immer à la française aus, etwa so: tonnère guepoltère, und vergebens war meine ganze Didaskalie. Ich weiss nicht, ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon kennen, welches ich machte, als Canova seine Statue verfertigte. Dieses Witzwort hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehört, und liess es in der 'Baltimorer Zeitung' abdrucken, von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam; daher sein Hass auf mich, der mich etwas in den Bemühungen störte, die ich dazumal noch immer dem 'Tristan' zugewendet hatte. Ich habe zuerst auf dieses Gedicht hingewiesen, worin süsse Frische, Lüsternheit und Unschuld den Becher mit bezauberndem Getränk füllen, unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine dritte, weder von Ulrich noch von Heinrich herrührende Fortsetzung, deren Verfasser ich noch nicht habe entziffern können; es ist sehr leicht, bei diesem Gedichte an Ariost zu denken, aber welch ein Abstand!"
Er war hierauf im Begriff, das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen, als man ihn erinnerte, dass er von einem Einflusse haben reden wollen, der die Alten verdrängen werde. Er besann sich, und führte nicht ohne Beredsamkeit aus, dass in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die gemeinte wirkung anzudeuten scheine.
"Die Modernen sind einmal Aneigner und Verarbeiter", sagte er. "Seitdem Petrarca sein Gedicht 'Africa' schrieb und es über die süssen Reime stellte, die ihn unsterblich gemacht haben, ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen. Mich dünkt, es wird Zeit, sich nach einem andern Kompendium umzusehen, und welches Füllhorn neuer Begriffe, wunderbarer Anschauungen öffnet uns der Orient! Ich arbeite an einem Werke über die Elefanten und über die Bedeutung dieses Tiers in den Epen vom Ganges. Der 'Mahabharata', der 'Ramayana', der 'Brahma-Purana' ..."
"Quousque tandem ..." murrte der Rektor. "Ich kann über diese Dinge nicht gelehrt mitsprechen, weil ich sie nur aus Exzerpten und Rezensionen kenne. Aber was darin steht, macht mich nach dem übrigen nicht lüstern. Monstrum informe, ingens, cui lumen ademtum! Ich glaube, dass der Inhalt jener Gedichte, alle die Tiger, Affen, Gänse, Gazellen, die ungeheuerlichen Büssungen, welche eintreten, wenn einer ausspuckt, oder sonst etwas Natürliches verrichtet, wo er es nicht soll, weil irgendein Ölgötz mit Schweinsrüssel im Tulpenkelch sitzend, dies nicht leiden kann, dass, sage ich, alle diese riesenhaften Puerilien der Welt nicht so viel Licht geben, als der letzte der Klassiker in einer schlechten Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat. übrigens wird das alles auch nur dicis causa traktiert, ich weiss es wohl, und im grund ist's verkappter Katolizismus, der mit uraltem Bonzenund Pfafftume eingeschwärzt werden soll. Aber:
Tumm machen lassen wir uns nicht,
Wir wissen, dass wir's werden sollen!"
Diese sonderbare Grille des Rektors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren Debatten, in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhänger der evangelischen Lehre spielte, obgleich er, wenn wir die Wahrheit gestehn sollen, gleich Falstaff vergessen hatte, wie das Inwendige einer Kirche aussieht. Die ausschweifendsten Dinge wurden infolge dieses Streites behauptet, der sich denn doch bald wieder auf die Jugend und ihre Führung zurückwandte. Der Konrektor war inzwischen eingetreten, und brachte die vierte stimme zu diesem Hausund Gesellschaftskonzerte. Die beiden Alten, der Rektor und der Edukationsrat, wiederholten fast mit denselben Worten ihr Tema; dazwischen wogten Persien und Indien, Nibelungen und Parzival. Es blieb sonach unentschieden, ob das heranwachsende Geschlecht gegen Latium oder Delhi geführt werden, ob es an Minne und Ritterkampf sich auferbauen, oder in früher bürgerlicher Hantierung erstarken solle, denn jede Meinung hatte einen kräftigen Verfechter, dem es nicht an triftigen Gründen fehlte.
Plötzlich rief die Edukationsrätin mit ihrer Stentorstimme: "Was ist das? Es riecht nach Schwefel!" Alles schwieg. Der Gestank war nicht zu verkennen, zugleich hörte man ein sonderbares, aus Zischen, Wimmern und Heulen zusammengesetztes Geräusch ganz in der Nähe des Gartenhäuschens. Indem man noch verwundert und erschreckt über dieses Abenteuer sprach, stürzte eine Magd mit dem Rufe herein: "Kommen Sie um Gottes willen! Die Jungen sind alle verbrannt!"
Bestürzt folgten ihr die Streitenden, Hermann, die beiden Frauen. Nur der Hindu blieb zurück. Er nahm sich vor, diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu benutzen; denn es missfiel ihm höchlich hier. Er tappte also durch die Dunkelheit nach seinem wirtshaus. Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rustizität der deutschen Gelehrten ein, die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind.
Achtes Kapitel
Die Magd führte die andern nach dem wüsten Plätzchen zwischen den Scheunen. Ein dicker Qualm drang ihnen entgegen, und es dauerte einige Minuten, ehe man recht wahrnehmen konnte, was sich dort begab. Endlich unterschied das Auge bei dem Scheine eines wilden roten Feuers die Gegenstände. Ein sprühender Strahl drang gewaltsam aus der Erde, zwei Knaben des Rektors lagen wehklagend am Boden, die andern und die Söhne des Edukationsrats standen verlegen umher.
Hermann suchte das Feuer mit einem Spaten auszuschlagen, machte aber die Sache nur noch ärger; das gereizte Element zischte in springenden Funken umher und versengte die Kleider der Anwesenden. Er musste den Spaten wegwerfen, und die Naturkraft gewähren lassen.
Indessen zog der Rektor von der Magd Erkundigung ein, welche diese zögernd gab, da sie sich auch halb schuldig fühlte