um ein Stück fisch bitten, da sie ausserordentlich hungrig seien.
Nach dem Essen blieb Hermann mit der Rektorin allein. "Das übelste wäre, wenn der einfältige Vesuv Feindschaft stiftete", sagte sie. "Das darf nicht sein. Zwar ist der Edukationsrat ein Narr und hat meinen Alten ungeschickt behandelt, aber das Leben währt zu kurz, um nachzutragen. Also muss ich Versöhnung stiften und dazu sollen Sie den Mittelsmann machen. Sie gehen morgen in der Frühe zum Rat, und lassen fallen, mein Mann habe die ganze Nacht vor Schmerz über die Zwistigkeit kein Auge schliessen können. Dann sagen Sie dasselbige vom Rat bei meinem Alten, und ich wette, sie sind noch vor Abend wieder gute Freunde. Man kann die Menschen auseinanderlügen, aber glauben Sie mir, man kann sie auch ebenso leicht zusammenlügen. Das erste ist nicht meine Sache, das zweite darf man sich schon erlauben."
Als Hermann einwenden wollte, er werde die aufgetragne Rolle nicht geschickt genug spielen, lachte ihm die Rektorin in das Gesicht. "Versuchen Sie es nur immerhin", rief sie; "Sie Neuling in solchen Händeln!" Die Verlegenheit, welche er nach den ersten derartigen Worten der kurz angebundnen Frau in ihrer Gegenwart nicht mehr besiegen konnte, wuchs, und erreichte ihren Gipfel, als ihm jetzt ein Zettel des Rektors gebracht wurde, worin dieser ihn bat, morgen anstatt seiner mit den Primanern den Sophokles zu lesen, da er sich zu unwohl fühle, um die Lektion abhalten zu können. Gott weiss es, Hermann verstand zu wenig Griechisch, um einem solchen Ansinnen gewachsen zu sein. Er reichte der Rektorin mechanisch den Zettel hin, die ihn lächelnd überlas, und dann sagte: "Herr Schmidt, setzen wir uns!
Sie spielen Komödie mit uns, das ist nicht fein; Sie sind darob in Ungelegenheit geraten, das macht mich geneigt, Ihnen zu helfen. Wozu dienen nur diese Winkelzüge? Warum kommen Sie, trotz ehrlicher Absichten, welche ich doch bei Ihnen voraussetzen muss, mit einem fremden Namen, wie der Betrüger Sinon in unser Haus? Sie sind nicht der Kandidat Schmidt aus Leipzig, Sie heissen Hermann und wollen Cornelchen heiraten."
Hermann wusste vor Bestürzung nicht, wo er bleiben sollte. "Ich bitte Sie wegen dieses Streichs tausendmal um Vergebung ... Ich habe nichts Schlimmes im Sinne ... Aber Sie irren sich ... Es war nur dem Flämmchen zuliebe ..." stotterte er.
"Ach was Flämmchen!" rief die Rektorin eifrig. "Ein Feuer, welches den Herrn fünfzehn Meilen weit dahertreibt, kann wohl eine Flamme heissen. Aber Ihr Benehmen ist für meinen schwachen Verstand zu spitz. Das arme Kind so in Verlegenheit zu setzen, das heisst einem jungen Herzen für seine unschuldige Neigung übel lohnen."
"Verlegenheit? Herz? Neigung? Liebt Cornelie mich?"
"Sollten Sie das nicht wissen? Sollten Sie ein Mischling sein von Schlauheit und Kindersinn, der nichts merkt? Nun ja, der Herr hat in jener Waldhütte ein Unheil angerichtet, er erschien dem armen Dinge wie ein Helfer und Heiland, und da er so ziemlich wohl gewachsen ist, ein Paar feurige Augen im kopf hat, und seine Worte sanft zu setzen weiss, so ward das Geschöpfchen darnach ganz still und schwermütig, seufzte, und ... ach es ist eine alberne Kindergeschichte, und recht töricht von mir, dass ich das alles Ihnen so gutmütig hererzähle."
"Fahren Sie fort, beste Frau", rief Hermann. "Ich schwöre Ihnen bei Gott, ich bin aller dieser Dinge unkundig, aber Sie schenken Ihr Vertrauen keinem Bösartigen. Warum ist Cornelie hier?"
"Das ist ja eben das Tollste. Heutzutage fangen die Menschen früh an zu leben, Gott weiss, wie früh sie aufhören werden, wenn das so fortgeht. Die Kinder haben jetzt Leidenschaften, welche sich sonst erst mit dem zwanzigsten Jahre einstellten. Kurz, Ihr Vetter Ferdinand hat, ohne es zu wissen, sein Pflegeschwesterchen geliebt, als Sie, der Störenfried dazwischentraten, und nun ergriff den Jungen, den mein Alter vermutlich noch nicht nach Sekunda setzen würde, eine unbändige Eifersucht, die zu den ärgsten Dingen geführt haben muss, wiewohl Ihre Tante mir darüber nichts Näheres geschrieben hat. Aber wie ich aus abgebrochnen Reden Corneliens schliesse, so hatte der Knabe einmal gegen sie ein Messer erhoben. Die Eltern sahen sich genötigt, das Mädchen auf einige Zeit zu entfernen, bis sich weiterer Rat finden wird."
"Sie haben mir Ereignisse mitgeteilt, welche ich nicht von fern ahnen konnte", sagte Hermann nach einigem Schweigen. "Nur ein sonderbarer Zufall hat dieses Zusammentreffen mit Cornelien herbeigeführt. Doch warum nenne ich Zufall, was vielleicht die höchste, die heiligste Schickung meines Lebens ist?"
Er berichtete ihr hierauf den Zusammenhang der Sachen, und da er die Wahrheit sprach, so musste er Glauben finden. Die Rektorin schien sehr verdriesslich über diese Entdeckung zu sein, und kündigte ihm, offen, wie sie in allem war, an, dass er am besten tun werde, morgenden Tages abzureisen. Aber Hermann fühlte, dass für ihn zu Wichtiges auf dem Spiele stehe, um die nächsten Entscheidungen durch Empfindlichkeit zu verscherzen. Er bezwang sich, wusste der Rektorin so viel Kindlich-Schmeichelndes zu sagen, bat so dringend, ihm doch nur Zeit zu lassen, dass er sich besinnen, zu dem entschliessen könne,