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darauf, sich bei uns in dieser wunderbaren Weise einzuführen?"

"Man muss überall aushelfen, wo es fehlt", versetzte Hermann. "unsrer Fürstin gebrach ein Mann der Pomade, ich konnte allenfalls so ein Subjekt notdürftig vorstellen, wie hätte ich anstehn sollen, mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu dienen?"

Der Herzog fragte ihn lachend, wo er denn diese Geschicklichkeit erworben habe? Hermann versetzte, das dürfe er nicht verraten, das sei ein Handwerksgeheimnis.

Die Herzogin hatte an diesem gespräche nicht teilgenommen, sondern nur von Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet. Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr, worauf sie nickte, und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing. Als er die Treppe hinabging, sagte er für sich: "Das hätte ich nicht gedacht, als ich im Feldzuge bei dem alten Perückenmacher im Quartier lag, und seine Tochter Lotte mich zu ihrem Werter machen wollte, und ich ihr aus Langerweile die Locken und die Touren fertigen half, dass mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten Leuten helfen würden. In unsrer Zeit muss man sich auf alles schikken, denn man kann alles gebrauchen. Die Lotte und der alte Perückenmacher sollen leben!"

Fünftes Kapitel

"Welche Ähnlichkeit!" Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen. Er fragte den Wirt nach der Ursache, weshalb das fürstliche Paar hier verweile? erfuhr aber nur, dass es eine Bewandtnis mit den Herrschaften haben müsse, denn es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallnen schloss in der Nähe gewesen, von dessen Bewohner man allerhand erzähle.

Ein langer grauer Mann von verdriesslichem Ansehn trat ein, und sagte zum Wirte: "Ich habe Sie so sehr gebeten, mir eine stube ohne Zug zu geben, den ich durchaus nicht vertragen kann, und dennoch ist mir eine angewiesen worden, worin kein Fenster und keine Tür schliesst. Ich habe nicht Lust, hier ungesund zu werden, und verlange von Ihnen auf der Stelle ein andres Quartier."

Der Wirt versicherte, es sei alles besetzt, er werde aber sogleich Schreiner und Glaser kommen lassen, damit jede Ritze verleimt und verstopft werde.

Es war um die Zeit der Hundstage, und selbst dem entschiedensten Rheumatiker konnte ein kühles Lüftchen nur willkommen sein. Hermann hatte an der eigentümlichen Falte des Überdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen erkannt. Er trat höflich zu dem Verstimmten und sagte, dass er sich glücklich schätzen würde, wenn er ihm ein besseres Gelass anzubieten vermöchte, das seinige werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen haus sein. Der andre mass ihn mit einem matten, sterbenden blick, als verdrösse ihn jede Artigkeit, und ging, ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwidern, fort.

Hermann, sehr böse über dieses rauhe Benehmen, fragte den zurückkehrenden Wirt, wer jener Bär sei und erfuhr, dass er Wilhelmi heisse und bei dem Herzoge in Diensten stehe. Auch der Wirt nannte ihn einen eigensinnigen Kauz, dem nichts recht zu machen sei, "aber", setzte er hinzu, "man muss ihn schonen, denn er ist des Herzogs rechte Hand." Hermann beschloss im stillen, die Unart nicht so hingehn zu lassen.

Doch für den Augenblick hatte er eine dringendere sorge. Im Überrocke setzt man sich bekanntlich nicht zu einer fürstlichen Tafel. Er aber besass kein andres Kleidungsstück, er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipieren wollen. Lange dachte er darüber nach, was vorzunehmen? endlich erinnerte er sich aus der geschichte der Moden, dass der Frack aus dem Überrock entstanden ist, indem nach und nach die Vorderblätter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden. Er beschloss, diesen historischen Weg zu verfolgen, und erkundigte sich nach dem besten Schneider, der ihm leicht nachgewiesen werden konnte, da es nur einen am Orte gab.

Der Meister, welcher wegen der geringen Nahrung im Städtchen zugleich sein eigner Junge und Geselle war, sass mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und nähte, was das Zeug halten wollte. Hermann trat in das kleine Stübchen, an dessen Wänden die papiernen Masse herabhingen, und welches durch verschmauchte Fensterchen sein spärliches Licht erhielt. Er sagte dem Meister, was er von ihm wolle, nämlich, er solle die Vorderteile des Rockes abschneiden, denn er habe einen Frack nötig. Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab, tat die Brille hinweg, prüfte den Schnitt des Kleides, befühlte das Tuch, sah erschrokken empor, und fragte mit wehmütigem Tone: "In dieses Tuch soll ich hineinschneiden?"

"Es geht nicht anders, Meister", versetzte Hermann, "es muss so sein".

Der Meister schüttelte den Kopf, legte unschlüssig die hände auf den rücken, und murmelte: "So ein Rock! So ein Tuch! Schade! Jammerschade! Die Elle kostet wohl ihre drei Taler?"

"Mehr Meister, mehr."

"Vier? Fünf?"

"Ich glaube, man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt.

Rührt Euch, Meister, ich habe nicht lange Zeit."

"Acht Taler die Elle! Gott!" war alles, was der Schneider hervorbringen konnte. Er liess die Schere sinken; nur Ausbesserung und der gröbste Stoff war ihm sein Leben lang unter die hände geraten. Jetzt erblickte er ein Prachtkleid, von dem seine seligsten Träume nichts wussten, und dieses sollte er verwüsten? Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Männleins zu, dem ein