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. Die Knaben des Edukationsrats hatten die des Rektors zur Bereitung eines feuerspeienden Bergs zu überreden gewusst, die Magd hatte allerhand Geräte dazu hergegeben. Unvorsichtig war von einem zu früh der Pfropfen aus der Röhre gezogen worden, während zwei sich darüberhin gebogen hielten, die denn den ganzen feurigen Schuss ins Antlitz bekommen hatten. Das Auge müsse wenigstens weg sein, sagte die person, nach Art solcher Leute im Unglück noch übertreibend.

Der Rektor nahm sich kaum die Zeit, diese Erzählung vollständig zu hören. Rasch ergriff er einen Stekken und eilte, von seinem Grimme übermannt, auf die bestürzte Gruppe der Knaben zu. Diese benahmen sich bei dem Anblicke der herannahenden Gefahr auf sehr verschiedne Weise. Denn während die Stände, als sie den Stecken und den Rektor sahen, zu lauter Füssen wurden, mit katzengleicher Behendigkeit eine niedrige Scheidemauer überklimmend und entrinnend, blieben die Alten, von Schreck gefesselt, stehen und erwarteten das Schicksal. Die geschichte meldet hierauf von mehreren ausgeteilten und empfangnen Streichen.

Indessen war das vulkanische Feuer verglüht, der Konrektor hatte eine Laterne herbeigeholt und auf die Stätte dieses Ereignisses niedergesetzt. Er und Hermann beluden sich mit den Verwundeten, die Frauen folgten, die Geschlagnen schlichen hinterher. Der Rektor wollte ohne Wort und Gruss nachgehn; der Edukationsrat hielt ihn aber beim arme zurück, und hob folgende Rede an: "Wahrheit, mein Freund, in allen Verhältnissen, unter jeder Bedingung! Das ist meine Maxime. Ich kann, ich werde sie auch heute Ihnen nicht verschweigen; ja, dieses unglückliche Ereignis mahnt nur um so dringender, rückhaltlos mich auszusprechen, als es Sie zunächst am empfindlichsten berührt hat. Sie erfahren heute an einem schlagenden Beispiele, wohin die Richtung, welcher Sie mit starrer Konsequenz sich und andre eigneten, führt. Harmonie, Zusammenhang gebe der Seele das klassische Altertum? Ich sehe wenig von diesen schönen Eigenschaften an einem steckenbewaffneten zornigen mann."

Hier warf der Rektor den Stecken heftig fort, und wollte abermals gehen. Der andre hielt ihn aber mit beiden Händen fest, und sprach also weiter: "Sie sollen und müssen mich aushören; nicht sobald wird sich wieder eine gleichgünstige gelegenheit ergeben. Wenig Besinnung verrät es schon, fremde Kinder in Gegenwart des Vaters körperlich abstrafen zu wollen. Das überlässt man diesem wohl in jedem Falle, der eine so traurige notwendigkeit erfordern sollte. Nun aber, wie weiter? Der Gegenstand Ihrer leidenschaft wird Ihnen entrückt, da fallen Sie völlig blind und unfrei diejenigen an, welche doch in Ihrem Sinne nur die Verleiteten, Schwachen sind. Allerdings erinnert dieser letzte Zug an ein klassisches Muster, nämlich an den rasenden Ajax, wie er anstatt der Atriden die Schafe geisselt! Wer aber bei allem diesem Gebaren noch jenen spiritum Grajae tenuem Camenae säuseln hört, der hat schärfere Sinne als ich. Kommen wir nun auf unsre Zöglinge selbst! Denn 'an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen', heisst es hier mit vollem Rechte. Unverletzt sind meine Söhne. Sie hüten sich wohl, ihre Nase über einen gärenden Feuerbrodel zu halten, was wirklich nur abgestumpften, auf der Sitzbank vennüfften Geschöpfen begegnen kann. Diese warten denn auch ruhig die ungerechte Züchtigung ab, während meine gewitzigten, frühpraktischen Gesellen, rasch wie die Hirsche, zu entrinnen wissen. Das kommt vom Vertrautsein mit allen vier Elementen. Sie haben selbst gesehen, mit welcher Schnelligkeit sie sich über die Mauer schwangen. Lassen Sie also, mein Freund, von einem Systeme, welches Ihnen und den Ihnen Angehörigen Welt und Leben verbaut. Nie ist es zu spät, zum Richtigen umzukehren."

"Doch ist es zu spät, die Fortsetzung dieser Moralien zu vernehmen", sagte der Rektor mit schneidender Kälte. "Rechnen Sie es meinem Erstaunen zu, dass ich bis jetzt geduldig dem mein Ohr lieh, womit Sie einen Vater, dem die Kinder verbrannt sind, besprechen wollen. Apage! Das ist das letzte Wort zwischen uns. Wir sind geschiedne Leute. So ist es beschlossen. Stat alta mente repostum!" –

Er nahm die Laterne auf und ging. Der Edukationsrat blieb im Dunkel zwischen den Scheunen stehen.

Neuntes Kapitel

Im haus hatten unterdessen die Frauen und die jungen Leute um die Verletzten sorge getragen. Nachdem Gesichter und hände mit einem Schwamme gereinigt worden waren, sah man, dass der Schreck das Schlimmste gewesen sei. Ausser versengten Augenbrauen und Haaren liess sich kein Schaden erspähn. Die Rektorin schickte die Patienten zu Bett, die gleich den übrigen Knaben ganz verdutzt waren und kein Wort sprachen. Sie verbot ausdrücklich, den Arzt zu holen. Kaltes wasser werde hier vollkommen genügen.

Als man sich zu Tisch setzte, stiess sie einen Seufzer über die leerbleibenden Plätze aus. Ihr Mann hatte sich eingeschlossen und wollte nichts essen, die Edukationsrätin war denn doch auch fortgegangen. Der Konrektor, welcher nach Art junger Schulleute zuweilen von auffallenden Grillen geplagt ward, nahm sich plötzlich eine willkürliche Eifersucht auf Hermann zu kopf, der an niemand weniger dachte, als an Wilhelminen; genug aber, er war eifersüchtig und entfernte sich mit verdriesslichen Blicken, worauf Wilhelmine um die Erlaubnis bat, bei den kranken Knaben bleiben zu dürfen. So war aus einer Gesellschaft von neun Personen eine von dreien geworden, die durch weite Zwischenräume getrennt, an dem beträchtlichen Tische Platz nahm. Ein grossmächtiger Hecht ward aufgetragen, welcher der Rektorin neue sorge machte, wie er von so wenigen Personen verspeiset werden solle. Dieser Bekümmernis war indessen abzuhelfen, denn die beiden Patienten liessen durch Wilhelminen