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für uns ein tüchtiger Ärger unterweges. Wenn ich dich doch überreden könnte, den lauten Sprachunterricht einzustellen, damit ich sie wieder in das Haus nehmen dürfte. In der Waschküche sind sie unsrer Aufsicht entrückt, können tun, was sie wollen, und überdies habe ich jetzt mit der grossen Wäsche wegen Mangels an Raum immer meine liebe Not."

"Du häufest verkehrte Wünsche", erwiderte der Gatte gehaltnen Tons. "Den lauten Sprachunterricht einstellen, hiesse, von einem obersten leitenden Grundsatze abweichen, und dieses wirst du deiner grossen oder kleinen Wäsche wegen wohl im Ernste nicht von mir verlangen. Was aber die heutige Unruhe der Knaben betrifft, so beruhige du dich darüber. Es ist morgen die grosse Klassenversetzung, der Quintaner und Tertianer rücken auf, Quarta und Sekunda bleiben sitzen. Praesentiunt, praesagiunt, spei timorisve pleni, das bringt sie so in Bewegung, und wenn du mehr Menschenkenntnis besässest, so hättest du wohl den wahren Grund erraten können."

Der letztere Vorwurf, mit welchem der Rektor, der sich für einen grossen Menschenkenner hielt, gegen seine Gattin freigebig zu sein pflegte, traf sie empfindlich. Sie bezwang sich indessen dieses Mal und fragte ihn nach einer Pause mit einer gewissen scharfen Freundlichkeit: "Sage mir Väterchen, was hältst du von unsrem Gastfreunde?"

"Dieser Kandidat Schmidt hat leider mehr von der modernen ästetischen als von der gründlich gelehrten Bildung abbekommen", versetzte der Rektor. "Wenn er sich mir anvertraute, so wollte ich ihm wohl nachhelfen, denn er ist ein gescheiter, offner Kopf. Was sein Hiersein betrifft, so ist dieses nicht ohne geheime Absichten; er will unter der Hand etwas durchsetzen."

"Hast du das gemerkt?" fragte die Rektorin, betroffen über den Scharfsinn ihres Manns.

"Freilich. Er will etwas über den Eutrop edieren, wozu es denn nun an allen Ecken und Enden fehlt. Da soll der Rektor vorspannen. Deshalb bringt er das Gespräch einigermassen in fastidium, beständig auf diesen Autor, und sucht mich auszuholen."

Sie schöpfte Atem, im stillen überzeugt, dass, wenn sie auch in Nebensachen sich fügen müsse, ihr doch in den Hauptpunkten wohl die herrschaft verbleiben werde. Indem sie ging, noch allerhand häusliche Besorgungen vorzunehmen, konnte sie sich nicht entalten, ihrem Gatten Zurückhaltung über den Eutrop gegen den Kandidaten Schmidt anzuempfehlen.

Siebentes Kapitel

Die beiden Ehepaare gewährten einen eignen Anblick. Der lange und hagre Rektor sass neben der grossen Edukationsrätin, deren kleiner Ehegatte bei der kurzen Rektorin seinen Platz gefunden hatte. Wenn man die verschiednen Längen dieser Personen sich mit Linien umzogen dachte, so kam fast die Figur eines lateinischen Z heraus. Das Gespräch war ziemlich einsilbig; der junge Konrektor sah sich nach Wilhelminen um, die abwesend war und das Mahl bereiten half, Cornelie, welche Tee einschenkte, wartete ängstlich auf Hermann, der sich noch nicht hatte blicken lassen; dem Rektor lag, wie man ihm deutlich ansah, etwas auf dem Herzen.

Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust. "Ehe wir eins in das andre reden", sagte er zum Edukationsrat, "erfordert es die Pflicht, Ihnen, werter Freund, eine Entdeckung zu machen. Sie haben oft für gut gefunden, meine Warnungen zu verachten, die heutige darf deshalb doch nicht unterbleiben. Ihre Söhne haben in der hiesigen Offizin die gefährlichsten Substanzen angekauft, Dinge, womit sie die Gesundheit, ja das Leben selbst in Schaden setzen können."

"Ist mir schon bekannt", versetzte der Edukationsrat sehr ruhig. "Vitriolsäure, Eisenfeilspäne, Schwefel, Salpeter, nicht wahr? der Naturforscher und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen künstlichen feuerspeienden Berg verfertigen, wozu sie die Anleitung in Wieglebs 'Natürlicher Magie' gefunden haben. Man wirft einen Erdhügel auf, setzt den Topf mit dem Gemische hinein, verbindet diesen Herd durch eine Kraterröhre mit der äussren Luft, verstopft die Mündung; nach einigen Stunden ist die Gärung der Stoffe, die entwicklung der Gasarten vollendet, der Propfen wird vom Krater hinweggezogen, und es gibt eine feurige Entladung, welche im kleinen die gewaltige Naturerscheinung recht artig darstellen soll. Ich freue mich selbst auf das Gelingen dieses interessanten Experiments."

"Quid?" rief der Rektor. "Ist es möglich? Freund, Sie stehen an einem Abgrunde, und werden, wenn Ihnen das Haus über dem kopf angezündet worden, oder einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt, vergebens beklagen, nicht gehört zu haben."

"Die natur", sagte der andre, "verletzt nur den, der sich scheu vor ihr zurückzieht. Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kräften zähmt sie. Sitzen über den Büchern bildet Feiglinge, und es ist einer der gröbsten Irrtümer, die Alten, welche sich grade durch ihr inniges Gefühl für die sie umgebende Welt auszeichneten, zu Werkzeugen einer solchen Verzärtelung zu machen."

Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke Prise. Die Abwechselung dieser Genüsse war für die Kundigen immer ein Vorzeichen des herannahenden Sturms. Die Frauen legten die Strickzeuge weg, wie sie bei solcher gelegenheit zu tun pflegten, um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe vorzusitzen. Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch verschoben werden.

Der Fremde, den wir von seiner Hauptbeschäftigung den Hindu nennen wollen, trat zur Gesellschaft. Dieser Mann hatte so oft die Schwerfälligkeit deutscher Gelehrten verspotten hören, dass er sich vorsetzte, in seiner person eine Ausnahme darzustellen.