Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers grosse Mühe und viele Zeit verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt nur rühmlichst genannt wurde.
Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen- und Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen, und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wusste nicht, warum? "In flachen Gegenden oder auf dem Meere" sagte jener Autor, "gibt es ein Phänomen, welches man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich frühmorgens in den Dünsten ab, welche den Luftkreis durchziehn, das Tagesgestirn scheint schon aufgegangen zu sein, während es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt. Etwas Ähnliches begegnet oft im Leben. Das Schöne, Reizende, Wünschenswerte zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann schon zu besitzen, und doch ist es vorderhand nur ein Schein, der erst einige Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will."
Sechstes Kapitel
In der Lektüre und in den dadurch angeregten Gedanken störte ihn ein dumpfes Geräusch, welches vom Nebenhäuschen im hof heraufdrang. Er sah die Knaben des Rektors, welche schon abends zuvor im väterlichen haus wieder eingerückt waren, auf den Stufen der Vortreppe übereinander sitzen, und hörte ihre Vorbereitung zu den morgen aufs neue beginnenden Lektionen. Da sie verschiednen Alters waren, so reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinität von "alauda cantat" bis zum Exponieren des Virgil. Ganz laut wurden diese Studien betrieben, wodurch ein Geräusch entstand, nicht unähnlich demjenigen, welches in einer Judenschule zu tönen pflegt. Was Hermann in Erstaunen setzte, war, dass keiner den andern irrte, vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden Beschäftigungen, die ihm vor dem Ohre klangen, fortlernte.
Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte, kamen zwei Söhne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertür geschlichen. Es war der Naturforscher und der Baumeister. Erstrer trug eine grosse Flasche, letztrer einen Topf und ein leinenes Säckchen. Sie sahen sich vorsichtig um, als fürchteten sie, bemerkt zu werden, und schlichen sodann zu den Lateinern.
Sobald diese jene bemerkten, warfen sie Bröder, Cäsar und Virgil weg, stiessen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein heimliches Gespräch, wobei von letzteren viel auf Flasche, Topf und Beutel gedeutet wurde. Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte, zog der ganze Trupp durch die Hintertür nach dem wüsten platz ab, welcher dort zwischen Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag. Durch die offne tür sah Hermann sie noch an der Erde graben und wirtschaften, ohne gewahr werden zu können, was sie eigentlich vornahmen.
Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor, ob seine Söhne Grammatik und Autoren immer auf die Weise behandelten, welche er wahrgenommen hatte.
"Jederzeit", antwortete dieser. "Sprache kommt her von Sprechen. Man kann sie nur laut lernen. An dem hörbaren Schalle prägt sich alles lebendiger ein; stilles Lesen und Memorieren ist nur ein halbes Werk."
"Ich habe mich deshalb auch genötigt gesehen, die Jungen nach dem Nebengebäude zu verweisen, welches früher eine Waschküche war, denn im haus war das Getöse nicht auszuhalten", sagte die Rektorin.
"Es gab allerdings zuweilen multum clamoris", sprach der Rektor gravitätisch. Hermanns Besuch bei dem Edukationsrate war ruchtbar geworden, und diese Nachricht gab zu allerhand Scherzen über diesen Mann und sein Erziehungswesen Veranlassung, worin besonders die Rektorin unerschöpflich war. Sie verschonte auch sein Zöpfchen nicht, welches er freilich, auffallend genug, noch trug, da doch dieser Zierat schon längst abgekommen ist, und meinte, er lasse es nach seinem Grundsatze von der Freiheit der Entwicklung stehen, weil die Haare nun einmal diese Richtung genommen hätten.
"Dieser sonst würdige Mann und mein Freund wird durch seine fast pueril zu nennenden Grillen noch einmal das grösste Unglück herbeiführen", sagte der Rektor. "Heute morgen vertraute mir der Apoteker, welcher hier vorbeikam, dass zwei seiner nebulonum, der sogenannte Naturforscher und der Architekt, in der Offizin fünf Pfund Eisenfeilspäne und eine grosse Flasche Vitriolsäure angekauft hätten. Was nun die Knaben damit Verderbliches beginnen wollen, mögen die unsterblichen Götter wissen."
Bei diesem Hin- und Herreden wurde Hermann, der sich nun auch noch an so manches aus den Gesprächen des Edukationsrats erinnerte, das sonderbarste Verhältnis offenbar, eins von denen, welche der deutschen Stuben- und Gelehrtenwelt eine so wunderliche Gestalt geben. Beide Schulmänner gingen von Prinzipien aus, die, jedes in seiner Art, etwas für sich hatten. Denn alle Bildung bestand ja von Anbeginn der geschichte nur darin, dass man entweder durch einen mächtigen allgemeinen Begriff das Individuum zu steigern versuchte, oder sein besondres Innres erforschend, es zu entfalten suchte. Da sie nun aber diese Grundsätze auf die Spitze trieben, so sahen sie sich mit der Welt, welche eigentlich beide zu einer unbestimmten Mitte verflacht wissen will, in beständigem Widerstreite. Häufig kam der Fall vor, dass Eltern ihre Söhne dem Edukationsrate nach kurzer Frist wieder wegnahmen, "weil sie bei ihm nichts lernten", und der Rektor war schon verschiedentlich von der obern Behörde scharf bedeutet worden, die Kräfte der Jugend weniger anzugreifen, und über das Studium der Alten nicht alles andre zu vernachlässigen.
Beide hatten aber