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ihm zunächst dem Tore der Hirt begegnete. "Bester Herr", rief dieser, "wie gut, dass ich Sie treffe! Wenn es Ihnen nichts verschlägt, so kommen Sie auf ein Stündchen hinaus. Ich glaube. Sie könnten da durch Zureden etwas Gutes stiften."

"Was ist, Alter?" fragte Hermann.

"Lieber Gott, der Fremde mit dem grossen hut, den Sie bei mir gesehen haben, und der seinen Namen durchaus nicht nennen will, macht mir viel Not. Seine wenigen Groschen sind aufgezehrt, nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen, aber er will fort, und wenn ich ihn frage, wohin? so zuckt er die Achseln und macht so sonderbare Gebärden, dass mir angst und bange wird."

"Habt Ihr keine Vermutung, wer er ist?"

"Ach", sagte der Hirte, "Vermutung genug, im grund weiss ich es wohl schon. Ich habe ein Historienbuch, das lese ich des Winters richtig durch, darin steht ein grosser Vogel abgemalt, der steckt seinen Kopf weg, und meint, dann sehe ihn niemand. So ist's mit dem Unglücke, es meint, wenn es nur den Kopf verberge, werde es für jedermann unsichtbar. Aber im Gegenteil, dann merkt man erst, wie der Hase läuft."

"Ihr hättet ihn sollen vermögen, zum Rektor zu gehen"; sagte Hermann.

"Habe ich es denn nicht vom Morgen bis zum Abend versucht?" rief der Hirt. "Aber dann fährt er mich an und brummt: was er bei dem Rektor solle? und hinterher stürzen ihm die Tränen aus den Augen. Ich sage es ja immer, das Vieh ist vernünftiger als die Menschen, da schreit doch jedes Zicklein, wenn es sich verloren hat, nach seiner Alten, und läuft zu ihr, wenn es sie wieder erblickt."

"Was wolltet Ihr denn jetzt hier in der Stadt?" fragte Hermann.

"Den alten Leuten die Sache ansagen", erwiderte der Hirte. "Aber unterwegs fiel mir ein, ich könne mich doch irren und nur unnütze Freude verursachen, oder wenn es auch richtig sei, so brächte ich es doch vielleicht nicht auf die rechte Art an, und kurz, es ist mir lieb, dass ich Sie gefunden habe; Sie werden wohl eher hierin Bescheid wissen."

Hermann war gern bereit, mit dem Hirten nach seiner Hütte zu gehen. Vor dem Tore kam der Konrektor auf seinem gewöhnlichen Abendspaziergange daher geschritten; leider durfte Hermann seine Begleitung nicht ablehnen, um kein Aufsehn zu erregen. Er dachte noch darüber nach, wie er sich von ihm wieder losmachen solle, als sie schon vor dem Hirtenhause anlangten.

Der Fremde sass auf der Bank unter den Birken, wieder, wie früher, den breitkrempigen Hut tief in das Gesicht gedrückt. Als er Menschen kommen sah, wollte er aufstehn, und sich in die Hütte begeben. "Bleiben Sie", sagte der Konrektor, "wir müssen sonst auch vorübergehn, und wir wollten uns gern hier ein wenig ausruhn."

"Meine Nähe kann niemand erfreulich sein", erwiderte der Fremde.

"Sie sollten uns etwas von Ihren Abenteuern erzählen", sagte der Schulmann. "Was hat Sie so lange in Spanien zurückgehalten? Warum kehrten Sie nicht gleich nach den Friedensschlüssen heim? Es muss eine wunderbare Empfindung für Sie sein, das Land, welches Sie unter dem Faustdrucke des Despotismus betäubt verliessen, nun verjüngt, im fröhlichen Regen aller Kräfte wiederzusehn."

"Mein Herr", versetzte der Fremde, "ich weiss von dieser wunderbaren Empfindung, wie Sie sich ausdrücken, wenig zu sagen. Ich hörte überall nur, wo ich einkehrte, wie ehedem, über die schlechten zeiten klagen."

"Das ist der Widerhall von dem lied der Demagogen", antwortete der Konrektor kaltblütig, indem er sich mit Behaglichkeit zurechtsetzte und seine Pfeife anzündete; denn er rauchte, wie der Rektor, ausser den Schulstunden fast beständig. – "Wir sind Deutsche worden, treu, fromm, guter Art, in aller löblichen Kunst und Wissenschaft fleissig. Welch ein Abstand zwischen Sonst und Jetzt! Es gibt wirklich Erscheinungen in der Menschenwelt, die einem das, was die Sagas von Zauber und Verblendung melden, ganz glaublich und natürlich darstellen. Wie wäre es ohne einen solchen Zauber gedenkbar, dass ein kleiner, unansehnlicher Mensch, dem die Tücke aus den Augen blickte, von einer altberüchtigten Insel her, die Menschen, Völker, Fürsten auf seine Seite bringen konnte, obgleich ein jeder wusste, dass er von ihm hintergangen werde."

Hermann erinnerte halblaut den andern, dass dieses Gespräch dem Fremden schwerlich angenehm sein werde, jener aber war im Eifer, liess sich nicht stören und rief: "Wer deutsche Luft atmet, muss deutsch Wort vernehmen können. Wer an seinem vaterland, dem Erobrer zuliebe, ein Verräter werden konnte, muss sich jetzt selbst seines Irrtums schämen, blieb noch ein Funken richtigen Gefühls in ihm."

Der Fremde rückte unruhig hin und her und rief: "Mein Herr, es ist leicht, hinterher zu richten! Vaterland! Wir sind beide nicht alt genug, um viel von der Zeit zu wissen, die jener Periode vorherging, welche Sie die verblendete zu nennen belieben. Doch scheinen Sie noch jünger zu sein, als ich. Vaterland! Ich erinnre mich, dass man an das Vaterland nur dachte, wenn