. Mit einer tartarischen Horde, welcher er Dienste leisten konnte, drang er bis an die Grenzen Europas. In Kasan fand er einen alten, durch Liebesgeschick auf dem fremden Boden zurückgehaltnen Kriegsgefährten, der ihn mit Geld, Wäsche und Pass ausstattete.
Der Hirte vergass bei dieser Erzählung beinahe Essen und Trinken, starrte den Fremden mit offnem mund an und schlug die harten hände vor Verwundrung einmal über das andre zusammen. Hermann hatte eigentlich einen Widerwillen gegen solche grelle Geschichten, in welchen das Menschliche kaum noch wahrzunehmen ist. Er hörte nur zu, um den Fremden im Fluss zu erhalten, schenkte ihm fleissig ein, und dachte darüber nach, wie er jenen mit seiner Familie wieder vereinigen solle. Denn dazu glaubte er vom Schicksal offenbar berufen zu sein.
Eilftes Kapitel
Als daher der verschollne Sohn auserzählt hatte, der Wein getrunken und Mitternacht herangekommen war, fragte er, um einzulenken: "Warum haben Sie Ihren Eltern nicht früher Nachricht von sich gegeben?"
"Ich schrieb ihnen aus Polen; der Brief muss nicht angekommen sein", versetzte der Fremde mit einer wilden Gleichgültigkeit. "Stossen Sie mit mir in diesem Reste an! Es lebe der Krieg, es lebe das Vagabundieren!"
"Das ist ein schlechter Toast", versetzte Hermann. "Lassen Sie uns nun ein vernünftiges Wort reden. Wie lange wollen Sie in der Irre umherschweifen? Eltern, Geschwister, Freunde, Familie werden Ihnen wiedergegeben, darf ich Sie den Ihrigen ankündigen?"
"Das wäre schade um die schöne Bibliotek, die der gute Vater sich dann nicht anschaffen könnte, und um das zarte Liebesbündnis zwischen dem Schulfuchse und der alten Jungfer. Nein, mein Herr, hüten wir uns vor törichten Streichen. Zehn Jahre Abwesenheit sind in der Tat wie der Tod; warum soll ein Gespenst die Lebenden erschrecken?"
"Ich fühle, dass Sie von manchem, was Sie sahen und hörten, verletzt sein müssen", sagte Hermann. "Aber erwägen Sie die Gewalt der Umstände, vertrauen Sie auf die Kraft der natur. Ihre Angehörigen haben Sie als tot beweint. Wie sollten wir armen Menschen überhaupt fortbestehn können, wenn uns nicht die traurige Fähigkeit gegeben wäre, zu vergessen? Ist aber mit diesem öden Vermögen der Kreis unsres Wesens umschrieben, das Innerste unsrer Seele ausgedruckt? Lassen Sie uns also auch in diesem Falle fröhlich auf die heilige Empfindung baun, der das Grab seinen Raub wiedergibt, für welche ein Wunder geschieht, nicht ein erzähltes, nein, ein wirkliches."
"Das sind alles nur Redensarten", sagte der Fremde, bedächtig sein Glas ausschlürfend. "Die Wunder darf man nicht zu nahe besehn, so ein tausend Jahre weit weg nehmen sie sich trefflich aus. Es gibt Nöte, mein Herr, welche nicht beten lehren. Vater und Mutter muss man ehren, solange sie einem etwas zu essen geben, aber in Nertschinsk helfen sie uns blutwenig."
"Kein Schaf spräche so unvernünftig, wenn es das Maul auftäte", sagte der Hirte leise zu Hermann. "Lassen Sie ihn in Gottes Namen laufen, er ist nichts Bessres wert." Dann streckte er sich auf sein Lager, murmelte ein Vaterunser und schlief ein, denn er war müde vom ungewohnten Weine.
Hermann ergriff der Bekehrungseifer, er machte den Fremden auf das Frevelhafte solcher Reden aufmerksam und beschwor ihn, sich seinen letzten Trost nicht zu zerstören. Aber jener unterbrach ihn ungestüm und rief: "Junger Sittenprediger, was haben Sie erfahren, dass Sie mitreden dürfen? O mein Herr, mein Herr, Sie wissen nicht, was einem Menschen auszukosten gegeben werden kann. Ich dachte, als ich befreit war, nun sei das Elend vorbei, ich könne auch wieder glücklich sein, und leben, wie andre Menschen. Aber das Schlimmste sollte ich nicht in Sibirien gelitten haben, hier in der lieben deutschen Heimat musste ich es erfahren. Sie haben ganz recht; dass Eltern endlich sich über ein totgeglaubtes Kind beruhigen, dass eine Geliebte neue Bande sucht, es ist nichts Besondres und steht zu verzeihn. Aber dass uns Qualen auferlegt werden können, welche uns zu lebenden Schemen machen, und die Kraft zur Empfindung in uns aufzehren, das möchte ich nicht zu verantworten haben, wenn ich das Weltregiment führte."
"Und doch brach diese Empfindung sehr lebhaft hervor, als Sie das alte Band, welches Wilhelminen an Sie knüpfte, zerrissen sahn"; sagte Hermann.
"Sie irren", versetzte der Fremde. "Wilhelmine ist mir ganz gleichgültig geworden, ich wüsste nicht, wie ich mich noch überwinden könnte, ihr einen Kuss zu geben. Sie hat gealtert, und sieht, wie mich dünkt, etwas einfältig aus. So geht mir's auch mit den Eltern. Der pedantische Vater, die schwatzende Mutter – ich empfand wirklich eine Art von Widerwillen, als ich ihre Gestalten erblickte. Sie könnten alle jetzt tot vor mir liegen, ohne dass mir eine Träne in das Auge träte. Darum ist es nicht gut, nach Russland zu ziehen und in die Bergwerke zu geraten. Dass ich aufschrie, als der Schulmensch Wilhelminen umarmte, war keine Eifersucht, nein, es war Schmerz um mich selbst. Ich sass dem Vater, der Mutter, der Braut gegenüber, und fühlte doch keine Neigung, aufzuspringen, ihnen zu Füssen zu fallen. Das hatte lange schon in Kopf und Herz gewühlt, endlich ward mir's zu stark, die natur machte sich