"Wenn das Eichhorn sein Nest sehr dick baut, so gibt es Regen und kühle Witterung bis Fronleichnam, und danach kommt eine gute Ernte. Bauen sie dünn, so folgt Dürre und Trocknis und die Saat verbrennt in der Erde."
Hermann trat mit einer höflichen Verbeugung zum Edukationsrat, sagte ihm ungefähr das nämliche, womit er sich bei der Rektorin eingeführt hatte, und bat um die Erlaubnis, ihn besuchen zu dürfen. Der andre verhielt sich zwar darauf freundlich, aber doch ganz trocken und kurz, und Hermann konnte bemerken, dass die Schmeichelei auf diesen Mann keinen Eindruck machte. Desto gesprächiger ward er, als ihn jener auf sein System brachte, welches ein Gemisch von Basedowischen, Pestalozzischen und Jacototschen Reminiszenzen war.
Während dieser Unterredung hatten die Knaben umher ihr Wesen getrieben. Zu seiner Verwundrung hörte Hermann, dass sie einander nicht bei den Namen, sondern nach Ständen riefen. Hinter dem Gebüsche fiel ein Schuss; einer der Knaben kam mit der Vogelflinte und dem Erlegten heraus, und wurde von einem zweiten als Förster angesprochen mit der Frage, was er geschossen habe? Der Förster versetzte: "Ich weiss es nicht, besieh du ihn, Naturforscher." Der Naturforscher nahm den Vogel, betrachtete Brust, rücken und Flügel, und sagte: "Es ist die gemeine Amsel; turdus merula. Linné." Ein kleiner muntrer Junge verliess sein Spielwerk von Sand und Steinen an der Erde, sprang neugierig zu den Brüdern und wurde der Baumeister genannt. Ausserdem war noch ein Pastor zur Stelle, ein stiller Knabe, der blöde vor sich hinsah.
"Wie soll ich die Benennungen verstehen, welche sich Ihre Söhne untereinander geben?" fragte Hermann.
"Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist es mein Grundsatz, die mir anvertrauten Zöglinge auf dem kürzesten Wege zu Menschen, welche dem wirklichen Leben angehören, auszubilden", erwiderte der Edukationsrat. "Ich wünsche sie ohne Umschweife zu dem zu machen, wozu man nach der alten Manier nur infolge der schmerzlichsten Pilgerschaft wurde, nämlich zu Bürgern. Deshalb ist in meinen Lehrplan nur das aufgenommen, was sie in ihrem künftigen Berufe unmittelbar brauchen: Länder- und Völkerkunde, Gewerbe, Naturwissenschaft, geschichte der neuesten Zeit. Von Sprachen, namentlich von den toten, nur das Notdürftigste. Ich leugne die Würde des Gelehrten nicht, aber die Menschen so erziehen, als ob sie alle Gelehrte werden sollen, heisst das Bette des Prokrustes von neuem in Anwendung bringen.
Am günstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners, wenn früh sich entschiedne Neigungen zeigen, die den künftigen Stand vorbedeuten. Denn der Stand ist eigentlich der Mensch. Dieses Glück hatte ich bei meinen Söhnen. Sobald die beiden ältesten nur auf ihren Füssen stehen konnten, schleppten sie an Steinen, Pflanzen, toten Tieren herbei, dessen sie habhaft wurden. Ich bemerkte indessen, dass der eine sich mehr mit dem Erbeuten, der andre mehr mit dem Trocknen und Aufbewahren abgab. Auch verliess den ersten bald die Lust am Mineralreiche; er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen. Steckte nun also nicht in jenem der geborne Jäger, und in diesem der Naturforscher? Der Kleine dort, der Baumeister, schnitt, seitdem er die hände zu regen vermochte, Figuren in Papier und Pappe aus, und der Pastor, über den ich am längsten unklar gewesen bin, hat mich endlich dadurch von seiner Anlage überzeugt, dass er stundenlang still sitzen, und dann plötzlich aus dem Stegreife anfangen kann, Verse zu deklamieren. Anfangs gaben wir die Namen, welche Ihre Aufmerksamkeit erregt haben, den Knaben zum Scherz, nach und nach ist bei uns und ihnen, ja in der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden, und sie werden nun in jeder Hinsicht so behandelt, als seien sie das schon, was sie werden sollen."
Hermann fühlte, dass man mit diesem mann in der Kürze handelseins werden könne. Er fragte ihn, ob in seinem haus auch Mädchen erzogen würden?
"Allerdings", versetzte jener. "Mit ihnen hat aber lediglich meine Frau zu tun, ich bekümmre mich nicht um sie. Wir nehmen auch nur solche auf, welche durch irgendeine üble Gewohnheit oder einen eingewurzelten Fehler, meiner Frau, welche einen ausserordentlichen Tätigkeitstrieb hat, ein Interesse gewähren. Gute, reinsittliche Kinder gehören nirgends anders hin, als unter die Flügel der Mutter, und das neuere Pensionswesen führt nur zur Koketterie oder zur Bleichsucht. An den Verwahrloseten aber verrichtet meine Frau wahre Wunder der Besserung."
Diese Erklärungen waren, wie sie Hermann nur wünschen konnte. Er trug dem Pädagogen sein Anliegen vor und verschwieg nicht, dass Flämmchen diesem vielleicht nur zu unbändig erscheinen werde.
"Das hat nichts zu sagen", versetzte der Edukationsrat. "Wenn Sie meine Frau kennenlernen, werden Ihre Zweifel schwinden. Die Sache ist abgemacht; wir haben grade einen Platz offen, da wir gestern eine Gebesserte ihren Eltern zurückschickten. Sie legen die Jahrespension bei mir nieder, und können dann Ihr Komödiantenkind bringen, wann Sie wollen."
Beide gingen miteinander den Abhang hinunter, dem Tore zu; der Hirt aber, welcher ihrem gespräche kopfschüttelnd zugehört hatte, sagte: "Wenn ein Stück krank wird, so nehme ich mich der Kreatur an; aber das sollte mir fehlen, eine räudige Herde mir zusammenzubetteln." Er wollte sich hierauf in der Mitte der Ziegen und Schafe niedersetzen, um sein Brot mit Käse zu verzehren, als sich ihm vom wald her eine sonderbar aussehende Figur