheimnisvoll hinzu: "Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht! Der Herr Pastor an meinem früheren Orte wollte sich verheiraten; wie solche Herrn sind, sie haben kein Vertrauen zu unsereinem, er bestellte sich den Bräutigamsrock bei dem Modeschneider in der grossen Stadt, den sie den Kleidermacher nennen. Mein Herr Kleidermacher liess aber meinen Herrn Pastor sitzen. Der wollte zur Braut abreisen, kein Rock war da. Ich hörte von der Not und lief zu ihm. 'Er wird es nicht können', sagte er. 'Vertrauen Sie Gott', sagte ich. Ich ging nach der Stadt, kaufte Tuch, freilich nicht so fein, als das Ihrige, schneiderte Tag und Nacht, und siehe da! der Rock wurde fertig, und der Herr Pastor sind darin getraut worden, und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt, und tragen ihn noch zur Stunde, und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider!"
Seine Augen glühten, er hatte sich auf die Fussspitzen gestellt, und drei Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknöpfte Wams geschoben. So stand er, und der siegreiche Feldherr, der gegen Abend die Meldung von der letzten eroberten Schanze empfängt, kann nicht stolzer aussehn.
Sechstes Kapitel
Das Gespräch an der Tafel drehte sich um sittlich-antropologische fragen.
"Wie kommt es nur", sagte die Herzogin beim Dessert, "dass wir gleichgültiger gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind? Wenn man durch seinen Stand gezwungen ist, viele Menschen zu sehen, so muss man auch mitunter Leute empfangen, deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen. Ich kann nun wohl sagen, dass mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt; unbefangen sehe ich sie kommen und gehen. Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung, wenn in meinem Kreise ein Verstoss gegen die Lebensart vorfällt."
"Das rührt daher, weil wir alle, auch die Besten unter uns, nie den Hang vollkommen ablegen, uns nach aussen zu vergeuden, statt dass wir streben sollten, nur nach innen wahrhaft zu leben", erwiderte der Kammerrat Wilhelmi.
"Ich denke", entgegnete die Herzogin, "man lebt in jedem Augenblicke zugleich nach innen und nach aussen. übrigens bitte ich Sie, mich nicht einer schlaffen Moral anzuklagen. Alles, was ich sagte, bezieht sich nur auf die gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte, und wenn jene zweideutigen Figuren mich irgendwo im Heiligtume meiner Verhältnisse berühren, so machen sie mir auch Kummer genug."
"Darin liegt die Antwort auf deine Frage", versetzte ihr Gemahl. "Das Leben besteht, wo es nicht Geschäft ist, meistenteils aus Repräsentation. Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge, wohl aber Roheit, Ungeschick. Was gehen uns also jene an, da wir niemandes Richter sind?"
Hier nahm Hermann das Wort, und sprach: "Vielleicht fordert keine Zeit mehr zur Beobachtung äusserer Sitte auf, als die unsrige. Alle Gegensätze sind blossgelegt, wo irgend Menschen zusammenkommen, bringen sie die widersprechendsten Gefühle und Überzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge mit. Politik, Religion, das Ästetische, ja selbst, was im Privatleben erlaubt sei? alles ward zum gegenstand des Zwiespalts. Wie kann man sich aber mit Behagen nebeneinander sehen, wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden, wenn nicht die strengste Regel der Konvenienz, welche jedem Kunstwerke notwendig ist, waltet? Und die gute Gesellschaft ist doch, wie man mit Recht gesagt hat, eine Art von Kunstwerk, oder sollte wenigstens eins sein."
"Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten", sagte der Herzog. "Ich lade auch nie zwei zu gleicher Zeit ein. Denn ich bin dann nicht sicher, dass die Herrn über einen alten römischen König, oder eine Sprache, von der man nur vermutet, dass sie einmal gesprochen sein soll, einander Beleidigungen sagen."
"Auch die Hypochondristen sind böse Gäste!" rief Hermann.
Die Herzogin warf lächelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi, der die ganze Tafel über