in einem Laute der Pein Luft. Die Erinnrung bleibt dem Menschen; mein Gedächtnis sagte mir, dass ich nicht aus der Erde gewachsen sei, sondern von Wesen meinesgleichen abstamme, diese Vorstellungen lenkten meine Schritte der Heimat zu. Aber als ich die Wirklichkeit vor mir sah, erkannte ich, dass ich nur noch, sozusagen, in der Teorie Sohn, Bruder, Liebhaber sei. In meines Vaters Haus gehe ich nimmer. In Neapel, Piemont, am Ägäischen Meere gibt es, wie ich höre, tapfre Arbeit, dort will ich mir Brot suchen, gleichviel auf welcher Seite. Und so sei denn diese Neige dem Greuel der Verwüstung als Libation dargebracht; ein würdiges Opfer für eine solche Gotteit, die einzige, welche ich anerkenne."
Er stand auf, schnellte den Rest des Weins aus seinem Glase auf die Erde, und warf das Glas zum Fenster hinaus. Hermann trennte sich ohne Abschied von dem verwilderten Menschen, hinter dessen wüsten Worten er dennoch etwas Besseres wahrzunehmen glaubte. Seine Meinung, dass wir uns immer nur innerhalb der uns gezognen Kreise, im Guten, wie im Bösen bewegen, und dass alles, was darüber hinauszugehn scheint, eben nur Schein ist, stand zu fest. Nach dieser Meinung wollte er verfahren.
Er tastete sich durch Gebüsche auf engen Wegen in die Stadt zurück, worin eben der Wächter Eins abrief. Das Haus seiner Gastfreunde war verschlossen, und schon meinte er die Nacht auf dem Steinpflaster zubringen zu müssen, als er sich des niedrigen Mäuerchens an den Scheunen erinnerte, über welches die Söhne des Edukationsrats so behend entsprungen waren. Überzeugt, dass ihm nicht missglücken werde, was den Knaben gelungen war, suchte er, durch ein Nebengässchen schreitend, den freien Platz auf, von dem das Mäuerchen den Raum zwischen jenen Wirtschaftsgebäuden abschied. Er sah ein Licht im hof, erklimmte die Mauer, und war froh, noch jemand wach zu finden, der ihm das Haus öffnen könne.
Das Licht brannte in Corneliens nach hinten hinaus zu ebner Erde belegnen Stübchen. Er blickte hinein, und sah sie mit gerungnen Händen weinend umhergehn. Sie setzte sich zuweilen, und stützte ihr Haupt schmerzlich auf, doch schien es sie nicht an einem Orte zu leiden, immer erhob sie sich wieder und begann von neuem ihre unruhvolle Wanderung. Hermann pochte ans Fenster und rief leise ihren Namen. Sie erschrak, fragte ängstlich: "Wer ist da?" und schauderte wie entsetzt zusammen, da er etwas lauter Antwort gab. Vergebens rief er ihr zu, sich doch zu besinnen, er sei es ja, aus Zufall so verspätet, sie möge ihm öffnen. Sie stand bleich, zitternd da, und er musste jeden Augenblick besorgen, dass sie umsinken werde. Was sollte er tun? die Tür nach dem hof war verriegelt, er drückte am Fenster, nur angelehnt, gab es nach, leicht schwang er sich in das Zimmer. Er hatte eben noch Zeit, Cornelien aufzufangen, die ohnmächtig in seine arme sank.
Er war in der grössten Verlegenheit und sorge. Er hielt den lieblichen jungfräulichen Körper umfasst. Die Mittel waren ihm nicht unbekannt, welche in solchen Fällen die stockende natur wieder in Bewegung bringen helfen, aber er trug eine innige Scheu, ihren Leib durch blick oder Hand zu entweihn. Er begnügte sich, ihre Schläfen mit kaltem wasser zu netzen, es gelang ihm, sie damit in das Bewusstsein zurückzubringen. Sie schlug die verweinten Augen auf, errötete, da sie in die seinigen sah, entwand sich ihm, und setzte sich erschöpft zu Füssen ihres Betts nieder.
Unter dem Vorwande, dass er sie in diesem Zustande unmöglich verlassen könne, blieb er noch eine Zeitlang bei ihr, obgleich sie ihn, sobald sie wieder zur Besinnung gekommen war, dringend gebeten hatte, zu gehen. Er war mit sich uneins, ob er nach der Ursache ihrer Betrübnis fragen solle, unterdrückte endlich seinen Wunsch, und schied von ihr in sonderbarer Bewegung.
Den Rest der Nacht verbrachte er schreibend. Es schien ihm unpassend zu sein, den Familienszenen, welche bevorstanden, als Dritter beizuwohnen, sein Geschäft war vollbracht, wenn er den Eltern den verlornen Sohn angezeigt hatte. In diesem Sinne setzte er einen Brief an den Rektor auf, worin er ihm sagte, was wir bereits wissen. Während des Schreibens verschwanden einige Bedenklichkeiten, die er anfangs gehegt hatte, gänzlich. Mit Entzücken malte er sich die Freude der Eltern, die Umwandlung des Sohnes aus, wenn die rauhe Rinde von dessen Herzen schmelzen werde.
In der Frühe bestellte er Postpferde, und hiess vor dem Tore den Wagen seiner warten. Bei dem Frühstück, welches er gemeinschaftlich mit der Familie einnahm, erkundigte man sich nach seinem nächtlichen Abenteuer. Er gab eine ins allgemeine ausweichende Antwort. Der Rektor sagte zu ihm: "Da Sie durch H. kommen, so tun Sie mir doch den Gefallen, zum Justizrate zu gehen, und ihn zu bitten, dass er einen andern Termin zur Ableistung des Eides wegen meines Sohns ansetze; ich habe am Donnerstage dringende Abhaltung."
Hermann stand auf, und nahm Abschied von seinen Wirten. Die Knaben, welche ihn liebgewonnen hatten, hingen sich an ihn, herzten und küssten ihn. "Der Mensch denkt, Gott lenkt", sagte er feierlich. "Wie?" fragte der Rektor erstaunt. "Oben auf meinem Zimmer liegt ein Schreiben an Sie", erwiderte Hermann. "Wichtige Eröffnungen sind darin