die Soldaten Gassen laufen mussten, wenn die Akzisebeamten am Tore visitierten, oder wenn der Edelmann dem Bürgerlichen vorgezogen wurde. Sicherlich hat man in der Verbannung, im Elende Zeit genug, Jugendträume, die in bittre Wirklichkeit ausgingen, zu beweinen, aber glauben Sie mir, der Zauber, den die Grösse ausübt, ist noch nicht der schlimmste! Wir sind die Geschlagnen, die Besiegten! Nun gut, so lasse man uns. Aber man denke nur nicht, dass man selbst so ganz und gar in neuen Häuten lebe. Ich komme aus der Fremde, bin unbekannt mit den jetzigen Verhältnissen, aber ich meine immer, nach einer grossen Tyrannei kann nichts andres, als die Tyrannei der Kleinen oder ein wildes Getreibe befreiter Knechte folgen."
"Das spricht ein ..." versetzte der Konrektor. "Aber freilich sind für manche Menschen die zeiten schlecht, denn die Landläufer haben keine Hoffnung mehr. Glück zu machen."
"Landläufer!" rief der Fremde ausser sich, sprang auf den Konrektor zu, gab ihm einen Faustschlag, dass er zu Boden stürzte, schlug sich dann, als ob er diesen Ausbruch bereue, heftig an die Stirn, und stürzte in die Hütte. Hermann, obgleich erschreckt von dem Vorgefallnen, konnte den Konrektor kaum bedauern, überliess ihn dem Hirten, und folgte dem Zornigen. Diesen fand er eifrig beschäftigt, sein Bündelchen zu schnüren, wobei er einmal über das andre ausrief: "Ich muss fort, weit, weit, bis ans Ende der Welt!"
"Das sollen Sie nicht", sagte Hermann. "Aber wie konnten Sie sich so vergessen?"
"Einen Landläufer nannte der harte Vater mich, wenn ich mich über den lateinischen Schriftstellern nicht zu tod quälen wollte; mit diesem Worte hat er mich endlich hinter die Adler, in die Schlacht, in die Bergwerke gejagt; ich kann es nicht hören, ohne dass es dem, der es ausstösst, übel bekommt."
"Es ist mir lieb, dass es jetzt dahin geführt hat. Sie mir zu entdecken", versetzte Hermann. "Stehen Sie von Ihrem unglückseligen Entschlusse ab, und kommen Sie mit mir zu den Eltern, denen ein gütiges Geschick Sie erhalten hat."
Der Fremde ergoss sich hierauf in wilden, höhnischen Reden. Hermann liess aber nicht ab, ihm freundlich zuzusprechen, und brachte es wirklich dahin, dass jener sich etwas beruhigte. Er machte ihm begreiflich, dass es wenigstens unnütze Plage sei, im Dunkel fortzustürmen, und dass er morgen am hellen Tageslichte ja noch alles tun könne, was er wolle. Der Hirte kam, nachdem er den Konrektor draussen abgefertigt hatte, auch in die Hütte, zündete seine Lampe an, und nun gewahrte Hermann erst das Antlitz des Fremden. Es schien völlig blutlos zu sein, der Schädel, nur von Haut bedeckt, sah totenkopfähnlich aus; dünne, erbleichte, ja ins Grünliche spielende Haare umsäumten den Scheitel. Hermann fuhr unwillkürlich zurück, indessen fasste er sich, und folgte der Einladung des Hirten, der beide freundlich bat, mit ihm vorlieb zu nehmen. Sie setzten sich um den Tisch, der Hirte trug eine grosse Schüssel dampfender Kartoffeln auf, holte etwas geräuchertes Fleisch aus dem Schornstein, und da zufällig einige Flaschen Wein von einem neulichen Schmause der beiden Familien bei ihm stehengeblieben waren, so fehlte diesem einfachen Mahle auch das Getränk nicht. Jeder zog sein Messer aus der tasche, Gabeln waren unnötig, zwei Gläser liessen sich auftreiben; der Hirt trank aus einem Topfe.
Der Fremde war, nachdem sein Inkognito aufgehört hatte, zutraulich geworden, und erzählte den beiden andern eine wunderbare Gefangenschafts- und Rettungsgeschichte. Im Anfange hatte sie noch Ähnlichkeit mit dem, was viele auf jenem furchtbaren zug erdulden mussten, dann aber berichtete er etwas, was, nach unsern Verhältnissen angesehn, fast unglaublich klang. Als der Friede geschlossen worden war, befand er sich schon mit einer grossen Menge von Unglücksgenossen auf dem Heimwege. Da traf in einem wüsten Landstädtchen, in entgegengesetzter Richtung ziehend, ein Transport schwerer Verbrecher mit ihnen zusammen. Beide Kolonnen machten an dem Orte Rast. In der Nacht entsprang einer der gefährlichsten Verbrecher; der Führer des Transports, besorgt vor der harten Strafe, welche seiner Nachlässigkeit drohte, ergriff ein schändliches Mittel, sich zu retten. Er wusste den unglücklichen Kriegsgefangnen mit List an sich zu locken, an einem abgelegnen Orte sprangen ein paar Helfershelfer herzu, er wurde geknebelt, in Eisen geschmiedet, und als der Tag graute, befand er sich unter Räubern und Mördern auf dem Wege nach Sibirien. Vergebens war sein Toben, sein Widerstand; Misshandlungen besiegten diesen. Keine Behörde konnte oder wollte ihn verstehn, die Menschen, welche in den Dörfern und Städten, durch die der Zug ging, am Wege standen, sahn in seinen Gebärden nur den Trotz eines unfügsamen Missetäters; so ging es Werst für Werst weiter, bis das unselige Ziel erreicht war.
Welche Greuel nun da unten in der Nacht der Bergwerke sich begaben, wollen wir, um die Gemüter unsrer Leser nicht zu ängstigen, verschweigen. Wie es ihm dennoch gelungen, sich zum Lichte wieder emporzuschwingen, darüber glitt der Fremde selbst einigermassen hinweg. Er sprach von einem Aufseher, den er überwältiget habe. Aber ein Zittern der stimme, ein unheimliches Zucken der Augenwimpern deutete an, dass eine blutige Tat dabei vorgefallen sein mochte. Die nun folgende Flucht durch die ungeheuren Waldund Grassteppen erinnerte an Mazeppas Abenteuer