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Verkehr hatte, begrüsste ihn, und sagte: "Wie geht es dir, männerbeherrschender Sauhirt?"

"Herr Rektor", versetzte der Hirt, "Sie wissen es ja, dass ich keine Schweine hüte, sondern nur Ziegenund Schafvieh. Und was die Männerbeherrschung angeht, so bin ich froh, wenn ich meine Herde in Ordnung halte, mit weiterem Regiment gebe ich mich nicht ab. Aber Sie haben hier so oft die alte geschichte von dem mann erzählt, der, ich weiss nicht, wie? heisst, und so lange fortgewesen ist, und endlich zurückkommt und bei dem Hirten liegt ..."

"Nun, und? Pergas!" sagte der Rektor.

"Ich meine nur, dass noch alle Tage kuriose Dinge vorfallen können", sagte der Hirte.

"Nun erzähle mir, wie deine Reise abgelaufen ist", sagte die Rektorin zu ihrem mann.

"Ganz nach Wunsch", versetzte dieser. "Unsre Zeugnisse und Bescheinigungen sind endlich als gültig angenommen worden. Wir haben nur noch den üblichen Eid zu leisten, dass wir seit dem Verschwinden Eduards nichts von ihm vernommen haben und ihn wirklich für tot halten, und dazu ist schon der nächste Donnerstag angesetzt worden. Tandem aliquando, kann ich sagen; die Bibliotek ist unter Brüdern das Dreifache wert, was dafür gefordert wird."

Beide Gatten ergingen sich noch in behaglichen Gesprächen über die gehabte Mühe, die nunmehr hinter ihnen lag, Hermann war in eigne Gedanken verloren, und Cornelie zerpflückte wie im Traume Blumen. Aus diesem gespräche und Sinnen wurden alle durch einen dumpfen Schrei aufgeschreckt, den der Fremde ausstiess. Sie sahen sich um, und erblickten den jungen Schulmann, der neben Wilhelminen, verlegen, die Augen gesenkt, stand. Auch sie war errötet. Der Fremde erhob sich, und ging in die Hütte. Man konnte bemerken, dass er wankte.

Hermann war ihm gefolgt. Der Fremde lag schluchzend, das Haupt auf einen Tisch gelegt, und rief, da er den Eintretenden in seinem Schmerze nicht gewahr wurde, selbstvergessen: "Ja, ich bin ein Toter, und unter den Lebendigen ausgetan!" – In Hermann stieg blitzschnell eine Vermutung auf, die ihn vermochte, leise wie er eingetreten war, die stube zu verlassen, um nicht eine zu gewaltsame Szene herbeizuführen.

Er sagte der draussen wartenden Gesellschaft, dass der Wandrer von der grossen Anstrengung, die er gehabt, ein Übelbefinden gespürt habe, jedoch sich schon wieder erhole, und bewog sie, von weitrer sorge um ihn abzustehn, und den Rückweg nach der Stadt anzutreten.

Nach so mannigfaltigen Vorfällen, die sich im engen Rahmen einer beschränkten bürgerlichen Haushaltung ereignet hatten, fühlte er das Bedürfnis der Einsamkeit, und war sehr froh, als er sich nach überstandnem Abendessen auf seinem Erkerzimmerchen befand. Er liess den Zustand, in den er, ohne es zu wollen, eingetreten war, an seiner Seele vorübergehn, und wenn ihm die Weise dieser Leute freilich etwas eng und einförmig vorkommen wollte, so fühlte er doch, dass auf so schlichtem Denken und Empfinden eigentlich das Glück des Daseins ruhe. Aber auch dieser Idylle waren die düstern Farben der entsetzlichen Welterschüttrung zugeteilt, auch in sie ragte eine fremde unheimliche Gestalt hinein. "Ach!" rief er aus, "wer kann jetzt wissen, ob er nicht auch einmal, unkenntlich seinen nächsten, fremd und abgeschieden umherschwanken wird?"

Er sah durch das Fenster. Ein schöner Stern ging hell am Horizonte auf. In diesem Augenblicke trat das Bild Corneliens wieder vor seine Seele, und eine innige Wärme durchdrang ihn. Er hatte nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und doch war es ihm, als kenne er sie seit Jahren. Er hatte geglaubt, sein Herz sei in Liebeshändeln abgemüdet, und nun kam es ihm vor, als habe er noch nie empfunden. Er fühlte ein unaussprechliches Verlangen, sich anzuheften, anzuklammern, und dem zweck- und planlosen Leben ein Ende zu machen. Mit diesen frommen Regungen sank er auf sein Lager zum erquickendsten Schlummer nieder.

Fünftes Kapitel

Gestärkt durch einen freundlichen Gruss Corneliens, welche ihm frisch wie der Morgen begegnet war, ging er andern Tages, sobald es ihn schicklich dünkte, zum Edukationsrat. Sie schien ihm freier zu sein, als gestern.

Bei dem Edukationsrate hatte er bald sein Geschäft in Richtigkeit gebracht. Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen. Er fand sie allerdings geeignet, dem Systeme, wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden sollten, Nachdruck zu verschaffen. Sie war von ungewöhnlicher Grösse, starken Gesichtszügen; auf ihrer Oberlippe liess sich ein leichtes Bärtchen nicht verkennen. "Nach Ihrer Erzählung ist das Kind, dessen Sie sich annehmen, mittellos, folglich zum Dienen bestimmt", sagte sie zu Hermann. "Ich werde sie daher mit besondrer Strenge zum Kochen, Backen und Spinnen anführen, und wenn sie soweit ist, sich selbst zu helfen, ihr eine Kondition verschaffen."

Hermann musste hierauf mit den beiden Ehegatten einen gang durch das Gebäude machen, um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen. Das Haus war früher ein städtisches Mehlmagazin gewesen, und konnte noch nicht ganz seine vorige Bestimmung verleugnen. Denn abgesehen davon, dass darin, nach der Klage seiner Führer, eine unermessliche Anzahl Grillen zurückgeblieben war, wozu sich, wie sie sagten, nunmehr leider auch beträchtliche Wanzenscharen zu gesellen schienen, so waren auch noch nicht sämtliche Räume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut. Der Edukationsrat hatte mit mässigen Geldkräften anfangen müssen