beschlossen, fest zu beharren bei dem, was sie für wahr erkannten, beide fühlten sonach die notwendigkeit, zu stets bereiter Polemik gerüstet zu sein. Das Bedürfnis, sich in dieser zu üben, hatte die Gegner zueinander geführt, und da sie nebenbei joviale rechtschaffne Männer waren, so schlich sich unter allem Streit und Hader eine aufrichtige Freundschaft ein, die sich schon durch verschiedne wesentliche Dienste, welche einer dem andern erwiesen, betätigt hatte. Freilich konnte ein Dritter bei ihren Zusammenkünften, welche wöchentlich regelmässig einige Male stattfanden, davon nichts merken, denn diese gingen nie ohne hitzige Wortgefechte ab.
Zwischen ihren Häusern hatte sich überhaupt ein förmlicher kleiner Krieg ausgebildet, und es war ein eigenes Idiom entstanden, welches dem Nichteingeweihten unverständlich war. So hatte Hermann bei dem Edukationsrate von den Alten, und bei dem Rektor von den Ständen, wie von lebenden Personen reden hören, und erst durch einige fragen herausgebracht, dass mit dem ersten Ausdrucke die Söhne des Rektors und mit dem zweiten die des Edukationsrats gemeint waren. Die Gattin des letztren tat sich viel auf den Einfall zugute, dass der Rektor alles Ernstes bedaure, seinen Hirten nicht Schweine hüten zu sehen, weil dieser in seiner gegenwärtigen Verfassung doch noch keine vollkommne Ähnlichkeit mit dem Homerischen Vorbilde zeige; die Rektorin dagegen nannte ihre rüstige Freundin wegen des schon berührten Stabes nie anders als die speerschwingende Minerva.
Das Geschick hatte noch ausserdem für Mehrung der Verwicklungen gesorgt. Durch eine besondre Nemesis sah sich der Edukationsrat gezwungen, seinen Pastor, bei dem es denn doch nun einmal ohne Römer und Griechen nicht abgehen konnte, zu dem Widersacher auf das Gymnasium zu schicken. Lange hatte er sich gesträubt; der Knabe, welcher ohnehin keinen raschen Kopf hatte, war daher für seine Jahre zurückgeblieben und sass in einer unteren Klasse. Diesen Umstand verfehlte der Rektor nicht bei gelegenheit gehörig aufzustechen. Im stillen hatte er sich vorgenommen, dem Pastor, sobald er nur erst die Rudimente hinter sich hätte, selbst alle mögliche Nachhülfe zu geben, ihn der Kanzel zu unterschlagen, aus ihm einen Philologen zu bilden, und so dem Gegner aus seinem eignen Blute den Rächer an den verachteten Klassikern zu wecken.
Dagegen erlebte der Rektor nun wieder an seinen Knaben manches Leidwesen. Ihnen war streng jeder Umgang mit den Söhnen des Edukationsrates untersagt worden, von welchen der Vater nur Zerstreuung und allerhand törichte Streiche besorgte. Aber die Alten fühlten eine unbezwingliche Neigung zu den Ständen, die immer etwas Neues vorzuweisen und anzugeben hatten, und befriedigten dieselbe auf hundert und aber hundert Schleifwegen. Gegenseitig wurden geheime Besuche abgestattet, denen der Edukationsrat mit stiller Schadenfreude nachsah, der Rektor dagegen durch einen Vorpostendienst, zu dem er sich selbst in Haus, Hof und Garten bequemen musste, möglichst entgegenzutreten strebte.
Alles dieses störte indessen die Geselligkeit beider Familien nicht, und so war auch an dem Tage, von welchem hier die Rede ist, ein Abendessen im Garten des Rektors verabredet worden. Der Fischer hatte der Rektorin einen grossen Hecht, frisch aus dem wasser gezogen, überbracht, welcher nicht allein verzehrt werden durfte.
Cornelie, welche das Lustäuschen zum Empfang der Fremden aufschmückte, kam von ihrer Arbeit eilig zu Hermann und sagte leise zu ihm: "Bringen Sie doch heute etwas auf, worüber kein Streit entstehen kann. Ich weiss gar nicht, warum sie hier zusammenkommen, wenn sie immer miteinander Zwist haben wollen. Es hört sich so unangenehm zu." Er ging und sann, wie er ihrem Gebote Folge leisten solle.
Als gegen die Zeit des Besuches der Rektor in das Lustäuschen trat, sah ihm seine Gattin einige Verstimmung an. "Wir bekommen noch einen Fremden, der mir nicht ganz gelegen ist", sagte er "* übernachtet auf seiner Reise nach * in unserm Orte, und hat sich anmelden lassen. Er ist mir als Feind meines teuren, hochverehrten Johann Heinrich, und weil er, der Gelehrte, mit Süssduft und Modeschwatz den Chevalier, equitem, spielen will, äusserst widerwärtig, dennoch habe ich ihn, heuchlerischer Weltsitte gemäss, die auch den Biedern zwingt, willkommen heissen müssen."
"Spricht er denn noch deutsch, oder schon nichts als Sanskrit und Prakrit?" fragte die Rektorin.
"Ich bitte dich, schweige. Bilem moves, ich möchte unartig werden, wenn mir bei seinem Anblicke die indischen Ungeheuer einfielen."
Der Rektor befand sich, wie er immer pflegte, wenn er nicht ausging oder Schule hielt, im Schlafrock und Pantoffeln. Die Gattin ermahnte ihn, für heute, des fremden Gastes wegen, die bequeme Hauskleidung abzulegen, erhielt aber einen verneinenden Bescheid. "Das fehlte noch", rief er, "dass ich um des alten Gekken willen, von ehrbarer Gewohnheit abweiche! Nein, deus haec nobis otia fecit. Wer mich nicht sehen will, wie ich bin intra privatos parietes, der bleibe haussen."
Die Rektorin, welche bei aller achtung und Liebe für ihren Mann dennoch einen blick für seine kleinen Lächerlichkeiten hatte, und oft befürchtete, dass er dadurch den Spott Dritter über sich hervorrufen möchte, war über die Weigerung etwas verdriesslich. Wie die Frauen sind, die gern im Angenehmen und Unangenehmen beharren, sie brachte gleich noch ein Zwietrachtstema hervor. "Ich weiss nicht, was heute einmal wieder mit unsern Kindern sein mag", sagte sie. "Sie lassen sich kaum blicken; wenn ich einen sehe, so verkriecht er sich, oder macht ein sonderbares Gesicht. Gewiss ist eine ausbündige Schelmerei und