Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der jüngste Modeherr, und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern einzurichten sich bestrebt.
Als der Hindu den mitten in anständiger Gesellschaft in Schlafrock und Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm, geriet er ausser Fassung, und starrte den Verstoss gegen die Sitte einige Sekunden lang an, bevor er die herkömmlichen Begrüssungen finden konnte. Doch erholte er sich, streichelte mit leichter zärtlicher Handbewegung die Ordenszeichen, welche seine Knopflöcher zierten, und kam durch diese Berührung wieder zum Gefühle seiner selbst.
Es gelang ihm sofort, einige französische Epigramme vorzubringen, die niemand in diesem Kreise verstand, und darauf in den leichten Weltton zu fallen, den er so sehr innezuhaben glaubte.
Bald hatte er sich des Gesprächs bemeistert, und da er gehört, dass vornehme Personen nie von wichtigen Dingen, welche sie zunächst berühren, zu reden pflegen, so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger Gewalt fern. Er erzählte dafür lieber ausführlich das Abenteuer vom Verluste seiner goldnen Brille, welches, da diese Brille, wie er sagte, unersetzlich sei, und er weder eine silberne noch eine von Horn im gesicht zu dulden vermöge, ihn zwinge, vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln, wodurch seiner Kurzsichtigkeit manches Missverständnis bereitet werde. Von dieser Kurzsichtigkeit, wenn es nicht Zerstreuung gewesen, legte er gleich einen auffallenden Beweis ab, der selbst dem Rektor, welcher sich sonst ziemlich mürrisch verhielt, ein Lächeln entlockte. Der Fremde sass nämlich zwischen der Rektorin und Cornelien, und war der Pflichten seines Platzes, wie man merkte, vollkommen eingedenk. Nur begegnete es ihm dabei, dass er die Rektorin für die Tochter und Cornelien für die Mutter ansah, denn er verwandte an jene galante Scherze, und behandelte diese mit achtungsvoller Kälte.
Man wurde ganz fröhlich; die Männer suchten durch allerhand übertriebne Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern, die Frauen teilten einander ihre Bemerkungen über seine Perücke und über die berühmte Spiegeldose mit, welche er von Zeit zu Zeit hervorzog, um sich verstohlen in Augenschein zu nehmen. Cornelie war gegangen. Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit, die er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte, kurz der Abend schien sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen.
Unglücklicherweise erwähnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches Unwesen, die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren. Söhne angesehener Familien waren plötzlich verhaftet worden; der Argwohn hatte seine Schatten in schon gegründete bürgerliche Verhältnisse geworfen. Man beklagte den unglückseligen Schwindel der Jugend, welcher sie selbstmörderisch treibe, ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jämmerlich zu verderben. Der Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken, dass das ganze Unheil davon herrühre, dass in den neuesten zeiten die eigentlich gelehrte Bildung vernachlässigt zu werden beginne.
"Die Beschäftigung mit den Alten", sagte er, "drückt in die junge Seele das Bild eines vollkommnen in sich zusammenhangenden Lebens. Ein einziger Vers des Horaz, eine Sentenz des Tacitus wirft über ganze Strecken ein mächtiges Licht. nennen Sie mir etwas, was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete, als die blossen Namen: Rom, Aten. Nicht unpassend hat ein grosser Dichter und Weiser gesagt, man fühle sich wie in einer Montgolfiere schwebend, sobald man Homer zur Hand nehme."
"Die Gleichnisse hinken", versetzte der Edukationsrat, "man könnte aber auch sagen: sie sind Fakkeln, die den Pfad dessen, der auf unrechten Wegen geht, erhellen. Ja leider, leider, haben wir in der Luft geschwebt, seit Jahrhunderten in der Luft geschwebt, und es dürfte nicht schwer sein, nachzuweisen, dass auch die Fehltritte jener unglücklichen Jünglinge nur das Stolpern derer sind, die aus der Wolkenhöhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen. Dieses ganze politische Traumgebäude ist denn doch weiter nichts, als der Nachklang gewisser Schulbegriffe, die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt, durch die unruhige Gegenwart an die Oberfläche des wirbelnden Tages geschleudert worden sind."
"Die Schulbegriffe, wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten Staatsmänner seinen Halt", sagte der Rektor. "An solchen Schulbegriffen haben der grosse Chatam und sein grosser Sohn sich auferbaut; Cannings Reden sind voll von klassischen Zitaten."
"Weshalb man auch sagt, dass sie nach dem Schimmel riechen", fiel der Edukationsrat ein.
"Überhaupt meine ich, dass ein ganz andrer Einfluss, als den Sie beide im Auge haben, bevorsteht", hob der Hindu mit einer gewissen graziösen Feierlichkeit an. "Ich darf wohl sagen, dass ich das klassische Altertum kenne, ich war der erste, der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte; ich habe es vorausgesagt, dass die reinen Trochäen in diesem Metro auch ganz verworfen werden würden, und ich denke, dass der Vers:
Wieder zur Ebene rollte der frech sich empörende Steinblock ein wenig besser klingt als das:
Donnergepolter des tückischen Marmors
über welches wir, sobald es durch Germanien zu poltern begann, gleich unsre herzliche Freude hatten. Nachmals, als ich das Glück hatte, jener Frau anzugehören, die, man kann wohl sagen, eines europäischen Rufes genoss, machte ich sie oft zu lachen, wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise für den Wohllaut unsrer Sprache vorsagte, sie versuchte ihn dann nachzusprechen, kam aber nie damit zustande, besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort, worin sozusagen, der grosse Philologe, Dichter und Kämpe für Wahrheit und Recht sich völlig inkarniert zeigt, viele Schwierigkeit; sie sprach es